Fludurisa - Page 4

Bild von Maik Kühn
Mitglied

dabei im Zeitraffer vor dem geistigen Auge habend und schoss im Anschluss wie ein Lichtstrahl durch scheinbar tiefschwarze Leere.

Wie in seine Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt fühlte er sich beim ersten Augenaufschlag. Von der Insel und dem See fehlten jegliche Spuren. Stattdessen lag Lesharo auf dem Boden inmitten eines Parks, umschlossen von riesigen Wolkenkratzern.
Dieses Insekt, scheinbar eine Hummel, umkreiste ihn von allen Seiten und kam dabei mehrmals bedrohlich nah. Trotz seines großen Respekts vor dem Leben wurde das Tier beim sich Aufrichten des Mannes per schneller Handbewegung gegen einen Baumstamm gelenkt.
„Was ist das? … Unglaublich …“
Es zerbrach nach dem Aufprall unerwartet in mehrere Stücke, schien also definitiv nicht aus Fleisch und Blut gewesen zu sein.
„Los, bleib stehen und beweg dich nicht!“
Zwei Männer hatten sich lautlos herangeschlichen und bäumten sich jetzt vor ihm auf.
„Ausziehen!“
„Was?! Wer seid ihr?! … Hilfe!!!“
Panisch blieb Lesharo wie angewurzelt stehen, in der Hoffnung, dass diese surreale Szene bald enden würde. Doch es kam anders, denn die Geduld der beiden war bereits ausgereizt. Ohne weitere Warnung, entkleideten sie den Fremden und bestrahlten ihn anschließend mit einer Art Taschenlampe.
„Anziehen!“
Dem Rucksack des einen Mannes wurde ein Päckchen entnommen, darin farblose aber undurchsichtige Kleidung. Völlig eingeschüchtert, zog er zuerst die mutmaßliche Unterwäsche an, gefolgt von dem kurzen Oberteil, denn es war hier sommerlich warm. Den Abschluss bildete eine sich der Taille sofort anpassende und entsprechend bequem sitzende Hose. Derweil schienen die beiden skurrilen Typen angeregt miteinander zu kommunizieren, allerdings ohne Sprache und Gesten.
„Du darfst dir noch eine Farbe für deine zweite Haut … korrigiere … Kleidung … aussuchen.“
Man musste diese Situation wohl am besten ad absurdum führen …
„Kaffeebraun, kombiniert mit einem dezent wahrnehmbaren Weiß.“
Lesharo kostete den Triumph heimlich aus, denn die beiden Männer schauten sich plötzlich gegenseitig fragend an. Doch es handelte sich lediglich um ein kurzes Vergnügen … Fremde Hände strichen wenig später entlang seiner gesamten Wirbelsäule, was ihm vor allem im Gesäßbereich sehr unangenehm war.
„Du musst die Farbe noch einmal nennen oder denken.“
Provozierend laut brach das herzhafte Lachen aus ihm heraus und in seiner Phantasie versuchten Chemiker in einem streng geheimen Labor hochkonzentriert Kaffebraun mit Weiß zu kombinieren. Ein Blick hinab zu den nach wie vor nackten Füßen ließ dann jedoch jegliche weitere Schadenfreude im Keim ersticken.
„Das ist ja echt total abgefahren.“
„Wie soll man dies einem Erdenbürger wie dir bloß erklären? Na gut … Die zweite Haut nimmt über das Nervensystem Kontakt mit deinem Gehirn auf und ist gleichzeitig mit dem … bei euch wäre es wohl so eine Art Superinternet verbunden. Farbwunsch und nachträglicher Farbwechsel sind eigentlich nur Spielerei, aber mehr kann an deiner … Kleidung … nicht verändert werden. So, jetzt ziehst du dir bitte noch diese … Schuhe … an.“
Offen stand sein Mund, wobei dies erst der Anfang gewesen sein sollte …
„Für dein Alter bist du übrigens in sehr guter physischer Verfassung. Allerdings sollte das Gift Alkohol sofort gemieden werden, um auf lange Sicht Schäden zu vermeiden.“
Diese zweite Haut hatte offensichtlich in Windeseile seinen Körper umfassend untersucht und die Ergebnisse dann unverzüglich per Datenübertragung weitergeleitet.
Traum, die Zukunft oder vielleicht sogar eine ferne Welt … das hier war mit absoluter Sicherheit anders als alles bisher im Leben Erfahrene …
„Wer seid ihr eigentlich und was soll das Ganze?“
„Geduld, du wirst schon noch sehen ...“

