Gefährlicher Sommer (Teil 19; Text 2) - Page 3

von Annelie Kelch
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auch ihre Version des Überfalls zu protokollieren“, sagte der nette Polizeibeamte und nickte uns der Reihe nach freundlich zu, während er uns die Tür aufhielt.
„Die weiteren Ermittungen führt die Kripo in Lübeck, genauer gesagt, Kommissar Fuchs, den Sie ja bereits kennengelernt haben dürften“, setzte er hinzu.
„So ist es!“, bestätigte Kröger die Vermutung Warners und gab ihm zum Abschied die Hand.
Wir stiegen schweigend ins Auto und fuhren nach Lübeck.
Das Marienhospital stellte sich als großer, gelb getünchter Gebäudekomplex heraus, dessen hintere Front an einen üppigen Park grenzte, mit hohen alten Baumbeständen und etlichen Blühsträuchern.
Wir folgten den Anweisungen des Pförtners, und als wir endlich auf der richtigen Station angekommen waren, hätte ich am liebsten eine der vielen Türen geöffnet und mich in irgendein freies Bett verkrochen, so schlecht ging es mir, liebe Christine. Schon allein die Vorstellung, dass Tante Selma sich bei mir bedanken könnte, verursachte mir Übelkeit. Wir liefen den langen Korridor hinunter und orientierten uns an den Zimmernummern. Herr Kröger hielt einen riesigen Strauß mit Margeriten im Arm, den er zuvor am Krankenhaus-Kiosk erstanden hatte. Konny, Kora und ich hatten unser Taschengeld zusammengelegt und eine Schachtel mit – Oma würde sagen „erlesenen“ – Pralinen gekauft.
„Hier muss es sein, Zimmernummer siebenundzwanzig“, stieß Konny aufgeregt hervor und klopfte für meine Begriffe etwas zu heftig an die Tür.
„Herein“, erscholl es mehrstimmig, und ein sehr alter Herr (vermutlich ebenfalls ein Besucher) öffnete uns langsam und etwas umständlich die Tür.
Tante Selmas Bett stand auf der linken Seite des Raumes, gleich neben einem Waschbecken. Mir fiel sofort auf, wie blass sie war – als habe sich die tiefe Sonnenbräune, die noch gestern über ihrem Gesicht lag, wie durch einen Zauber aus dem Staub gemacht. Der dicke weiße Verband, den sie um den Kopf trug, verstärkte diesen Eindruck noch, aber sie lächelte uns tapfer entgegen. Du kannst dir vorstellen, liebe Christine, wie mir zumute war. Am liebsten hätte ich auf der Stelle alles gebeichtet, was Hannes und ich angezettelt hatten.
Knuts Tod würde dann ungesühnt bleiben, weil du deine Ruhe haben willst, feige Katja, kam mir prompt in den Sinn.
„Mama!“ Kora stürzte sich an Tante Selmas Bett und umarmte sie vorsichtig, während Konny Tante Selmas rechte Hand in Beschlag nahm.
„Wir wollten die gute Selma eigentlich auch begrüßen, Katja und ich“, lächelte Kröger, nachdem wir eine gute Weile schweigend vor dem Bett verbracht hatten, ich entsetzlich verlegen, mit hängenden Armen, todernstem Gesicht und einem irrsinnig schlechtem Gewissen, er mit einem gedämpften Lächeln auf den Lippen.
„Axel, Katja! Ich freue mich, dass ihr beide mitgekommen seid“, sagte Tante Selma mit matter Stimme, nachdem Kora und Konny zögernd die Belagerung des Krankenbettes aufgehoben und sich an das Fußende des Bettes postiert hatten.
„Nun wie geht es dir, meine Liebe?“, fragte Kröger.
„Ach, du weiß ja, Axel, Unkraut vergeht ja nicht“, gab Tante Selma zur Antwort, und ich zermarterte mir das Gehirn darüber, wann und von wem ich diesen Spruch erst kürzlich vernommen hatte. Mir fiel es am Abend erst wieder ein, liebe Christine: Kröger hatte ihn mir „serviert“, wahrscheinlich in der Gutsküche oder auf der Wendeltreppe.
