Sonnenscheinplatz

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Mit hängender Zunge umrundete ich die Häuserecke und sah sie schon stehen.
Zwar war sie noch nicht bei meinem Wagen angekommen, aber bei dem Nachbar-PKW tippte sie eifrig in ihr mobiles Gerät – die Politesse.

Ohne aufzublicken oder sich stören zu lassen, sagte sie in aller Gelassenheit zu mir: „Hoffentlich ham Se noch keen Geld ausjegebn.“

‘Perfide‘, dachte ich bei mir, ‘jetzt bedauert sie sogar, dass ich schneller war als sie und sie ein Knöllchen weniger schreiben darf‘.

Triumphierend hielt ich den gerade gelösten Parkschein hoch.

„Ja, schade“, berlinerte sie, „det Geld hätten Se sich spaan könn‘.“ Selbstzufrieden schlenderte sie die paar Schritte hinüber zu mir.

Wie jetzt …?

Sie sah das Fragezeichen auf meinem noch atemlosen Gesicht überdeutlich und setzte zu einer Erläuterung an:
„Sie stehn nämlich uff eem Sonnenscheinplatz.“

Jetzt bestand ich pur aus Fragezeichen.

Es machte ihr sichtlich Spaß, dass sie – augenscheinlich – wieder jemanden Unwissenden vor sich hatte, den sie schlauer machen (oder hochnehmen?) konnte, das „Äätsch“ in ihrer Stimme war kaum unterdrückt.

Vergnügt examinierte sie mich: „Wo steht denn det Schild?“

Na, direkt an meinem Auto, so halb knapp Höhe Fahrertür …?

„Genau!“ Sie war mit meiner geistigen Leistung hoch zufrieden.

„Und ab da gilt det auch erst“, sie zeigte in die Richtung von mir weg. „Aber Sie stehn noch VOR dem Schild – also uff eem Sonnenscheinplatz. Und da müssen Se noch nich bezahlen.“ Das Grinsen konnte sie kaum unterdrücken.

Kein Scheiß?

„Nee, det is so. Wenn die so doof sind, det Ding nich richtig uffzustelln … Wer HIER parkt, muss noch nich bezahlen.“

Ach? Und Ihre Kolleginnen wissen das auch? Wieso erfährt man sowas nicht?

„Naja“, sie glänzte förmlich vor innerem Vergnügen, „wir werden det ooch nich überall rumerzählen – da hat die Stadt noch paar Einnahmen mehr. Wenn det keener weiß, ziehn die doch alle den Parkschein.“

Ich hatte den Eindruck, ihr Tag war gerettet. Freundlich lächelnd schlenderte sie von dannen.

Und ich hatte wieder etwas gelernt.

(Dies ist eine wahre Geschichte aus Duisburg.)

noé/2016

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Kommentare

15. Apr 2016

Geschichten, die das Leben schreibt:
Manchmal man sich die Augen reibt ...
(Bertha Krause war das NICHT!
Da wären hundert Euro Pflicht ...)

LG Axel