Der kleine Häwelmann

von Theodor Storm
Bibliothek

(Ein Kindermärchen.)

Es war einmal ein kleiner Junge, und der hieß Häwelmann; des Nachts schlief er in einem Rollenbett und auch des Nachmittags, wenn er müde war; wenn er aber nicht müde war, so mußte seine Mutter ihn darin in der Stube umherfahren, und davon konnte er nie genug bekommen. Nun lag der kleine Häwelmann eines Nachts in seinem Rollenbett und konnte nicht einschlafen, die Mutter aber schlief schon lange neben ihm in ihrer großen Bettstelle; die hatte aber vier ganz steife Beine und auch gar keine Rollen, denn es war eine Himmelbettstelle. Mutter, rief der kleine Häwelmann, ich will fahren! und die Mutter langte im Schlaf den Arm aus dem Bett, und rollte die kleine Bettstelle hin und her, immer hin und her; und wenn ihr der Arm müde werden wollte, so rief der kleine Häwelmann. Mehr, mehr! und dann ging das Rollen wieder von Neuem an. Endlich aber schlief sie gänzlich ein, und so viel Häwelmann auch schreien mochte, sie hörte es nicht. Es war rein vorbei. - Da dauerte es nicht lang, so sah der Mond in die Fensterscheiben, der gute alte Mond; und was er da sah, war so possierlich, daß er sich erst mit seinem Pelzärmel über das Gesicht fuhr, um sich die Augen auszuwischen; so etwas hatte der alte Mond all sein Lebetage nicht gesehen. Da lag der kleine Häwelmann mit offenen Augen in seinem Rollenbett, und hielt das eine Beinchen wie einen Mastbaum in die Höhe; sein kleines Hemd hatte er ausgezogen und hing es wie ein Segel an seiner kleinen Zehe auf; dann nahm er ein Hemdzipfelchen in jede Hand und fing mit beiden Backen an zu blasen; und allmählich leise, leise fing es an zu rollen, über den Fußboden, dann die Wand hinauf, dann kopfüber die Decke entlang und dann die andere Wand wieder hinunter. Mehr, mehr! schrie Häwelmann, als er wieder auf dem Boden war; und dann blies er wieder seine Backen auf, und dann ging es wieder kopfüber und kopfunter. Es war ein großes Glück für den kleinen Häwelmann, daß es grade Nacht war und die Erde auf dem Kopf stand; sonst hätte er doch gar zu leicht den Hals brechen können.

Als er dreimal die Reise gemacht hatte, guckte der Mond ihm auf einmal ins Gesicht. Junge, sagte er, hast du noch nicht genug? Nein, schrie Häwelmann, mehr, mehr! Mach mir die Thür auf! Ich will durch die Stadt fahren; alle Menschen sollen mich fahren sehen. Das kann ich nicht, sagte der gute Mond; aber er ließ einen langen Strahl durch das Schlüsselloch fallen, und darauf fuhr der kleine Häwelmann zum Hause hinaus. Es war eigentlich ein großes Glück für ihn, daß er noch ein so ganz kleiner Junge war; sonst hätte er in dem engen Schlüsselloch doch gar zu leicht zu Schaden kommen können.

