Mir träumte, ich hätte geträumt

von marie mehrfeld
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Mir träumte, ich hätte geträumt, meine, unsere bunte große schöne Welt sei untergegangen über Nacht, die Sonne, sie hatte zu viel gesehen, zu viel schwelenden Giftmüll, fischlose tote Meere, von Plastikinseln bedeckt, und Hassen und Krieg, zu viel Angst, zu viel Terror, Augen, die nur noch sich selbst wahrnahmen, zu wenige offene Arme und Blicke, keine guten Worte mehr, die allgemeine Vereinzelung in der Masse, kein Widerstand, kein Mut, kein Brot, kein Wasser und keine Gebete mehr wurden geteilt, verdurstet waren sie in ihren Häusern, an schwarzen Gedanken erstickt, mordende Potentat hatten die Menschen mit ihrem Geschrei mundtot gemacht, die Gutwilligen waren an ihrer Gutwilligkeit gescheitert, zusammen gerollt hatte sie sich, die Sonne, und auf Reisen begeben, eisige Kälte und schwarze Dunkelheit beherrschte die Erde, einzig ich war übrig geblieben und Abermilliarden Bruchstücke der technischen Geräte, von denen wir uns abhängig gemacht hatten, die unverrottbar das Grünen und Blühen und alle alle Lebewesen unter sich begraben hatten, auch mein Ich bleichte zusehends aus und löste sich auf, einfach so, und ich dachte noch zuletzt, wir haben es selbst verschuldet, und es wird keine Zeugen der Schande geben, denn der Planet wird für immer tot und unbewohnbar sein.

Als ich aufwachte, saß der Schreck tief. Ich atmete ein und aus und befühlte und betrachtete erleichtert meinen Kopf, meine Hände, und beim Blick aus dem Fenster sah ich Kater Kasimir durch’s Gebüsch schleichen und die Schulkinder waren fröhlich schnatternd mit ihren schweren Ranzen auf dem Weg, nur ein Tagtraum war es, aber einer, der saß. Und ich nahm mir wieder einmal und wahrscheinlich wieder einmal vergeblich vor, nun wirklich nie mehr ohne Einkaufsbeutel unterwegs zu sein und mein Obst endgültig nicht mehr in Läden zu erstehen, die sogar die Biogurken eingeschweißt verkaufen.

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Kommentare

09. Nov 2018

Zum Glück bist Du aufgewacht, liebe Marie, wir sind alle noch da & auch das Eichhörnchen, das nachmittags durch den Gartenzaun flitzte, wenn nur der Alptraum nicht so wahr wäre, so sehr Alp, so traumatischtraurigerdückendschwer…, ach!
Liebe Grüße, Monika

10. Nov 2018

Liebe Monika, ja, solche apokalyptischen Visionen kann man haben, wenn man die Eindrücke von außen versucht, zu verarbeiten, aber eigentlich bin ich eine Optimistin und hoffe immer wieder auf’s Neue, dass die Spezies Mensch doch noch einsichtig wird – und erfreue mich ganz bewusst an ganz vielen alltäglichen kleinen Begegnungen …

liebe Grüße zurück - Marie

09. Nov 2018

Frau Krause meint - man soll kein Obst mehr kaufen!
Viel Bier - bloß aus Pfandflaschen - saufen ...

LG Axel

09. Nov 2018

Die Wiederholung brennt es ein –
der Plastikmüll, er muss nicht sein.

LG auch an Bertha Krause
Marie

09. Nov 2018

Angesichts dieses Traums, liebe Marie, fühlte auch mich eingeschweißt ... und es ist wirklich wahr: Angst essen Seele auf. Ich habe keine Angst mehr, Marie ... Und heute habe ich Kiwis und Mandarinen gekauft, die nicht eingeschweißt wurde. Danke für diesen Essay, gerne gelesen ... trotz Horrorgefühl am Anfang.

