Egal

von Lothar Peppel
Mitglied

Die Uhr zeigte schwache 7 Uhr. Erstes stumpfes Licht fiel durchs Fenster. Franz gähnte tief, strich sich durchs dünne Haar, ging zur Haustür. Er öffnete sie. Und schlurfte im Bademantel träge hinaus. Und gähnte wieder. Wankte mit wenigen müden Schritte zum Briefkasten hin. Franz schloss ihn auf. Ein einzelner Brief lag darin. Weiß. Eine Anschrift darauf. Eng gedruckt. Kaum lesbar. Doch Franz erkannte seinen Namen. Seine Adresse. Mit einem Schlag war Franz hellwach. Und begann zu frieren. Und zu schwitzen. Franz spürte, hörte wie sein Herz schlug. Immer schneller. Auch zitterte seine Hand, als er nach dem Brief griff. Er nahm ihn aus dem Briefkasten heraus. Drehte ihn mit fahrigen Fingern. Sein Herz hämmerte nun bis zum Hals. Und höher. Er las den Absender. Er sah das Hologramm, mit welchem der Brief versiegelt war. Fälschungssicher. Unverkennbar. Silbrig glänzend. Das Ministerium für Leben. Franz ließ die Briefkastenklappe offen, drehte sich herum, taumelte zurück ins Haus. Er schloss die Tür. Ließ den Brief auf den Boden fallen. Ging in die Küche zum Regal an der Wand. Er nahm eine Flasche Schnaps herunter, suchte ein Glas. Er ging zum Tisch. Ohne Glas. Er setzte sich, schraubte die Flasche auf und trank. Er trank lange, begann zu husten, ließ die Flasche sinken. Die Flasche rutschte aus seiner Hand. Fiel auf den Boden. Kippte um. Eine klare Flüssigkeit lief aus ihr heraus. Ein glänzendes Rinnsal lief über den Belag. Kroch aus der kleinen Küche in den Flur. Erreichte den Brief. Franz sprang auf. Begann zu stolpern, fiel auf die Knie, rutschte auf diesen zum Brief, griff nach ihm, hob ihn auf, stand auf, ging zurück zum Tisch und legte den Brief auf dessen Fläche. Und starrte darauf. Er wusste, was darin stand. Jeder Mann bekam diesen Brief. Und jede Frau. Manchmal auch Kinder. Jeder. Irgendwann. Doch niemand wusste, wann. Nur das man ihn bekam. Irgendwann. Ihn ihm ein weißes Blatt Papier. Darauf ein Satz. Ein einziger Satz. Genau in der Mitte. Und eine Unterschrift. Und ein Stempel. Ministerium für Leben. Und man konnte diesem Brief nicht ausweichen. Niemals. Franz hatte von Leuten gehört, die seit zwanzig langen Jahren in Bunkern lebten, nur aßen und tranken, was sie vor zwanzig Jahren eingelagert hatten. Und nie verließen sie ihr selbstgewähltes Gefängnis. Wegen diesem einen Brief. Und niemand wusste von ihnen. Sie waren scheinbar verschollen in Raum und Zeit. Tief unten. Und doch wachten sie eines Tages auf, und der Brief lag auf ihrem Nachtschrank. Oder auf der Konsole im Bad. Oder auf dem Küchentisch. Irgendwann. Keiner wusste, wie sie es machten. Legenden. Gerüchte. Egal. Der Brief war da. Für Franz. Franz hob die Flasche auf, stellte sie neben den Brief. Ging wieder zum Regal. Doch es stand kein weiterer Schnaps darauf. Franz ging wieder zum Tisch, griff zur fast leeren Flasche und trank den Rest aus. Franz spürte den Alkohol. Doch dieser nahm ihm nicht die Angst. Er beruhigte nicht. So wie sonst. Der Brief war stärker. Selbst, wenn er ihn noch gar nicht geöffnet hatte. Franz starrte auf den Brief. Vielleicht stand ja