Fludurisa - Page 3

Bild von Maik Kühn
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mal ein bewegtes Leben. Hast du Familie?“
Trotz ungewohnt redseliger Offenheit wollte er über den gewaltsamen Tod seiner großen Liebe keine Worte verlieren.
„Ich lebe allein und meine Söhne arbeiten in der Hauptstadt für irgendwelche reichen Leute. Kontakt zu den beiden gibt es kaum noch, was nicht nur daran liegt, dass ich kein Telefon oder Smartphone besitze.“
„Echt schade ...“
Das Interesse füreinander wuchs und Ishani erinnerte sich nicht daran, jemals innerhalb von wenigen Stunden so viel über einen fremden Menschen in Erfahrung gebracht zu haben, was sich letztlich auf Gegenseitigkeit beruhen sollte. Sie konnte Lesharo unmöglich wegschicken, aber auch nicht zurück in die Stadt bringen, da zurzeit kein Fahrzeug vor Ort verfügbar war. Gleich am nächsten Tag würde ein Angestellter den entsprechenden Auftrag erhalten. Sicherlich, ein Anruf genügte und bereits heute wäre die Sache erledigt, doch eine Verlängerung seines Aufenthaltes kam ihr nicht ungelegen.
„Nein, das kann ich wirklich nicht annehmen …“
Im Haus selbst schien es kein Personal zu geben, was darauf schließen ließ, dass die Tochter des Großgrundbesitzers entsprechende Aufgaben selbst erledigte. Ergänzend dazu wurde zwei bis dreimal wöchentlich eine Dame vorstellig und putzte, was Ishani zu einem späteren Zeitpunkt erwähnen sollte.
Mit sichtlich unwohlem Gefühl kam Lesharo der Aufforderung nach zu duschen und hüllte sich anschließend widerwillig in Freizeitkleidung des Hausherrn, der ungefähr seine Körpermaße haben musste. Zum Abendessen gab es aufgewärmten Bohneneintopf mit Speck und dazu Rotwein aus eigenem Anbau.
„Was würde jetzt eigentlich dein Vater sagen?“
„Er ist genauso gastfreundlich, aber sehr eifersüchtig, wenn es um seine Tochter geht.“

Der Schrei hätte sicherlich auch Tote wiederbeleben können. Nach kurzen Orientierungsversuchen wurde das Sofa verlassen und die Treppe hinauf in den ersten Stock geeilt.
„Ishani, ist alles in Ordnung?!“
Ohne zu überlegen, öffnete Lesharo systematisch eine Tür nach der anderen. Schließlich stand er in dem richtigen Zimmer und traute seinen Augen nicht, denn die junge Frau saß dort unbekümmert auf ihrem Bett.
„Gefalle ich dir?“
Sein lediglich im Nachthemd gehülltes Gegenüber streckte beide Arme aus, die mit verführerischen Gesten zum Näherkommen einluden. Vorne über ihrer linken Schulter ruhte das zuvor gebündelte schwarze Haar, knapp unterhalb der Brust endend. Viel zu lange wanderte er bereits darbend durch eine zerstörerische Wüste und wie aus dem Nichts lockte plötzlich diese im Lebenssaft stehende Oase. Honigsüß ihr Lächeln … Im weiteren Verlauf abwärts auffällig gut proportionierte Rundungen … Beide Lippenpaare näherten sich jetzt langsam, wobei Ishani auf dem Bett verharrte … Es knisterte förmlich, spürbar stärker, je geringer der Abstand zwischen ihnen wurde …
Immer weiter beugte sich Lesharo vor und gedachte den ersten Kuss mit geschlossenen Augen auszukosten.
„Verdammt …“
Statt scheinbar unausweichlicher Zärtlichkeit, landete sein Gesicht auf einem dezent altrosafarbenen Bettlaken. So schnell konnte sie doch nicht unbemerkt den Raum verlassen haben …
„Ishani!!!“
Sichtlich enttäuscht, versehen mit einer schmerzlichen Portion Frust, wurde das gesamte Haus durchkämmt. Von der Tochter des Großgrundbesitzers jedoch keine Spur.
Im Eingangsbereich des Gebäudes dekorierten gerahmte Bilder eine eigens dafür ausgewählte Wand. Nur beiläufig nahm Lesharo davon Notiz und war gerade dabei nach draußen zu gehen, als abrupt die Kehrtwende erfolgte. Alle künstlerischen Darbietungen gaben nämlich ihre jeweiligen Motive in Patellfarben wieder. Nur ein Gemälde beinhaltete kräftigen grünen Nebel, der so gar nicht dort hineinzupassen schien.

