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AU 2008 04 Melbourne, Great Ocean Road

Bild von Willi Grigor
Bibliothek

Ein Prunkstück der südlichen Welt

22. Februar 2008

Mit freundlichen und lockenden Worten erhielten wir die eindringliche Empfehlung, eine Tagestour zur und auf der Great Ocean Road zu machen. Acht Tage waren wir jetzt jeden Tag unterwegs in Melbourne. Eine Bustour hinaus aufs Land lockte tatsächlich. Es sind ja nur ca. 80 Kilometer von Melbourne bis zum Beginn dieser einzigartigen Straße an der australischen Südküste.

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Es gibt sie, die Road in Australia,
an die man nicht glaubt, bevor man sie sah.
Sie schlängelt vorbei sich an Meerwasserwellen
und zeigt dir die Aussicht auf prachtvolle Stellen.

Der Flug nach Australien ist sicherlich lang,
doch ist man mal da, fährt die Gread Road entlang,
dann ist man begeistert, beeindruckt, betört
und weiß, dass der Umweg zu ihr es war wert.

Soldaten sie bauten, mit Hacke und Spaten,
wie viele dort starben ist nur zu erraten.
Sie bauten und schufen - die Frage sich stellt:
d a s Prunkstück von Straße der südlichen Welt?
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Die Great Ocean Road ist eine rund 250 km lange Straße, die sich entlang der australischen Südküste zwischen Geelong und Warrnambool im Bundesstaat Victoria zieht. Sie wurde zwischen 1919 und 1932 gebaut, zum einen als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für heimgekehrte Soldaten des ersten Weltkriegs, zum anderen, um eine Straßenverbindung zu den zuvor nur per Schiff zugänglichen Küstenorten zu schaffen. (Wikipedia)

In der Touristeninformation sahen wir, dass es zahlreiche Anbieter für Tagestouren gab. Wir entschieden uns für einen kleineren Anbieter, da er am billigsten war und eine persönliche Führung versprach. (“Travel in company not a crowd”). Außerdem werden wir an der Wohnung abgeholt und wieder dort hingebracht. Das war ein großes Plus.
Chris, so hieß der noch junge Fahrer und Guide, kam pünktlich am frühen Morgen mit einem etwas betagten Kleinbus für 12 Personen. Außer Chris saßen nur zwei Personen darin. Es waren zwei junge deutsche Männer, die ein Jahr durch Australien fahren wollten und den Unterhalt durch sporadische Arbeit (meist Obst und Gemüse ernten) verdienen. Dafür gibt es ein spezielles Einreisevisum.
Wir hatten schon 2006 solche “Backpackers” kennengelernt. Man trifft sie überall.

Chris sagte, dass wir jetzt in das Zentrum von Melbourne fahren, um eine letzte Mitreisende abzuholen. Wir waren also nur fünf Leute und es sollte tatsächlich eine ziemlich persönliche Führung werden.
Chris fuhr in der Innenstadt durch “Chinatown”, das wir vorher noch nicht entdeckt hatten und so aussah, wie man sich ein chinesisches Viertel vorstellt. Vor einem kleinen Hotel wartete schon die fünfte Teilnehmerin der Tour: eine Studentin aus Japan, die aus dem gleichen Grund wie die beiden Deutschen nach Australien gekommen war. Gullan und ich hoben das Durchschnittsalter im Kleinbus auf ein akzeptables Niveau.

Die Fahrt bis nach Torquay, wo die Great Ocean Road beginnt der Küstenlinie zu folgen, dauerte ca. 1,5 Stunden. Es war eine ziemlich uninteressante Strecke und Chris spulte auch ziemlich uninteressiert seine Informationen ab. Dies änderte sich aber ab Torquay und Chris ließ erkennen, dass er ein sehr engagierter Natur- und Tierfreund ist. Er zeigte auf jeden vorbeifliegenden Vogel und nannte seinen Namen. Er versprach uns, dass wir Adler sehen werden, Kängurus und Koalas. Er machte Umwege, um uns besondere Küstenstrecken und Regenwaldgebiete zu zeigen, aber auch Abholzungen von altem Baumbestand, welches er mit Nachdruck verurteilte. Das Holz wird hauptsächlich nach Japan zur Papierherstellung verkauft. Auf der Rückfahrt zeigte er uns große Holzschnitzel-Halden, bereit zur Verschiffung. Er schimpfte auf die Eigentümer und die Regierung, die dies zuließ. Er war sehr engagiert.