Flankiert von den beiden Männern wurde Lesharo durch den Park geführt. Hin und wieder tauchten einige der hummelähnlichen Flugobjekte auf.
„Ihr baut hier wirklich Insekten nach?“
„Das sind künstliche Augen … Kameras … Sie werden eingesetzt, um eine bessere Überwachung zu gewährleisten.“
Er schüttelte fassungslos den Kopf.
„Überwachung …“
„Ja, unser System ist bereits zu 99 Prozent perfekt.“
„Welches System?“
Die Fremden waren wirklich nicht die redseligsten Gesprächspartner, aber immerhin konnte man ihnen Fragen stellen. Wo genau befand er sich hier bloß und vor allem warum?
„Genug bewegt!“
Hinter dem Ausgang standen räderlose Boards bereit, die wenige Zentimeter über der Erde schwebten.
„Ich soll mich da jetzt aber nicht wirklich draufstellen oder?“
Man hievte ihn regelrecht zu seinem Glück. Das Brett war durchsichtig und hatte eine Umrandung aus vielen kleinen leuchtenden Punkten. Einer der beiden Männer fuhr voraus und die zweite Person direkt hinter Lesharo. Er musste einfach nur stehen bleiben, denn das mysteriöse Gefährt bewegte sich eigenständig im Tempo eines moderat laufenden Joggers. Sobald sein Gewichtsschwerpunkt verlagert wurde, stellte das Board unaufgefordert wieder die Balance her. Die Luft war recht angenehm und von nicht schlechterer Qualität im Vergleich zu der im Park.
„Cool, aber bei Regen wohl leider nicht einsetzbar.“
Eine Art Blase bildete sich um ihn herum, in der problemlos weitergeatmet werden konnte und die mutmaßlich vor Nässe schütze.
„OK, ihr seid hier anscheinend wirklich Perfektionisten.“
Die drei Männer schwebten über einen bürgersteigähnlichen Streifen. Sämtlicher Gegenverkehr wurde entweder seitlich oder direkt über ihnen umgelenkt. Auf den Straßen selbst glitten autonom gesteuerte Objekte im Design halbrunder Golfbälle über den Boden. Wolkenkratzer im einheitlichen Erscheinungsbild mit undurchsichtigen Fassaden aus einem glasähnlichen Material, ragten an beiden Seiten majestätisch in schwindelerregende Höhen. Lesharo kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und begann sich langsam wohlzufühlen. Sehr vorsichtig verlangsamte sich derweil ihre Geschwindigkeit und die Boards stoppten sanft.
„Einfach absteigen wie von einer … Treppenstufe.“
Sie betraten das Gebäude dank Gesichtserkennung von einem der beiden Männer. Innerhalb des Wolkenkratzers waren die Außenwände durchsichtig und man konnte alles genauestens beobachten. Es schien sich wohl in erster Linie um ein Wohngebäude zu halten. Eine Röhre aus Metall war senkrecht nach oben ausgerichtet und sollte den Männern als Aufzug dienen. Wie von Geisterhand öffnete sich die eigentlich nicht zu erkennende Tür. Dahinter wartete bereits eine zylinderförmige Kapsel mit der sie binnen Sekunden die Zieletage erreichten.
Angenehm beleuchtet, synchron mit den aktuellen Tageslichtverhältnissen, bahnte sich der lange Korridor wie eine Schlange seinen Weg.
„Hier trennen sich unsere Wege. Alles Gute.“
„Moment mal …“
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, hatten sich die beiden Begleiter umgedreht und ihn einfach mitten auf dem Flur stehen lassen. Es war zum Verzweifeln, doch beim näheren hinschauen machten sich Konturen eines Eingangs bemerkbar. Gedanklich versuchte Lesharo die Tür zu öffnen und siehe da, sie blieb augenblicklich nicht mehr verschlossen.
„Ach ja, ich trage ja diese Superkleidung ...“
Zweifelsohne, er befand sich jetzt in einer Wohnung. Der Raum im

Seiten

Mehr von Maik Kühn lesen

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise