Gefährlicher Sommer (Teil 17; Text 2) - Page 2

von Annelie Kelch
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„Tom hat genau gewusst, dass wir nicht im Hause sind. Er hat uns ja weggehen sehen.“
„Und weshalb durfte der Ärmste nicht mit?“, fragte Hannes.
„Weil er gestern im Dorfladen drei Riesengläser mit Himbeerbonbons umgerissen hat. Die Bonbonnieren sind natürlich in tausend Scherben zersprungen. Tom kann froh sein, dass er sich nicht die Schnauze verletzt hat. Wie der zwischen den Scherben rumgesabbert hat!“
„Und weil er anschließend beim Bäcker sämtliches Zuckerwerk angeleckt hat“, ergänzte Kora lachend. Er hat in beiden Läden absolutes Hausverbot. Zur Strafe haben wir Tante Agnes ohne ihn besucht. Wer weiß, was er in ihrer schmucken kleinen Kate oder im Blumengarten alles angestellt hätte.“
„Armer Tom,“ sagte Hannes.
„Na, Konny, alter Knabe, wie wäre es mit einer Partie Schach?“
„Wenn du unbedingt wieder verlieren willst, bitte.“
Konny machte eine Handbewegung in das gemeinsame Zimmer, um Hannes den Vortritt zu lassen.
„Komm, Katja. Wir gehen ein Stück mit Tom spazieren.“ Kora stand am Treppenabsatz und winkte mir zu. Ich war froh, dass sie sich von den Strapazen der Entführung erholt hatte. Sogar die roten Striemen um ihre Fußgelenke, die die Fesselstricke hinterlassen hatten, waren gänzlich verschwunden.
„Ist dein Bein wieder einigermaßen okay?“, fragte ich, als wir auf die sengend heiße Dorfstraße, über die ein würziger Duft lag, eine Mischung aus frischem Gras und Kühen, hinaustraten.
„Es tut immer noch ein bisschen weh“, klagte Kora, „aber die Striemen verkrusten schon.“
Tom lief ein Stück voraus und Kora rief: „Wehe, du läufst auf die Straße, Tom. Dann droht dir die Leine.“ Tom drehte sich kurz zu uns um, und Kora schwenkte das Halsband. Tom duckte sich ein wenig und verlangsamte sein Tempo.
„Solch einen Hund hätte ich auch gerne“, sagte ich. „Ich finde Tom richtig süß.“ „So zuckersüüüüüß?“, flötete Kora. „Na ja, manchmal jagt er Kaninchen. Das finde ich ehrlich gesagt zum Kotzen. Weißt du, ich freue mich schon wahnsinnig auf heute Abend. Was ziehst du an, Katja?“
„Wahrscheinlich meine neuen Nietenhosen und eine weiße Bluse“, sagte ich.
„Und ich wollte eigentlich das neue blaue Sommerkleid anziehen, das meine Mutter mir im Frühjahr genäht hat“, sagte Kora eifrig.
„Blau steht dir bestimmt gut“, sagte ich.
„Hast du denn kein Kleid mit? Oder einen Rock?“
„Einen Rock schon“, gab ich etwas verlegen zu. „Aber der ist zerrissen, als ich auf der Wendeltreppe im Gutshaus zwei Stufen auf einmal nehmen wollte. Meine Mutter weiß es noch gar nicht.“
„Das sieht dir ähnlich, Katja“, lachte Kora. „Onkel Axel sagt ... Mensch, Tom, komm auf der Stelle hierher.“
Tante Selmas Hund saß mitten auf der Straße und bellte wie verrückt einem Auto entgegen. Ich erkannte den Fahrer sofort, nicht allein aufgrund des Fahrzeugs. – Der ,gute' Helge saß am Steuer seines himmelblauen alten Vehikels. Augenscheinlich hatte er den VW gestern Abend noch repariert. Kurz vor Tom brachte er den Wagen mit quietschenden Reifen zum Stehen, stieg aus und knallte die Wagentür hinter sich zu.
„Kannst du den blöden Köter nicht an die Leine nehmen?“, herrschte er Kora wütend an. Sein Gesicht war vor lauter Wut rot angelaufen, und die Adern an seinen Schläfen plusterten sich auf wie der Kamm beim Hahn.
„Na, erlaube mal, Helge“, giftete Kora zurück. „Tom ist längst nicht so blöd wie du und überhaupt ... wie kann man sich über ein harmloses Tier dermaßen aufregen?“
„Ganz schön mutig“, sagte ich leise und sah Kora bewundernd an.
„Halt dich da raus, du dumme Pute. Halt dich überhaupt aus allem heraus“, schrie Helge mich an. Ich lächelte freundlich in seine Richtung, war plötzlich die Ruhe selbst, liebe Christine. Helge würde mir nichts mehr anhaben können, weder mit Worten noch mit Taten. Das spürte ich in jenem Augenblick ganz deutlich.
„Und dein dämlicher Cousin, Hannes Kröger, soll sich auch zurückhalten. Sonst passiert was, hast du mich verstanden", ließ Helge in Richtung Kora verlauten.
Kora befestigte das Halsband um Toms Nacken; Tom knurrte voller Protest und bellte in höchster Lautstärke hinter Helge her, der bereits wieder im Wagen saß, den Motor startete und mit wummernden Auspuff davonschoss.
„Der wird von Sommer zu Sommer ätzender“, sagte Kora ärgerlich.
„Wir essen übrigens heute alle in der Gutsküche. Leni hat uns eingeladen“, informierte ich Kora, vermutlich etwas zu spät, denn sie erwiderte aufgebracht: „Das sagst du erst jetzt, Katja? Meine Mutter hat gestern noch Rindfleisch für heute Mittag angebraten.“
„Wieso? Hat Hannes euch denn nichts von Lenis Einladung erzählt?“, fragte ich verwundert.
„Kein Sterbenswörtchen“, sagte Kora. „Was gibt es überhaupt? Vielleicht esse ich lieber zu Hause.“
Ich blieb stehen und sah sie entgeistert an. „Weshalb hast du dich so verändert, Kora?“
„Weshalb? Das fragst du auch noch? Dir ist doch wohl klar, dass dieser Maskentyp mich umbringen wollte. Es war doch kein Zufall, dass ihr mich gefunden habt. Und ich kann mir sogar vorstellen, wem ich dieses Martyrium zu verdanken habe, liebe Katja.“
„Wem denn, liebe Kora?“, fragte ich. Meine Stimme zitterte ein wenig dabei.
„Na, dir und Hannes natürlich. Denkt ihr etwa, wir wären blöd, Konny und ich?“
„Keineswegs,“ sagte ich mit ernster Stimme.
„Wir sind auch keine kleinen Kinder mehr, Katja“, fuhr Kora fort. „Konny ist schon lange kein Kind mehr, und ich bin seit dieser Entführung reifer als mancher Erwachsene. Sogar meine Mutter hat sich bereits über mich gewundert.“
„Es dauert nicht mehr lange, dann erfahrt ihr alles. Habt bitte noch ein wenig Geduld“, bat ich.
„Ja, ja!“ Kora warf mir einen finsteren Blick zu.
„Nein, wirklich, Kora“, flüsterte ich. „Ich kann dir jetzt noch nichts sagen.“
„Du brauchst gar nicht zu flüstern. Tom versteht dich nämlich ohnehin nicht.“
„Aber Heiner“, lachte ich und deutete mit einer Kopfbewegung Richtung See, wo Heiner aus dem Schilf auftauchte. Er schlenderte auf dem engen Graspfad zum Hof und winkte uns fröhlich zu.
„Der hat auch schon wieder seine Mittagspause ganz unverschämt überschritten, dieser komische Kerl“, stieß Kora hervor.
„Mensch, Kora, was ist bloß los mit dir?“, staunte ich.
„Ich hab vielleicht eine Wut auf euch alle. Das kannst du mir getrost glauben, Katja“, schnaubte sie verächtlich.
„Und ich bin sehr gespannt darauf, was Leni uns Gutes gekocht hat“, versuchte ich Koras Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema zu lenken. “Und nach dem Mittagessen könnten wir mal