„Du kannst wirklich von Glück sagen, dass Katja dich so schnell gefunden hat, Selma. Was ist eigentlich genau passiert?“
„Gleich Axel“, lächelte Tante Selma, „stellt bitte erst die wunderschönen Margeriten in eine Vase.“ Ich eilte sofort und überaus dankbar, bei diesem Thema nicht anwesend sein zu müssen, aus dem Zimmer, um irgendwo ein geeignetes Geäß aufzutreiben.
„Bitte eine Vase, so groß in etwa – für Margeriten“, bat ich die Schwester, die sich gerade in der Küche aufhielt und deutete mit den Händen vage einen Abstand an.
„Du hast Glück“, lachte sie. „Ein etwas größeres Exemplar als normalerweise üblich ist uns noch geblieben. Margeriten, Hortensien und Sonnenblumen scheinen derzeit groß in Mode zu sein.“
Sie füllte die Vase, die die Ausmaße eines komfortablen Putzeimers hatte, mit Wasser. Ich bedankte mich und hätte mich nur zu gerne noch länger mit ihr unterhalten, um nicht zurück ins Zimmer zu müssen, aber Schwester Karin (so stand es jedenfalls auf einem kleinem Schild, das an ihrem Kittel befestigt war) war bereits wieder mit ihrer Zigarette an das offene Fenster getreten und blickte versonnen auf den Park hinunter.
Konny kam mir im Flur entgegen, nahm mir das monströse Gefäß aus den Händen, platzierte es auf Tante Selmas Nachtschrank und stellte die Blumen hinein.
„Wunderschön, Kinder! Und erst die feinen Pralinen!“, hauchte Tante Selma.
„Ich mache euch nur Umstände, und das ausgerechnet und zu allem Unglück auch noch in den Ferien.“
„Sei lieber ruhig, Mutter. Du darfst dich nicht aufregen“, sagte Kora. „Ich habe dir Nachtzeug, ein paar Toilettensachen und deinen Morgenmantel eingepackt.“
„Wo soll ich die Tasche lassen, Selma?“, fragte Kröger.
„Tausend Dank, Axel. Dass ihr daran gedacht habt. Stell sie doch bitte in den grauen Schrank, dort hinten am Fenster. Ein Fach dürfte wohl noch frei sein“, gab Tante Selma zur Antwort. „Allerdings hoffe ich doch sehr, dass ich schon bald wieder entlassen werde.“ Sie machte Anstalten sich aufrichten, ließ sich jedoch sofort wieder mit einem tiefen Seufzer zurück aufs Kissen fallen.
„Selma, du hast eine schwere Gehirnerschütterung und eine große Platzwunde am Hinterkopf. So schnell wird man dich nicht entlassen. Du brauchst absolute Ruhe“, sagte Kröger. „Und jetzt erzähle uns bitte, wie diese Untat passieren konnte.“
„Da gibt es nicht viel zu erzählen, Axel. Ich begreife das Ganze ja selbst nicht.“
Tante Selma hob resigniert beide Schultern und ließ sie wieder sinken.
„Ich hatte gerade unsere Wäsche von der Leine im Garten genommen und zum Bügeln in den Keller hinuntergebracht, als ich oben ein Geräusch hörte. Ich dachte, Kora und Konny seien zurückgekehrt, weil sie etwas vergessen hätten. Es wäre ja nicht das erste Mal gewesen. Im Flur und im Wohnzimmer konnte ich jedoch niemanden entdecken, weshalb ich mich auf den Weg in die Küche machte. Kaum jedoch, dass ich die Schwelle überschritten hatte, muss mir jemand mit einem harten Gegenstand auf den Hinterkopf geschlagen haben. Jedenfalls spürte ich plötzlich einen furchtbaren Schmerz, der mich im wahrsten Sinne des Wortes in die Knie zwang. Mehr weiß ich leider auch nicht.“
„Und die Haustür?“, fragte Herr Kröger. „War sie denn nicht verschlossen?“
„Die Haustür? Die stand natürlich offen. Bei diesem schönen Wetter! Und bei uns im Dorf ist doch dergleichen nie passiert.“
„Die Zeiten haben sich geändert, Selma. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, heutzutage seine Haustür geöffnet zu lassen, wenn sich niemand von der Familie im Garten befindet. Wo war eigentlich euer Tom?“