Die ersten 90 km von Torquay bis zur Apollo Bay mit dem großen Informationszentrum war geprägt durch die sich an der zum Teil steilen Küste entlangschlängelnden Straße, fast durchweg nur wenige Meter vom Meer entfernt. Chris erinnerte uns daran, dass dieses Stück erst der Anfang ist und dass die Arbeiter (zum größten Teil im Straßenbau unerfahrene ehemalige Soldaten) in den 1920er Jahren in schwierigstem Gelände mit ihren Händen unmenschliche Leistungen vollbrachten. Wir machten mehrere Stopps. Wir waren begeistert. Die meisten der vielen Fotos, die ich hier machte (machen musste), sind aber uninteressant im Vergleich mit der Küstenstrecke, die noch kommen sollte.

Chris wollte sein Versprechen einlösen und uns Koalas in freier Natur zeigen. Diese haben wir bisher nur in einem Freigehege gesehen. Er machte einen Abstecher und versprach einen kleinen Preis an den, der als erster einen Koala sieht. Ich gewann und bekam einen Preis: einen Mini-Koala, made in China.

Als unsere Augen sich daran gewöhnt hatten, sahen wir mehrere dieser in Astgabeln sitzenden, niedlichen Tiere. Das japanische Mädchen konnte sich gar nicht mehr beruhigen und wollte so eins am liebsten im Arm halten. Einige saßen so niedrig, dass man sie hätte berühren können. Diese kauzigen, lieben Tiere waren noch herziger als man sie vom Fernsehen her kannte.

Chris freute sich, dass wir uns freuten und erzählte mehr über die Koalas hier: Der anliegende Großgrundbesitzer hat die Eukalyptusbäume auf seinem Land abgeholzt, um mehr Weideland zu schaffen. Die Koalas drängen sich jetzt auf einem kleinen Gebiet hier und fressen die letzten Bäume leer. Das hat zur Folge, dass die Bäume absterben und die Koalas hier auf Dauer nicht überleben können. Es gibt mehr als hundert Arten Eukalyptusbäume aber die Koalas fressen nur Blätter von wenigen dieser Arten.

Der nächste Anhalt war ein kleiner Rest Regenwaldgebiet in dieser Gegend, jetzt Naturschutzgebiet. Es liegt ziemlich hoch. Die Wolken streichen über das Gebiet und es ist fast immer feucht.
Ein schöner Rundpfad führte hindurch, es war beeindruckend. Leider sind die meisten meiner Fotos von dieser kleinen Regenwald-Wanderung verwackelt.

Bei der Weiterfahrt machte Naturfreund Chris wieder einen kleinen Umweg und zeigte uns einen Kahlschlag, über den er wetterte, weil das Holz nach Japan zur Papierherstellung verwendet wird. Was dachte wohl das Mädchen aus Japan in unserem Bus?

In der Broschüre stand, dass im Preis ein Mittagessen enthalten ist. Wir wurden langsam hungrig und fragten uns, wo wir hier ein entsprechendes Restaurant finden werden. Chris hatte etwas von französischem Essen angedeutet. Er war auch ein kleiner Spaßvogel, wie sich bald zeigen sollte.
Er fuhr von der Straße ab und sicherlich 20 km auf Sandwegen durch die Landschaft und in ein schönes, grünes Tal mit weidenden Kühen.

Er hielt an und sagte, das Mittagessen wird serviert. Innerhalb von fünf Minuten legte er ein kleines Picknick-Buffet auf einen Klapptisch. Einfach aber zünftig.

Direkt hinter uns wuchsen jede Menge herrliche Brombeeren als Nachspeise. Chris erzählte, dass ein Deutscher, Baron Ferdinand von Mueller, neben vielen anderen Pflanzenarten auch die Brombeere nach Australien brachte. Sie sind hier nicht so beliebt weil sie sich im perfekten Klima ungehemmt ausbreiten.

Jetzt waren wir auf dem Weg zum großen Abschluss unserer Tour: die Küstenstrecke zwischen Princetown und Port Campbell. Hier gibt es die großartigsten Auswaschungen an der braunen Kalkstein-Felsenküste. Zu Beginn die berühmten “Twelve Apostels”: Riesige Felsbrocken, mit einigen Metern Abstand von der Küste. Die Küstenformationen selbst fanden wir sogar noch imposanter.

Nach diesem faszinierenden Küstenabschnitt schwenkten wir wieder in Richtung Melbourne. Chris wählte allerdings anfangs kleine Sandwege durch den Busch. Wir sahen wieder Koalas, Adler (Wedgetail Eagels mit 2,5 Meter Spannweite) und natürlich Kängurus.

Nach 14 Stunden und ca. 600 Kilometer Fahrt waren wir wieder in unserer Wohnung. Wir waren müde aber froh, dass wir der "dringlichen" Empfehlung gefolgt sind und so mit dem hervorragenden Guide Chris einen wunderbaren Tag auf einem wunderschönen Abschnitt der Great Ocean Road und deren näheren Umgebung verbringen durften.

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© Willi Grigor, 2008 (Rev. 2016)

Unsere Strecke: A Torquay, B Apollo Bay, C Princetown, D Port Campbell