Collage zum Rockkonzert

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Kommentare

13. Sep 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar. Ich habe heute absichtlich mehr Text eingestellt, weil ich die Befürchtung hatte, es könnte euch anderenfalls langweilig werden. Es müsse wieder irgendetwas geschehen, die Handlung müsse weitergehen. Aber die Handlung geht ja weiter, sie bereitet vor, ihr Lieben; denn dieser Krimi ist nicht allein eine Kriminal- sondern auch eine Feriengeschichte, von Teenagern erlebt. Freundschaft, Liebe, Verrat, familiäre Verhältnisse spielen fast eine ebenso große Rolle wie der Mordfall. Zu kurz kommen sollte allerdings auch auf keinen Fall, wie sich das Leben auf einem Gutshof abspielt, eng mit der Natur verbunden. Auch das wollte ich schildern.

LG Annelie

13. Sep 2017

Wenn dein Jugendkrimi fertig ist, wirst du ihn sicher veröffentlcihen. Dann werde ich mit großem Interesse die gesamte Geschichte lesen, liebe Annelie. Die Inhalte von Fortsetzung zu Fortsetzung kann ich nicht so gut abspeichern. Deine Illustration gefällt mir wieder sehr.
Liebe Grüße - Marie

13. Sep 2017

Danke, liebe Marie, ich werde mich beeilen damit, habe noch so viele Geschichten im Kopf. Ehrlich gesagt, bin ich froh, wenn diese Geschichte, die schon so lange bei mir (herum-)liegt, endlich fertig ist. Eigentlich soll noch ein Folgeband erscheinen, aber das werde ich mir noch gründlich überlegen. Momentan grübele ich über ein kleines Kinderbuch: "Hauke Hasenfuß wird prominent". Es soll sehr lustig werden, damit wenigstens einige Kinder auf der Welt etwas zu lachen haben.

Liebe Grüße und einen schönen Abend,
Annelie

13. Sep 2017

Ein gigantisches Literaturwerk, das nur einen Verlag
finden muss !!!
Ich mag es lesen und finde es sehr gut !
LG an die Schreiberin,
Volker

13. Sep 2017

Lieber Volker, danke vielmals für dein Lob, das ein bisschen sehr übertrieben ist - gigantisch, das hört sich ja fast an wie "Krieg und Frieden". Aber ich freue mich selbstverständlich sehr, dass du es lesen magst. Ich werde dich, Marie, Axel und Willi als aufmunternde, treue Unterstützer erwähnen, auf der zweiten Seite oder wo auch immer, sofern ich es drucken lasse.

LG Annelie

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