„Tom? Nun ja, Tom befand sich vorne auf dem Rasen. Ja, er wird wohl im Vorgarten gelegen haben, unter seinem Lieblingsstrauch. Im Haus war er jedenfalls nicht“, sagte Tante Selma nachdenklich.
„Weil du ihn ständig aus dem Haus verbannst, Mutter“, lächelte Kora.
„Ach, selbst wenn er drinnen gewesen wäre, hätte er mich gegen einen derart rabiaten Angreifer nicht beschützen können“, verteidigte sich Tante Selma schwach. „Es grenzt ohnehin an ein Wunder, dass ihm nicht ähnlich Furchtbares geschehen ist. Wahrscheinlich hat sich unser feiges Ungetüm verkrochen, als der Unhold auf das Grundstück kam."
„Tom wollte Hilfe holen“, verteidigte ich den zotteligen Hund und beendete mein Schweigen, das gottlob niemandem aufgefallen war. Alle sahen mich erwartungsvoll an.
„Ich traf ihn auf dem Hof, als ich im Begriff war, euch zu besuchen“, fuhr ich fort. „Er kam mir völlig aufgelöst entgegengejapst. Mit schleifender Leine übrigens.“
„Ach ja“, sagte Tante Selma. „Das hätte ich beinahe vergessen. Ich wollte ihn zu Leni bringen, um in Ruhe Zutaten für den Kuchen, den ich backen wollte, zu besorgen.
„Zu Leni?“, fragte Herr Kröger verständnislos. „Das ist nun wirklich keine Lösung, Selma. Leni hat auf dem Gut weiß Gott andere Dinge zu tun, als auf einen monströsen Hund aufzupassen. Weshalb wolltest du Tom nicht mitnehmen?“
„Ach“, seufzte Tante Selma. „Er hat striktes Ladenverbot sowohl beim Bäcker als auch beim Gemischtwarenhändler. Tom ist trotz seines enormen Körperumfangs so flink, dass er die Objekte seiner Begierde wie Kuchen und andere Leckereien blitzschnell und ohne jede Vorwarnung auf den Boden fegt und in sich hineinschlingt.“
„Dann leine ihn doch einfach draußen an, wie es andere Hundehalter vernünftigerweise zu tun pflegen.“
„Das habe ich längst ausprobiert, wie du mir getrost glauben kannst, Axel“, resignierte Tante Selma und zog ein hilfloses Gesicht.
„Aber Tom bellt, jault, winselt und keift dermaßen herum, dass man im Laden sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Glaubst du, die anderen Kunden lassen sich diesen Krawall gefallen? Außerdem traut sich niemand an ihm vorbei. Er vertreibt die ganze Kundschaft. Jawohl! Genau das hat Edgar, unser Bäckermeister, mir neulich vorgehalten.“
„Tom ist ein durch und durch verzogener Hund, Selma. Und das ist ganz allein deine Schuld“, sagte Hannes' Vater kopfschüttelnd. „Aber wir wollen dieses leidige Thema jetzt nicht weiter vertiefen. Hauptsache ist, dass du schnell wieder gesund wirst. Wir schauen morgen Abend wieder vorbei, wenn es dir nicht zu viel wird. Und mach dir bitte keine Sorgen um Kora und Konny. Sie essen in der Gutsküche bei Leni. Frau Brandner ist darüber unterrichtet. Ach ja, ,die Gutsleute' lassen dich ganz herzlich grüßen und wünschen dir baldige Genesung.“
Tante Selma winkte uns zum Abschied zu, als wir an der Tür standen. Sie sah sehr erschöpft aus. Der Streit wegen Tom schien sie ziemlich mitgenommen zu haben. Konny sah seinen Onkel vorwurfsvoll an.
Ich für meinen Teil war froh, diesen Besuch ohne peinliche – weil unverdiente – Dankes- und Lobeshymnen überstanden zu haben, liebe Christine, und dachte voller Dankbarkeit an Tom, dessen ungebührliches Benehmen eine Diskussion ausgelöst hatte, die mich davor bewahrte.
„Kommt ihr mit nach oben?“, fragte Kröger, während er in die Straße einbog, darin sich seine Stadtwohnung befand.