Liebe Grüße,
Annelie

09. Nov 2018

Danke, JA, Angst essen Seele auf, Rainer Werner Fassbinder, ich weiß, und NEIN, übermäßig furchtsam bin ich nicht im Allgemeinen, liebe Annelie, nur habe ich das Bedürfnis, es immer wieder zu benennen, das muss auch sein, meine ich; als ich heute das in einer Bioabteilung Gekaufte auspackte, hat mich die stille Wut gepackt, immer noch zu viel eingeschweißt, das hat den Text, den drastischen Tagalbtraum ausgelöst …

liebe Grüße - Marie

09. Nov 2018

Marie beschwört eine biblische Offenbarung des Johannes - und lässt es um viel-viel glücklicher enden als mit dem Endgericht und ewiger Qual.
Die deinige Wendung zum Kater Kasimir lässt mich hoffen und froher zurück, auch deine sich anschließende, kleine Konsequenz.
LG Uwe

09. Nov 2018

Es gibt außer Kasimir noch viele andere fröhliche Momente in meinem Leben, lieber Uwe. Zum Beispiel, wenn ich eins Deiner pfiffigen Gedichte lese? Das hält mich nicht davon ab, den ständig wachsenden Plastikmüll unseres Superwohlstandslandes zu benennen, ab und zu. Und die Offenbarung des Johannes - ist ein Bibeltext, der mich fasziniert mit seiner wort- und bildstarken Endzeitprophezeiung, geschrieben vor sehr langer Zeit - als Hoffnungsschrift für die im Römischen Reich unterdrückten Christen ...

Liebe Grüße zurück
Marie

09. Nov 2018

Ach du, liebe Marie.
Hab die Bibel mehrfach gelesen, gemeint ist, ganz durchgelesen, und kenne sie besser als mancher Pastor. Ein tolles, sympathisches Werk, weil es Hoffnungen bereithält und um Liebe, statt Gewalt regelrecht bettelt und einsteht.
Hab auch zweimal den Koran gelesen, war entsetzt, darin immer wieder ausdrücklich die Forderung nach Abschlachten aller Ungläubigen vorzufinden, was einige Koranjünger weltweit nun ausführen.

Aus der Beschäftigung mit beiden Büchern glaube ich nicht, dass wir Menschen wirklich Wissende sind.

Hab Goethe, Tolstoi - nein jetzt müsste ich hunderte Namen der Literatur nennen, gelesen, diesen klugen Irrenden und Suchenden glaube ich eher...

Dank dir für deine liebe Antwort, liebe Marie, dir glaube ich auf Anhieb, dass es in deinem Leben viel mehr frohmachende Momente als den Kasimir gibt. Aber ganz sehr freut mich, dass du mein Pfeifen nicht überhörst.
LG Uwe

10. Nov 2018

Nein, nein, wenn Du pfeifst, höre ich genau hin, Uwe, denn ich mag es, Dein Pfeifen. Und ich weiß, dass wir Menschen nicht wirklich Wissende, wohl aber Suchende sind, und ich gestehe, dass ich den Koran nur bruchstücksweise kenne, und die Bibel ist mir zum Teil immer noch ein Buch mit vielen Siegeln, aber ich finde immer wieder Stellen, die mir helfen. Rosinenpicken. Dass Du ein Mensch bist, der viel liest und weiß, das spürt man.Liebe Grüße in ein - zum Glück! - verregnetes Wochenende - Marie