Glücklicherweise gab es in circa zehn Kilometern Entfernung eine Bahnstrecke, die mehr oder weniger zufällig von ihm entdeckt wurde. Der Schnellzug sauste gerade in Richtung Südost. Lesharo wusste zwar nicht wirklich wo er sich zurzeit befand, aber mutmaßlich lag sein Zuhause eher dort als entgegengesetzt. Den Schienen entsprechend folgend, kündigte sich schließlich hinter ihm ein deutlich langsameres Transportmittel an. Waghalsig wurde kurz darauf der letzte Waggon erklommen, in den nach wenigen gezielten Handgriffen problemlos eingedrungen werden konnte. Zwischen streng riechenden Schafen ließ es sich dann trotz allem halbwegs erträglich reisen.
Die Entscheidung war richtig, denn nach einer gefühlten Ewigkeit durchfuhr der Viehexpress die Randbezirke seiner Heimatstadt. Dort verließ Lesharo den Waggon wieder und sprang direkt neben das Gleis. Statt nach Hause zu gehen, zog er es vor sich seitlich der nächsten Nationalstraße zu positionieren. Auf einem LKW, inmitten von Reissäcken, ging es dann weiter, immer dem Lauf der Sonne nach.

Nicht nur der Durst konnte hier gestillt werden, auch die Körperpflege sollte nicht zu kurz kommen. Das klare Wasser des Sees erfrischte und reinigte zugleich. Anfänglich dominierte noch ein letztes Zögern, aber dann wurden alle Zweifel aus dem Weg geräumt. Zielstrebig schwamm Lesharo in Richtung kleine Insel, die sich ziemlich genau in der Mitte des runden Gewässers befand. Dieses Eiland stand auch im Mittelpunkt jenes Gemäldes aus dem Haus des Großgrundbesitzers, war dort aber zusätzlich mit grünem Nebel versehen worden.
Lediglich mit einer Unterhose und den von Ishani regelrecht aufgezwungenen Shorts bekleidet, ließ er sich jetzt von der glühenden Mittagssonne trockenen.
„Du bist wirklich gut ...“
Ganz sicher, es war die Stimme aus dem Kirchenkeller und wieder gab es weit und breit keinen Menschen, dem sie zu gehören schien.
„Wo bist du?! Na los, zeig dich!!!“
Statt zu antworten, wuchs unmittelbar vor seinen Füßen ein Halm samt Ähre, die schließlich reifte und goldgelb leuchtete.
„Ist es nicht immer wieder geheimnisvoll? Ein einzelnes Korn stirbt in der Erde und bringt dann so viel Frucht hervor ...“
Es handelte sich wohl lediglich um eine Art Projektion, denn seine Hand glitt ohne Berührung einfach hindurch.
„Hör auf mit dem Scheiß und sag mir lieber, was ihr mit Ishani gemacht habt!“
Alle Sinne wurden geschärft, aber es gelang ihm einfach nicht seinen Gesprächspartner zu lokalisieren.
„Du hast deine Emotionen ja nicht gerade gut im Griff ...“
Anfänglich nahezu unbemerkt, bildete sich langsam wie aus dem Nichts kommend smaragdfarbener Dunst und umschloss die gesamte Insel. Lesharo hatte plötzlich den Eindruck unter einer Käseglocke zu stehen, denn der Nebel wuchs rasant empor und vereinte sich schließlich in Form einer Kuppel. Schemenhaft konnte er dadurch bedingt den mutmaßlichen Gesprächspartner erkennen und rannte sofort auf ihn zu. Der Abstand blieb allerdings nahezu gleich, was beide Akteure letztlich in die Mitte des kaum bewachsenen Eilands befördern sollte. Direkt über ihnen befand sich jetzt der Scheitelpunkt des Gewölbes. Eine Art Windhose in grünlicher Farbe entstand dort oben und deren Rüssel ergriff binnen Sekunden Besitz von Lesharo. Wehrlos wurde der Mann regelrecht aufgesaugt, das gesamte bisherige Leben

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