Gefährlicher Sommer (Teil 27; Text 1) - Page 2

von Annelie Kelch
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Oma und der herbeigerufene Arzt aus dem Nachbardorf meinem Opa Edmund strengste Bettruhe verordnet.

Ich sah Hannes schon von Weitem an der Biegung auftauchen, die der Weg nach Klein Mehlau um den See schlug, und versteckte mich im Schilfgürtel. Als ich das tappende Geräusch seiner Turnschuhe hörte, sprang ich mit einem Satz vor seine Füße.

„Hallo, hier spricht dein Täubchen“, imitierte ich meinerseits den Radiosprecher, der mit diesen Worten die Kriminalhörspiele des Meisters der klammkalten düsteren Schlösser und nebelverhangenen Moore Englands einzuleiten pflegt. Oder gehört diese Stimme etwa dem Meister höchstpersönlich? Du weißt längst, wen ich meine, liebe Christine. Na klar! Die Rede ist von „busy old Edgar“, der mal eben übers Wochenende, also im Handumdrehen, einen abendfüllenden Thriller aus dem Kessel hexte, um mit dem Honorar auf Gäule zu setzen, die ihn immer wieder enttäuschten, weil niemand sich die Mühe machte, sie über seine unheilvolle Wettleidenschaft aufzuklären, damit sie endlich in die Hufe kämen.
Hannes war bei meinem Hechtsprung zusammengezuckt und stichelte, indem er mich beleidigt anstarrte: „Man kann es auch übertreiben, Katja. Darin sind wir uns alle einig.“

„Wie meinst du das?“, fragte ich verdattert.

„Und im Übrigen hat Mathildchen uns allen ganz vortrefflich gemundet, und ,wir', das sind ...“

Ich fing augenblicklich an zu schreien, drehte mich um, und stürmte den Weg Richtung Hof hinunter, denn ich sah nämlich, liebe Christine, Mathildes ehrwürdiges, tödlich beleidigtes Schweinehaupt auf Tante Selmas Esszimmertisch wie aufgebahrt auf der guten Porzellanplatte, die mit dem dicken Goldrand, auf gestärktem, weißen Linnen vor mir. Das Bild wollte mir nicht mehr aus dem Kopf.

„Katja, nun warte doch“, hörte ich Kora plötzlich hinter mir her brüllen. „Das war doch gar nicht Mathilde! Das war eine ganz andere Sau!“

Vermutlich ist ihnen während des kannibalischen Menüs eine Erleuchtung gekommen, deren Licht ihre Gedankengänge, allen voran die des klugen Konny, dermaßen erhellt hat, dass ihnen der Grund meiner Abwesenheit nicht länger verborgen bleiben konnte, dachte ich belustigt, nachdem ich mich von der Pietätlosigkeit der Clique erholt hatte.

Obgleich ich wusste, dass Kora es auf ihre naive Art gut meinte, schrie ich im Laufen zurück: „Ihr habt sie ja wohl nicht mehr alle!“

Dann blieb ich erschrocken stehen: Vom Hof her erscholl ein Gekläffe, als triebe sich dort eine Riesenmeute Hunde herum. Arme Frau Brandner! Armer Luchs!, war alles, was mir dazu einfiel. Mein Kopf fühlte sich mit einem Mal entsetzlich leer an. Sämtliche Gedanken waren auf Reisen gegangen und für den Geruch des reglosen, in der Hitze vor sich hin dümpelnden Teiches, der mir entgegenschlug und für Sekunden den Atem nahm, war es ein Leichtes, sich mal kurz in meinen Denkapparat zu schmuggeln.

Ich drehte mich noch einmal zu Hannes und Kora um, die ebenfalls entsetzt stehengeblieben waren. Selbst der hellsichtige Konny, der sich den beiden angeschlossen hatte, verharrte sekundenlang in ein und derselben Pose. Sein sonst leicht gebräuntes Gesicht hatte die Farbe eines frisch gebleichten Lachauer Leinentuchs angenommen.

Er stammelte: „Die ..., die von der Kripo sind schon da, jetzt?!“
„Ja, ist das nicht furchtbar fragte Kora“, und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: „Der arme Helge. Wahrscheinlich ist er mausetot. Und wir waren immer so unfreundlich zu ihm.“
Das ist der Typ, der dich an den Hochsitz gefesselt hat, Kindchen, lag mir auf der Zunge, aber ich begnügte mich damit zu nicken und warf Hannes einen betroffenen Blick zu.

