Die Seele des Staates 83

Bild von Alf Glocker
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(Ein viel zu früher Epilog)

Wenn ich ganz genau hinhöre, dann vernehme ich sie noch, die getreue Stimme des Wächters aus alter Zeit. Ich sehe ihn, wie er, auf seine Hellebarde gestützt, mit der Laterne in der Hand, durch die Gassen streift. Manchmal schallt mir dann sein Geborgenheit verheißender Singsang im Ohr…

Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen,
die Uhr hat 5 nach 12 geschlagen!
Die Tore stehen viel zu weit,
für jeden Ansturm stets bereit,
der euch um alle Früchte bringt,
von denen eure Arbeit singt!

Die Nacht wird immer schwärzer! Aus den Schatten der Zeit steigen die Ungeheuer der Gegenwart. Sie dringen in eure Häuser ein, sie betrügen eure Kinder um eine lebenswerte Zukunft und sie missbrauchen eure Geduld! Der Bürgermeister hat die Demut über den Dächern verhängt. Er betet für euren Untergang, und ich, der Wächter für den Frieden, stehe dabei und muss zusehen, wie das Gesindel um die Ecken huscht. Es lauert inzwischen, vor sämtlichen Türen, mit dem Dolch im Gewande!

Macht euch nichts vor! Ihr lächelt umsonst und ihr haltet eure geschwächten Fäuste umsonst, in den Taschen verborgen. Dort ist kein Mittel gegen den Hass zu finden, der euch entgegenschlägt und auch keines gegen die Verachtung derer, die euch nicht verstehen wollen, weil sie euch nicht verstehen können. Was euch da widerfährt ist kein Kinderkreuzzug und auch keine Kette von Liebesbeweisen. Das sind die Vorboten der Hölle!

Das Flüstern auf den Straßen klärt euch auf, nicht die unzähligen Prediger, die murmelnd auf den Podesten stehen und euch von einem Heil erzählen, das ihr nicht findet werdet, wenn ihr euch selbst verleugnet. Nicht ihr habt nichts gelernt, die davon predigen, daß ihr nichts gelernt habt, haben nichts gelernt, denn sie verfahren wie die Sünder aus den verabscheuten Schriften – obwohl sie vorgeben Heilige zu sein! Am immer stärker werdenden Gestank in den Rathäusern, werdet ihr erkennen wie es wirklich um euch steht.

Und wenn eure Städte zerbrechen,
und wenn ihr glaubt verloren zu sein,
sollt ihr die Wahrheit noch sprechen,
nicht weichen, verlogenem Schein!
Denn der ist nicht sicher, der heuchelt.
Auch er wird mit andern gemeuchelt!

Dann, wenn die Visionen nachlassen, verkrieche ich mich unter die Zudecken einer Zuversicht, die ein Licht verbergen: das Kerzenlicht meiner kindlichen Naivität. Erst wenn sie abgebrannt ist, meine Schützhülle aus nichts als Selbstbetrug, werde ich verstehen. Das ist leider immer so gewesen!

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