10. Nov 2018

Liebe Marie, solch einen Tagtraum, wünscht man keinem in der Nacht.
Krieg, und Zerstörung wird es vielleicht wieder geben, aber bestimmt kein zweites Wirtschaftswunder. Wir alle haben bis heute die Erde zu verschandelt, zerstört und ausgebeutet und auch die nächsten Bomben, täten den Rest. Wo nichts mehr ist, kann man nichts mehr nehmen. Zum Müll möchte ich sagen, das DE immer noch bedachter damit umgeht, wie FR. Unser ganzes Wasser, sprudelnd oder still, steckt in Plastikflaschen OHNE Pfand: heißt, ab in den Müll. Und der wird in MÜLLTÜTEN recycelt, heißt:
Grün = Küchenabfall, Orange = Plastik und Karton, in Blau, was nicht in die anderen kommt.
Alles zusammen landet dann in der Tonne, die wird einmal die Woche abgefahren … DAS schreit doch zum Himmel! Ich habe mir auch schon überlegt, Leitungswasser zu trinken, aber, unseres hier ist dermaßen verkalkt, das ich mich das nicht traue. Wenn, Politik und Wirtschaft, nicht grundlegend im Ursprung allen Mülls was ändert, wird meiner Meinung nach eine Reduktion durch uns nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein und bleiben.

So, Marie, wenn ich heute Nacht schlecht träume, weiß ich wieder, warum!
Sei herzlich gegrüßt
Soléa

10. Nov 2018

Guten Morgen, liebe Soléa, ich hoffe sehr, dass Dir mein Tagtraum nicht wirklich den Schlaf genommen hat. Wir teilen ja alle die Sorge um die Zukunft unserer Erde, in Deinen intensiven Gedichten klingt sie auch immer wieder an. Mit dem Leitungswasser haben wir hier Glück, es ist mittelhart, schmeckt gut und erspart uns viel Schlepperei. Wir Verbraucher könnten schon mehr Druck ausüben durch Kaufverweigerung, zum Beispiel, wenn die Gurke eine Plastikhülle trägt über ihrer natürlichen Haut, aber das ist nicht so einfach, und auch ich bin oft zu bequem. Politik und Wirtschaft sind gefragt, aber da gibt es meist nur faule Kompromisse, die erst geschlossen werden, wenn das Fass schon am Überlaufen ist. Dennoch ein gutes Wochenende zu Dir mit guten Träumen zur Nacht!

Sei herzlich zurück gegrüßt - Marie

10. Nov 2018

Danke, Alf, ein Tagtraum, ein Alb - leider alles im Rahmen des Möglichen ...

LG Marie

10. Nov 2018

Da schließe ich mich Alf an - leider so viel mehr als "nur" ein Alptraum - WANN - wachen wir auf - ist es - nicht längst - schon -zu- spät??? Auch ich habe in meinem Auto die Taschentasche, um kein Plastik mehr zu kaufen - und dann just heute noch ärgerlich feststellen müssen, dass man auch Stifte nicht im Supermarkt kaufen kann - sondern unverpackt nur im Fachgeschäft - also was ist Pest und Cholera: Das Auto zum Fachgeschäft zu bewegen - oder den eingepackten Stift kaufen? Wie nur kann man uns noch retten???

LG in den tröstlich regnerischtrüben Novembersamstagabend - Yvonne

10. Nov 2018

Danke, Yvonne, WANN - wachen wir auf - ist es - nicht längst - schon -zu- spät? Die Frage stellt sich jeder wachsame Mensch, in der Bioabteilung des REWE - alle Gurken eingeschweißt, ich sprach den zuständigen Verkäufer an, er schüttelte nur stumm den Kopf, war ganz meiner Meinung, zwar laufen jetzt viel mehr Leute mit Stoffbeuteln in den Märkten herum, man bemüht sich, das muss man auch, aber man hat auch leider das klamme Gefühl, dass dieser Zug rollt, unaufhaltsam in die falsche Richtung, die großen Lebensmittelkonzerne setzen weiterhin auf Gewinn, die Politik müsste ihnen Maulkörbe verpassen, tut und kann sie nicht, und es gibt den Präsidenten des mächtigsten Landes der Erde, der ohne Rücksicht auf Natur nur auf Wachstum des Bruttoinlandprodukts setzt …

liebe Grüße zu Dir - Marie

10. Nov 2018

wie wahr - wie traurig - wie --- leider

LG zurück erneut - Yvonne