Ich sah aus der tiefen Straßenschlucht zu den hohen alten Häusern hinauf, die allem Anschein nach noch aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg stammten. Einige waren restauriert worden, aber die typischen Merkmale der Architektur des Klassizismus waren erhalten geblieben, wie zum Beispiel der Drang nach gewaltiger Größe, die eindrucksvolle, übersichtliche Gliederung der Bauelemente, eine symmetrische Ausgewogenheit und reichlich römischer Dekor.
Kröger parkte vor einem dieser imposanten Gebäude und fragte erneut, ob ihn denn niemand begleiten wolle. „Möglicherweise ist unser Hannes ja doch zu Hause geblieben und lernt fleißig.“
„Wer's glaubt“, sagte Konny. „Wir bleiben im Wagen.“ Kora und ich nickten zustimmend.
Kröger tat sehr überrascht. Wahrscheinlich hatte er erwartet, dass mich eine geradezu irrsinnige Sehnsucht nach Hannes in das Haus treiben würde, aber dass „Macheath“ bei diesem Wetter in seinem Zimmer hockte und über Logarithmusfunktionen brütete, hielt ich für ausgeschlossen.
„Bitte beeil dich, Onkel Axel“, sagte Kora. „Ich möchte endlich nach Hause.
„Wenn ich die Kanaille, die Mutter das angetan hat, in die Finger bekomme, dann ...“ Konny machte eine unmissverständliche Bewegung mit seinen Händen, die außer Zweifel ließ, was er mit dem Täter vorhatte.
„Überlass das ruhig diesem Herrn Fuchs. Der hat darin mehr Erfahrung als du“, sagte Kora verärgert.
„Im Abmurksen, Kora?“, fragte ich und griente amüsiert, was mir nicht zustand, liebe Christine, aber ich konnte nicht anders. Kora blickte stur geradeaus.
„Ach ja, Kora, du Ahnungslose?“, blaffte Konny seine Schwester an und brach in höhnisches Gelächter aus.
„Herr Fuchs und Konsorten? Erfahrung, wie? Den Mörder von Knut haben die bis heute nicht gefasst.“ Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, Christine. Es gibt noch einen Menschen außer mir, der an Knut denkt! Der gute Konny nämlich!
„Das waren Wilderer. Die lassen sich nicht so leicht schnappen“, giftete Kora zurück.
Ich war drauf und dran zu protestieren, hielt mich dann aber zurück, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, und tat so, als ginge mich die Sache mit Knut nicht das Geringste an, was mir allerdings unsagbar schwerfiel, wie du dir sicherlich denken kannst. Vermutlich waren Hannes und ich auf einer heißen Spur und kannten den Mörder bereits.
Krögers Rückkehr löste die bedrückende Spannung zwischen uns dreien. Sie verflog so rasch, wie sie gekommen war.
„Unser Hannes ist ausgeflogen“, sagte er schmunzelnd. „Noch nicht mal seinen Rucksack hat er ausgepackt.“
Mich überfiel ein kaltes Grauen, aus dem sich eine einzige Frage, bestehend aus drei winzigen Wörtern, emporschwang, die mich während unserer Rückfahrt nach Lachau nicht zur Ruhe kommen ließen: Wo war „Maceath“?

Collage; Quellen pixabay, private Fotos

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Kommentare

11. Okt 2017

Schön, dass DIE Story weitergeht!
(Katja nicht länger Däumchen dreht ...)
[Die Krause war natürlich wieder schneller:
Sie sperrte Helge SCHNEIDER in den Keller ...]

LG Axel

11. Okt 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar,
der heute allerdings konkret sehr war.
Katja hat "Däumchen nie gedreht", ich protestiere, muss gestehn,
den Helge Schneider habe ICH noch nie gesehn.
Womöglich hab ich dadurch was verpasst -
jetzt ist er weggesperrt, weil Krause ihn geschasst.

LG Annelie

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