Die Stunden schleppten sich durch den Tag wie tiefe Wunden, die nicht heilen wollten. Hannes und ich hatten uns auf den Holzsteg, der über dem Tümpel ragte, verzogen und verfolgten den Großeinsatz mit gemischten Gefühlen und misstrauischen Blicken.

Im Schilf schwirrten und summten die Fliegen, Geräusche, die mir aufgrund der ungemütlichen Situation auf den Geist gingen. Ich war fix und fertig. Während ich in mein Taschentuch schniefte, jammerte ich „Wenn wir ihn nun in den Tod getrieben haben. Wenn ihm nun tatsächlich etwas zugestoßen ist.“

„Hör endlich mit deinem Gewimmer auf, Katja. Du bist wie Kora, im Grunde genommen“, gab Hannes schließlich zur Antwort und schüttelte verständnislos seinen Kopf. „Ich befürchte fast, dass alle Weiber so hysterisch sind.“
Bevor ich aufbegehren konnte, fuhr er fort: „Was für eine Aktion! Ein Hund hätte doch völlig ausgereicht. Und alles wegen diesem Helge! Ich möchte nicht wissen, was das kostet! Die armen Steuerzahler. Du glaubst doch wohl selbst nicht, dass dem was passiert ist! So ein Quatsch!“

Mir kam augenblicklich zu Bewusstsein, dass ich mich in der gleichen Zwickmühle befand wie damals Jim Hawkins, der ja auch nicht so genau wusste, ob Long Silver ein Guter oder ein Böser war. Aber als sich der Abend über das Gut neigte, hatte ich mich mit der Rolle des meschuggen Eremiten abgefunden, den Kapitän Flint auf der Schatzinsel ausgesetzt hatte.
Der Peterwagen parkte mitten auf dem Hof, nachdem er mit Blaulicht und dem schrillen Geheul des Martinshorns durch die Allee gerauscht war. Sämtliche Türen standen weit geöffnet und das blaue Licht auf dem Dach flackerte immer noch verschwenderisch vor sich hin.

„So viele Köter!“, schimpfte Hannes wieder. „Wenn das der Polizeipräsident wüsste. So gehen die mit Steuergeldern um!“
Er war mächtig in Fahrt gekommen.

„Hoffentlich kacken die Kläffer nicht alles voll. Ein paar von den Viechern sind sogar schon im Haus gewesen. Hunde können Gerüche viel besser unterscheiden als Menschen, weißt du. Ihr Geruchssinn ist unheimlich gut ausgeprägt, tausendmal schärfer als bei uns. Ich glaube, Frau Brandner hat sich hingelegt. Sie war hin und alle, als Herr Fuchs ihr Helges Arbeitsjacke präsentiert hat.“
„Kann ich mir lebhaft vorstellen“, sagte ich und fürchtete mich vor dem Tag, den ich, am Rande erwähnt, in nicht allzu weiter Ferne wähnte, an dem die Gnädigste nicht umhin konnte, der ganzen verheerenden Wahrheit ins Auge zu blicken.

Wir beobachteten fasziniert die kreischenden Gänse, die sich vor dem Park versammelt hatten und das Geschehen auf dem Hof lautstark debattierten. Sie wandten einander die Köpfe zu, zischten dann wieder furchterregend in Richtung Hof, schlugen mit den Flügeln, und stießen dabei Töne aus, die nicht mal Old Satchmo seiner Trompete entlocken kann. Dabei reckten und verdrehten sie fortwährend ihre langen Hälse in sämtliche Richtungen.

„Übrigens, Helge hat ,A positiv',

Collage zu "Gefährlicher Sommer", Teil 17; 1. Text

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Kommentare

12. Jan 2018

Dank, lieber Axel, Dir, für Deinen Kommentar,
es wird um einiges noch spannender,
als dieser Teil heut' war.

LG Annelie

13. Jan 2018

Eierpfannkuchen mit Apfelmus -
IMMER mit Zucker und auch mit Zimt,
damit die gewohnte Mischung stimmt.
Von mir an dich einen sehr lieben Gruß.

P.S.:Ích warte gespannt auf den nächsten Teil, liebe Annelie - Marie

14. Jan 2018

Dank, Dir, o liebe Marie, für Deinen Ansporn-Kommentar in schönen Versen:
Ich klotze ran - versprochen - ohne Kontroversen.

Liebe Sonntagsgrüße,
Annelie

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