Schattenspiele

von Michael Dahm
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Ich wäre sicher nicht so von Mysterien und Aberglauben besessen, wenn ich nicht in frühester Kindheit ein prägendes Erlebnis gehabt hätte.
In den frühen siebziger Jahren lebte ich mit meinen Stiefeltern in einem kleinen Dorf im Herzen Mecklenburgs. Alles war sehr einfach, nicht so wie heute, die Menschen waren zwar wortkarg, aber durchaus immer hilfsbereit.
Wer von den „over 40s“ kennt nicht diese ländliche Idylle von damals, als in den Dörfern noch die halbe Arche Noah lebte und ihre arttypischen Geräusche machte, was den Landbewohner von heute auf die Palme bringen würde.
Neben meinen Eltern und mir wohnte auch die Mutter meines Stiefvaters unter unserem Dach. Eine garstige alte Frau mit stechendem Blick.
Damals wusste ich nicht, dass Weiber diesen Kalibers gern auf Besenstielen verreisen, heute würde ich sie durchaus so einschätzen.
Zu allem Unglück musste ich als Fünfjähriger auch noch das Zimmer mit ihr teilen, was mir gar nicht behagte, kamen doch nachts aus ihrer Ecke immer so komische Geräusche und ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese etwas mit dem Schlafen zu hatten.
In dem besagten Zimmer stand ein gusseiserner Ofen, von seiner Luftklappe war der Riegel abgebrochen, so dass sie immer einen Spalt aufbleiben musste. Dadurch spielten die Flammen ein abstruses Spiel auf den Wänden und unheimliche Schatten wanderten durch den Raum.
Nicht selten konnte ich meine Stiefoma mit glasigen Augen und einem diabolischen Grinsen in ihrem Bett erkennen. Sie schien zu schlafen, aber ihr Blick war stets auf mich gerichtet.
Ich hatte Angst vor dieser Frau.
Eines Morgens, im Winter, hörte ich ein schreckliches Stöhnen aus ihrer Richtung.
Der Ofen hatte noch ein wenig lodernde Glut und so konnte ich ein Trugbild erkennen, das wie der Schatten eines Ziegenbocks aussah, welcher über dem Bett der Alten schwebte. Hinten hatte er Hufe, mit denen er sich abstützte, und mit den vorderen Extremitäten, die wie Klauen aussahen,schien er etwas aus der Frau herauszuziehen. Dann zischte es einmal, der Ofen loderte hell auf, ich sah, wie sich ein zappelnder Schatten in den Fängen des Gehörnten befand. Dann erlosch die Glut und alles war wieder ruhig.
Ich lief zu meiner Mutter und legte mich zu ihr ins Bett.
Dann wurde es hektisch … sie ist tot, sie ist tot, hörte ich meine Mutter rufen. Völlig benebelt wachte ich auf und wusste, wer gemeint war.
Ich erzählte meinen Eltern die Geschichte, aber niemand wollte mir glauben.
Ein paar Wochen später, die Alte war schon beerdigt, lag ich in meinem Zimmer und konnte die teuflischen Schatten beobachten.
Vielleicht kann sich der eine oder der andere die Angst eines fünfjährigen Kindes vorstellen, das ganz allein in so einem gespenstischen Zimmer liegt, in dem es vor gar nicht allzu langer Zeit ein grausiges Erlebnis hatte.
Plötzlich zischte es, genau wie an dem besagten Tag.
Aus dem Ofen kroch ganz langsam eine diffuse Gestalt, kroch über die Wand und floss in das leerstehende Bett.
Es dauerte nicht lange, dann hörte ich die komischen Geräusche und, ob ich wollte oder nicht, ich musste zum Bett meiner Oma schauen.
Sie lag da, mit satanischem Grinsen, und starrte mich an.

Heute gehe ich jedem Ofen aus dem Weg und werfe Neuroleptika ein. Nachdem sie mich auch nach Jahren noch zwei Mal besuchte, schlafe ich bei grellweißem Licht, das keine Schatten wirft, am besten ...

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Kommentare

13. Aug 2017

Einen packend starken Text
Hast du garantiert gehext!
(Krause auf einem Besenstiel -
Dafür wiegt die ja viel zu viel ...)

LG Axel

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