etwas ganz anderes darin!? Nur ein paar Fragen. Vielleicht. Ein Irrtum. Leicht zu klären. Franz las die Adresse. Sein Name. Seine Anschrift. Noch nie hatte er davon gehört, dass jemals etwas anderes darin gestanden hätte, als jener einer Satz. Wut kam in Franz auf. Warum sollte er den Brief nicht einfach zerreißen? Ignorieren. Er nahm den Brief in beide Hände. Legte seine Daumen auf die obere Kante. Schrie. Und warf den Brief zurück auf den Tisch. Ob er ihn nun las oder nicht. Egal. Es stand fest. Nichts könnte er jemals daran ändern. Manche haben es versucht. Mit Tabletten. Aufputschmitteln. Um ja nicht einzuschlafen. Wegen dem einen Satz. Nur einige wenige gewonnene Stunden. Lächerlich. Denn irgendwann fielen ihre Augen zu. Franz sah auf die Küchenuhr. Sie tickte unbarmherzig. Vielleicht könnte er ja mit einem Verantwortlichen sprechen. Doch niemand wusste, wo dieses Ministerium für Leben überhaupt zu finden war. Vom Absender war keine offizielle Anschrift bekannt. Kein Ort. Kein Land. Nur der Name. Ministerium für Leben. Welch ein Hohn. Dachte Franz. Er ging zum Fenster, riss es auf. Kühle Morgenluft strömte herein. Tränen liefen über seine Wangen. Fielen aufs Fensterbrett. Franz strich mit den Händen über die Augen. Schrie wieder. Aber nur nach innen. Richtung Herz. Und atmete tief ein. Unendlich tief. Es war vorbei. Der Brief war da. So, wie Generationen vor Franz ihn bekommen hatten. So, wie Generationen nach ihm ihn bekommen werden. Franz ging ins Bad. Schaute in den Spiegel. Die Ränder unter den Augen. Das graue verbliebene Haar. Die ebenso grauen Bartstoppeln. Wann ist schon der richtige Zeitpunkt? Eigentlich nie. Er schaute auf seine Uhr. Wie sie raste. Er begann sich zu rasieren. Duschte lange. Sehr lange. Er achtete nicht mehr auf den Wasserverbrauch. Egal. Franz ging ins Schlafzimmer. An den Kleiderschrank. Und zog sich an. Frische Wäsche. Wie gut sie roch. Er drückte sein Gesicht in einen Stapel Unterhemden. Legte den Stapel zurück in den Schrank. Strich ihn glatt. Zog ihn wieder heraus und warf ihn zu Boden. Egal. Alles. Franz ging zurück ins Wohnzimmer. Ging zum Schreibtisch, zog eine Schublade auf. Darin ein Stapel Papiere. Zeugnisse. Ausweise. Die Geburtsurkunde. Und eine Sterbeurkunde. Blanko. Seine Mutter bekam sie mit der Geburtsurkunde überreicht. Franz nahm sie heraus, ging zurück in die Küche und nahm einen Kugelschreiber in die Hand. Sie zitterte nicht mehr. Franz setzte sich an den Küchentisch. Er füllte die Urkunde aus. Sah auf den Kalender an der Wand. Und trug den morgigen Tag ein. Er unterschrieb. Und legte die Urkunde neben den Brief. Man würde sie holen kommen. So wie immer. Franz stand auf, ging in den Flur und zog seinen Mantel über. Er öffnete die Tür, trat heraus, ging am offenen Briefkasten vorbei. Franz schaute in den Himmel, schloss seinen Mantel und betrat die Straße. Er schaute nach links. Ein Lastwagen mit offenem Verdeck. Darauf zwei graue Männer. Und die täglichen Leichensäcke. Karl schaute nach rechts. Und ging. Abendwärts. Auch die Haustür stand nun offen. Egal.

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