Gefährlicher Sommer (Teil 17; Text 2)

von Annelie Kelch
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Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute zu warten braucht,
um damit zu beginnen, die Welt langsam zu verändern.
(Anne Frank, „Das Tagebuch der Anne Frank“)

„Unser Helge wollte wohl ins Gasthaus ,Zur Alten Farm', um dort Schnitzel zu verspeisen“, sagte Hannes am nächsten Morgen, als wir uns im Obstbaumgarten trafen.
„Oder zum Quartalstreffen mit Wilderern“, warf ich ein.
„Gut möglich, Katja“, erwiderte Hannes. „Jedenfalls war mein Vater richtiggehend wütend, dass er ihn und sein Vehikel abschleppen musste. Ich glaube, er kann Helge nicht leiden.“
„Dann bin ich wenigstens nicht die Einzige auf dem Hof, die Helge nicht mag“, sagte ich, und irgendwie wurde mir plötzlich ganz leicht ums Herz.
„Wo sind übrigens Kora und Conny?“
„Frag mich bitte nicht derart uninteressante Sachen“, sagte Hannes und deutete ein Gähnen an. „Ich glaube, sie sitzen bei Tante Selma in der Küche und diskutieren über Hefeklößchen.“
„Hannes“, begann ich mit leiser Stimme, „wir fahren heute Abend doch alle zusammen nach Beckum und sollten uns vorher mit ihnen vertragen.“
„Wieso, haben wir uns denn mit Kora und Konny erzürnt?“ Er tat erstaunt. „Na ja, vielleicht hast du Recht, Katja. Kora spricht seit gestern Abend kein einziges Wort mehr mit mir“, fuhr er fort.
„Genau deshalb besuchen wir jetzt Tante Selma. Komm, Hannes.“
Ich nahm seinen Arm, und Hannes ließ sich widerstrebend aus dem Obstbaumgarten ziehen. Vor dem großen Gartentor hielt er mich zurück.
„Warte bitte, Katja. Es kommt mir mit einem Mal alles so unwirklich vor. Dass Helge Knut ermordet haben soll, dich ertränken wollte und Kora entführt hat. Also, ich wäre auch sauer, wenn man mir so etwas anhängen wollte.“
„Und weshalb ist er nicht zur Polizei gegangen, nachdem er den Erpresserbrief gelesen hat?“, fragte ich. Es gelang mir nicht, meine Enttäuschung über Hannes' plötzlichen Sinneswandel zu verbergen.
„Vielleicht, weil er uns nicht verpfeifen will“, sagte Hannes nachdenklich.
Ich wusste nicht, ob ich darüber lachen oder weinen sollte, liebe Christine. Ich bin der Meinung, Helge besser zu kennen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, und er sitzt in der Falle. Gewiss, er scheint stark zu sein, aber Hannes und ich sind stärker – und klüger. Wir müssen ganz einfach stärker sein als Helge.
„Gib es zu, Macheath", sagte ich und rang mir ein amüsiertes Lächeln ab, „du hast Angst vor der Registratur?“
„Wie hast du mich gerade genannt?“, fragte Hannes erstaunt, „Mac wer?“
„Ach, das ist genauso unwichtig wie die Meinung deines Vaters zu unseren Gemeinsamkeiten“, lächelte ich.
„Katja“, sagte Hannes und seufzte inbrüstig. „Bitte begleite mich ins Landgericht. Ich mag dort nicht alleine rein. Ich glaube, ich passe dort nicht hin.“
***
Die Tür zu Tante Selmas Einfamilienhaus war geschlossen, und Tom, Tante Selmas Bernhardiner, saß hinter der Gartenpforte und döste.
„Na, alter Junge, wieder mal Hausverbot“, grinste Hannes. Er beugte sich über den Hund und streichelte sein glänzendes Fell.
„Sieht er nicht prachtvoll aus, unser guter Tom?“, stellte er voller Stolz fest. Ich glaube fast, Tante Selma pflegt ihn mehr als sich selber.“
Tom ließ ein kurzes Bellen hören, hob den großen Kopf und bedachte Hannes mit ergebenen Hundeblicken unter schweren, verhangenen Lidern – wie eine alternde Diva.
„Wer weiß, was der arme Kerl schon wieder ausgefressen hat“, sagte Hannes. „Er bettelt ja förmlich um Mitgefühl. Und wenn dann auch noch die Haustür bei diesem Wetter geschlossen ist ...“ Hannes zog einen Schlüssel aus der Gesäßtasche seiner Shorts und schloss die Tür auf. Tom sprang sofort auf und wollte an uns vorbei in den Flur flitzen.
„Das könnte dir so passen, mein Alter“, griente Hannes. „Erst will ich wissen, was du schon wieder ausgefressen hast.“
Er schlug dem verdutzten Tier, das ein hohes, klagendes Jaulen ausstieß, die Tür vor der Nase zu. –
„Komm, Katja ... Tante Selma, Kora, Konny“, schrie Hannes ins Haus hinein. „Seht mal, wen ich mitgebracht habe: Die Vierte im unbeschreiblichen Bunde der dörflichen, unbestechlichen vier. –
Wo versteckt ihr euch? Gebt uns bitte ein Lebenszeichen", setzte er hinzu, als niemand antwortete.
Wir liefen zuerst in den Keller, dann ins Obergeschoss und öffneten alle Türen im Haus.
„Ausgeflogen, die Bande“, griente Hannes. „Dann musst du eben mit mir allein vorlieb nehmen, Katja. Ich zeige dir jetzt das Zimmer, das mit Konny zu teilen ich leider gezwungen bin. Aber zuerst muss ich nachschauen, womit sich unsere Kora schon in aller Herrgottsfrühe die Zeit vertrieben hat. Er zog mich mit in Koras Zimmer, setzte sich an ihren Schreibtisch und wollte die Schublade aufziehen, die vermutlich abgeschlossen war, denn sie ließ sich nicht öffnen. Verdutzt wandte sich Hannes zu mir um und sagte mit empörter Stimme: „Kora hat ihren Schreibtisch abgeschlossen“.
Ich grinste schadenfroh. „Und die Verbindungstür zu eurem Zimmer?“
Hannes drückte die Klinke hinunter und rüttelte vergeblich daran; die Tür, die von Koras Zimmer zu seinem und Konnys Zimmer führte, war ebenfalls abgesperrt. „Was fällt dieser Kora eigentlich ein?“, fragte Hannes ärgerlich.
„Und was fällt dir ein, in Koras Sachen herumzuschnüffeln?“ staunte ich.
„Ich muss schließlich auf Kora aufpassen, damit sie keine Dummheiten macht“, sagte Hannes allen Ernstes. „Die ist doch noch ein halbes Kind.“ Er deutete auf drei Schildkröt-Puppen, die hübsch herausgeputzt auf Koras Bett saßen.
„Wenn du wirklich auf Kora aufpassen würdest, wäre sie nicht entführt worden, Hannes“, sagte ich spöttisch.
***
„Ich bin mir ganz sicher, dass ich die Haustür abgeschlossen habe“, wunderte sich Tante Selma. „Du wirst eben auch älter, Mutter“, hörten wir Kora erwidern.
„Vielleicht ist ja Hannes, dieser Schurke, zurückgekommen“, rief Konny und begann pfeifend die Treppe zum Obergeschoss hinaufzusteigen. Ehe ich mich rühren oder etwas sagen konnte, legte Hannes seine Arme auf meine Schultern und sah mir tief in die Augen. Ich erwiderte seinen Blick und Hannes schob sein Gesicht ganz nah an meines heran, so dass sich unsere Lippen berührten.
„Hier oben sind sie und knutschen herum“, rief Konny empört.
„Was dagegen, Konny, du Schurke?“, fragte Hannes und sah mich lächelnd an.
„Ach, Hannes. Dann bin ich ja beruhigt“, rief Tante Selma. „Dann warst du es also, der die Haustür aufgeschlossen hat?!“
„Nein, Tante Selma“, rief Hannes, „das war der gute Tom. Er wollte sich bei dir für seine Schandtaten entschuldigen.“
„Kann gar nicht sein, Hannes“, sagte Tante Selma.

