Fludurisa - Page 6

Bild von Maik Kühn
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Derweil öffnete sich vor ihnen am Tempel eine Tür. Dahinter lag eine riesige Halle, offensichtlich die gesamte Grundfläche einnehmend. Hunderte Menschen schienen hier zu arbeiten und auf unzähligen Monitoren wurden Aufnahmen aus mutmaßlich allen Winkeln der Stadt ausgewertet.
„Herzlich willkommen in der Schaltzentrale deines hochgelobten Paradieses.“
Ishani schaute beschämt zu Boden.
„Weitaus besser als im Chaos unterzugehen.“
Lesharo entgegnete dem Mann lieber nichts und folgte ihm schweigend. Niemand drehte sich um, da alle viel zu sehr in ihre Arbeit vertieft waren. In der Mitte des Gebäudes stand ein Zylinder, der dem Aufzug im Wolkenkratzer glich. Die drei stiegen ein und fuhren laut Anzeige mehrere Stockwerke hinab.
„Aussteigen! Ihr werdet bereits erwartet.“
Er ließ sie passieren und verschwand dann wieder mit der Kapsel in Richtung Halle. Es gab hier unten lediglich einen Gang, der vom Aufzug wegführte. Neugierig, aber mit dem nötigen Respekt, gingen die beiden händchenhaltend ins Ungewisse.

„Kommt ruhig herein!“
Hell erleuchtet war der Raum am Ende des Flurs und völlig leer. Lediglich ein schwarz gekleideter Mann hielt sich darin auf.
„Entschuldigt bitte die ganzen Unannehmlichkeiten. Möchtet ihr vielleicht etwas trinken?“
Die beiden verneinten synchron.
„Ihr wollt natürlich endlich Antworten von mir bekommen, nicht wahr?“
„Was soll das Ganze?!“
Sie stieß Lesharo in die Seite, um drohenden Schaden von ihm abzuwenden.
„Sorry, mein Name ist Chnum.“
Es folgte ein Moment der Stille.
„Wie der Schöpfergott Altägyptens?! Geht’s vielleicht auch eine Nummer kleiner?!“
„Hör auf damit …“
Ihr verärgerter Gesichtsausdruck unterstrich die zuvor geflüsterten Worte.
„Dein Humor ist echt herrlich.“
Chnum lachte ausgelassen.
„Ja, wie soll ich bloß anfangen … Also … Mein Großvater, damals noch ein junger Mann, ist im 19. Jahrhundert eurer Zeitrechnung Teil einer Mission gewesen. Gemeinsam mit elf weiteren Bewohnern dieses Planeten hier, galt es einen Himmelskörper wiederzufinden, der für uns von identitätsstiftender Bedeutung ist … Eure Erde!“
Lesharo unterbrach ihn.
„Dann seid ihr also nicht nur Menschen wie wir, sondern stammt ursprünglich ebenfalls von der Erde.“
„Wie dem auch sei … Die Mission drohte wie ihre Vorgängerinnen zu scheitern, doch mein Großvater wollte einfach nicht aufgeben. Eines Tages hatte er einen Traum und im Anschluss steuerte das Raumschiff auf die richtige Galaxie zu. Dummerweise kam es kurz nach Eintritt in euer Sonnensystem zu Turbulenzen. Da jetzt der Schutzschild des Raumschiffes beschädigt war, drohte man beim Eintritt in die Atmosphäre zu verglühen … Um die Geschichte abzukürzen … Das Schiff explodierte mitten im Regenwald und bis auf meinen Großvater kamen alle Besatzungsmitglieder ums Leben. Geistesgegenwärtig konnte er glücklicherweise noch im letzten Moment ein Signal nach Fludurisa absetzen.“
Ishani hörte mitfühlend zu.
„Warum erzählst du uns das?!“
Lesharo verlor langsam die Geduld.
„Allein in einer fremden Welt mit gefährlichen Tieren und ohne Hilfsmittel. Er trug lediglich noch seine Kleidung am Leib, aber es kam zu einer Begegnung, die ihm letztendlich das Leben retten sollte. Euer Ururgroßvater, ein damals ebenfalls noch junger Eingeborener, nahm sich ihm an und hielt seine Existenz vor den anderen Stammesmitgliedern geheim …“
Sie waren miteinander verwandt? Welche Nachricht war in diesem Moment persönlich interessanter? Die Begegnung seines Vorfahrens mit einem Alien, dessen Vorfahren wiederum von der Erde stammten oder Urgroßcousine Ishani?
„Mein Großvater wurde nach ungefähr einem Erdjahr von einer extra für ihn initiierten Mission gerettet. Alle Spuren von dem gestrandeten Raumschiff vernichtete man und bei eurem Ahnen mussten leider die entsprechenden Erinnerungen gelöscht werden.“
„Und nach mehr als 100 Jahren möchtest du dich noch einmal persönlich bedanken und uns beide einander als Verwandte vorstellen oder wie?“
Chnums Gesichtsausdruck wurde jetzt deutlich ernster.
„Schaut euch doch mal an, was aus eurer Erde geworden ist: Kriege mit ungeheuerlichem Zerstörungspotential, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Menschen, die trotz allgemeinem Überfluss an Nahrung verhungern müssen, Armut, Krankheiten …“
Genervt wendete sich Lesharo seiner Begleiterin zu.
„Den Scheiß müssen wir uns jetzt nicht länger anhören!“
„Ich habe euch nicht nur herholen lassen, weil ihr die letzten beiden noch lebenden Nachfahren eures Ururgroßvaters seid. Von deinen beiden Söhnen einmal abgesehen … Wir haben hier viel erreicht, aber leider gibt es Kräfte im Universum, die selbst wir nicht beherrschen können …“
„Welche Kräfte?“
Jetzt war es Ishani, die ihn unterbrach.
„Dieser herrliche Planet wird laut unseren neuesten Berechnungen in kürzester Zeit mit einem Asteroiden kollidieren, dadurch seine Umlaufbahn verlassen und schließlich nicht mehr bewohnbar sein.“
„Und wir sollen dann gemeinsam mir dir draufgehen oder wie?!“
„Lesharo, das macht doch keinen Sinn!“
Sie hielt ihn jetzt regelrecht mit den Händen fest.
„Deine Begleitung hat recht … Wir können nicht die gesamte Stadt evakuieren. Weitere Siedlungsgebiete gibt es nämlich nicht auf Fludurisa … 111 Auserwählte sollten ursprünglich gerettet und auf der Erde angesiedelt werden …“
Die beiden schauten ihn fragend an.
„Ursprünglich?!“
„In der nähe eures Planeten befindet sich ein gigantisches Raumschiff, allerdings perfekt getarnt und somit unsichtbar. Ohne dieses Wunderwerk hätten wir euch beispielsweise gar nicht erst hierher befördern können …“