Auf der Straße war es ganz still und einsam; die langen Häuser standen im hellen Mondschein und glotzten mit ihren schwarzen Fenstern recht dumm in die Stadt hinaus; aber die Menschen waren nirgends zu sehen. Es rasselte recht, als der kleine Häwelmann in seinem Rollenbette über das Straßenpflaster fuhr, und der gute Mond ging immer neben ihm und leuchtete. So fuhren sie Straßen aus, Straßen ein; aber die Menschen waren nirgends zu sehen. Als sie bei der Kirche vorbeikamen, da krähte auf einmal der große goldene Hahn auf dem Glockenthurme. Da hielten sie still. Was machst du da? rief der kleine Häwelmann hinauf. Ich krähe zum ersten Mal! rief der goldene Hahn herunter. Wo sind denn die Menschen? rief der kleine Häwelmann hinauf. Die schlafen! rief der goldene Hahn herunter: wenn ich zum dritten Mal gekräht habe, dann wacht der erste Mensch auf. Das dauert mir zu lange; sagte Häwelmann, ich will in den Wald fahren; alle Thiere sollen mich fahren sehen! Junge, sagte der gute alte Mond, hast du noch nicht genug? Nein, schrie Häwelmann, mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte! Und dann blies er die Backen auf, und der alte gute Mond leuchtete, und so fuhren sie zum Stadtthore hinaus, und über’s Feld, und in den dunkeln Wald hinein. Der gute Mond hatte große Mühe, zwischen den vielen Bäumen durchzukommen; mitunter war er ein ganzes Stück zurück; aber er holte den kleinen Häwelmann doch immer wieder ein. Im Walde aber war es still und einsam; die Thiere waren nicht zu sehen, weder die Hirsche, noch die Hasen, auch nicht die kleinen Mäuse. So fuhren sie immer weiter, durch Tannen- und Buchenwälder, bergauf und bergab; der gute Mond ging immer nebenher und leuchtete in alle Büsche; aber die Thiere waren nicht zu sehen. Nur eine kleine Katze saß oben in einem Eichbaume und funkelte mit ihren Augen. Da hielten sie still. Das ist der kleine Hinze, sagte Häwelmann, ich kenne ihn wohl; er will die Sterne nachmachen. Und als sie weiter fuhren, sprang die kleine Katze mit von Baum zu Baum. Was machst du da? rief der kleine Häwelmann hinauf. Ich illuminire! rief die kleine Katze herunter. Wo sind denn die andern Thiere? rief der kleine Häwelmann hinauf. Die schlafen! rief die kleine Katze herunter und sprang wieder einen Baum weiter; wenn ich mein letztes Auge zumache, so wacht der erste Maulwurf auf. Das dauert mir zu lange, sagte Häwelmann; ich will in den Himmel fahren; alle Sterne sollen mich fahren sehen. Junge, sagte der gute alte Mond, hast du noch nicht genug? Nein, schrie Häwelmann, mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte! und dann blies er die Backen auf, und der gute alte Mond leuchtete, und so fuhren sie zum Walde hinaus, und dann über die Haide bis ans Ende der Welt, und dann grade in den Himmel hinein. Hier war es lustig; alle Sterne waren wach, und hatten die Augen auf, und funkelten, daß der ganze Himmel blitzte. Platz da! schrie Häwelmann und fuhr in den hellen Haufen hinein, daß die Sterne rechts und links vor Angst vom Himmel fielen. Junge, sagte der alte gute Mond, hast du noch nicht genug? Nein, schrie Häwelmann, mehr, mehr! und hast du nicht gesehen! fuhr er dem alten guten Mond grade über die Nase, daß er ganz dunkelbraun im Gesicht wurde. Pfui! sagte der Mond und nieste drei Mal. Alles mit Maaßen! und damit putzte er seine Laterne aus und alle Sterne machten die Augen zu. Da wurde es im ganzen Himmel auf einmal so dunkel, daß man es ordentlich mit Händen greifen konnte. Leuchte, alter Mond, leuchte! schrie der kleine Häwelmann; aber der Mond war nirgends zu sehen, und auch die Sterne nicht; sie waren schon alle zu Bett gegangen. Da fürchtete der kleine Häwelmann sich sehr, daß er so allein im Himmel sei. Er nahm seine Hemdzipfelchen in die Hände und blies die Backen auf; aber er wußte weder aus noch ein, er fuhr hin und her, kreuz und quer, und Niemand sah ihn fahren, weder die Menschen noch die Thiere, noch auch die lieben Sterne. Da guckte endlich unten, ganz unten am Himmelsrande ein rothes rundes Gesicht zu ihm herauf, und der kleine Häwelmann meinte, der Mond sei wieder aufgegangen. Leuchte, alter Mond, leuchte! rief er, und dann blies er wieder die Backen auf, und fuhr quer durch den ganzen Himmel und grade darauf los. Es war aber die Sonne, die eben aus dem Meere herauf kam. Junge, rief sie und sah ihm mit ihren glühenden Augen ins Gesicht, was machst du hier in meinem Himmel! Und eins, zwei, drei! nahm sie den kleinen Häwelmann und warf ihn mitten in das große Wasser. Da konnte er schwimmen lernen.

Und dann?

Ja, und dann? Weißt du nicht mehr? Wenn ich und du nicht gekommen wären und den kleinen Häwelmann in unser Boot genommen hätten, so hätte er doch leicht ertrinken können.

Der kleine Häwelmann ist ein Märchen von Theodor Storm, das er im Jahr 1849 für seinen Sohn Hans schrieb. Häwelmann ist niederdeutsch und bezeichnet ein kleines Kind, das übertriebene Aufmerksamkeit für sich fordert.

Veröffentlicht / Quelle: 
Sommergeschichten und Lieder. Duncker, 1851, Seite 24-30

Hörbuch:

»Der kleine Häwelmann« Hörbuch gelesen von Franziska Nelson

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