Collage zum Rockkonzert

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Kommentare

13. Sep 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar. Ich habe heute absichtlich mehr Text eingestellt, weil ich die Befürchtung hatte, es könnte euch anderenfalls langweilig werden. Es müsse wieder irgendetwas geschehen, die Handlung müsse weitergehen. Aber die Handlung geht ja weiter, sie bereitet vor, ihr Lieben; denn dieser Krimi ist nicht allein eine Kriminal- sondern auch eine Feriengeschichte, von Teenagern erlebt. Freundschaft, Liebe, Verrat, familiäre Verhältnisse spielen fast eine ebenso große Rolle wie der Mordfall. Zu kurz kommen sollte allerdings auch auf keinen Fall, wie sich das Leben auf einem Gutshof abspielt, eng mit der Natur verbunden. Auch das wollte ich schildern.

LG Annelie

13. Sep 2017

Wenn dein Jugendkrimi fertig ist, wirst du ihn sicher veröffentlcihen. Dann werde ich mit großem Interesse die gesamte Geschichte lesen, liebe Annelie. Die Inhalte von Fortsetzung zu Fortsetzung kann ich nicht so gut abspeichern. Deine Illustration gefällt mir wieder sehr.
Liebe Grüße - Marie

13. Sep 2017

Danke, liebe Marie, ich werde mich beeilen damit, habe noch so viele Geschichten im Kopf. Ehrlich gesagt, bin ich froh, wenn diese Geschichte, die schon so lange bei mir (herum-)liegt, endlich fertig ist. Eigentlich soll noch ein Folgeband erscheinen, aber das werde ich mir noch gründlich überlegen. Momentan grübele ich über ein kleines Kinderbuch: "Hauke Hasenfuß wird prominent". Es soll sehr lustig werden, damit wenigstens einige Kinder auf der Welt etwas zu lachen haben.

Liebe Grüße und einen schönen Abend,
Annelie

13. Sep 2017

Ein gigantisches Literaturwerk, das nur einen Verlag
finden muss !!!
Ich mag es lesen und finde es sehr gut !
LG an die Schreiberin,
Volker

13. Sep 2017

Lieber Volker, danke vielmals für dein Lob, das ein bisschen sehr übertrieben ist - gigantisch, das hört sich ja fast an wie "Krieg und Frieden". Aber ich freue mich selbstverständlich sehr, dass du es lesen magst. Ich werde dich, Marie, Axel und Willi als aufmunternde, treue Unterstützer erwähnen, auf der zweiten Seite oder wo auch immer, sofern ich es drucken lasse.

LG Annelie

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