„Was war das?!“
Gewaltig knallte es mehrere Male dicht hintereinander, was ein kleines Beben in dem Raum auslöste. Binnen Sekunden standen die drei im Dunkeln.
„Du hast hoffentlich eine Taschenlampe oder so etwas Ähnliches dabei!“
Chnums Gesicht wurde kurz darauf im Lichtkegel sichtbar, der von einem unscheinbaren kleinen Stab ausging.
„Verdammter Mist!!!“
Hektisch tastete ihr Gegenüber an seiner zweiten Haut herum.
„Ups, haben wir da vielleicht ein technisches Problem?“
Lesharo kostete den Moment aus, letztlich um seine Unsicherheit zu verbergen.
„Ihr rührt euch hier nicht vom Fleck und wartet solange bis ich wieder zurück bin!“
Dem Geräusch nach zu urteilen, wurde irgendetwas an der Wand hin- und hergeschoben. Auf jeden Fall war Chnum offensichtlich verschwunden und hatte sie allein zurückgelassen.
„Toller Typ … Wenigstens Licht wäre nicht zu viel verlangt gewesen ...“
Ishani suchte seine Nähe und legte ihre Hand auf den erfühlten Rücken des Mannes. Dieser tastete sich derweil instinktiv voran und klopfte nacheinander die Wände ab, in der Hoffnung, herauszubekommen, wie Chnum verschwunden war.
„Scheiße!!! Irgendwie muss er doch den Raum verlassen haben!!!“
„Hey, was ist eigentlich mit dem Boden? Hör mal!“
Ishani trat mehrere Mal an unterschiedlichen Stellen fest auf, wodurch uneinheitliche Töne entstanden. Beide krabbelten jetzt wie Kleinkinder dicht nebeneinander her und klopften den Abschnitt direkt unter ihnen ab. Die zarten Frauenhände entdeckten plötzlich eine winzige Vertiefung. Neugierig glitt die Kuppe ihres Zeigefingers hinein, woraufhin es einmal kurz klickte.
„Da ist etwas aus dem Boden herausgekommen.“
Es fühlte sich wie eine Öse an. Ishani hakte ein und zog daran so fest sie konnte.
„Achtung!“
Der Boden, genauer gesagt ein Teil davon, bewegte sich

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