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Der Feueropal

Bild von nigineoK@web.de
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Es war einer dieser ersten lang ersehnten Frühlingstage, hier an meinem Arbeitsplatz aber leider nur durch die Glasfront im Eingangsbereich zu beobachten, so als wäre ich lediglich der passive Zaungast einer sich in Kürze spürbar verändernden Natur. Immer wenn es läutete und kurz darauf Kundschaft eintrat, verstärkte sich wenigstens für einen kurzen Augenblick das Zwitschern der draußen im Freien jubilierenden Vögel, denn mein ganzer Stolz besaß im Verkaufsraum kein einziges zu öffnendes Fenster. OK, hinten in der Werkstatt sah es deutlich besser aus, doch der dort angrenzende Hinterhof befand sich auf der Nordseite des Gebäudes, was zwar vor allem im Sommer recht angenehm war, sich aber gerade jetzt zu dieser Jahreszeit als Nachteil erwies. Vor genau zwei Jahren hatte ich dank einer kleinen Erbschaft diesen Schritt in die berufliche Selbstständigkeit wagen dürfen. Nicht, dass diese Stadt unbedingt nach einem weiteren Juwelier verlangte, doch als Goldschmiedin wollte ich endlich meine eigenen Ideen umsetzen und verfüge zudem über handwerklich fundierte Beratungskompetenz.
„Einen wunderschönen guten Morgen!“
Vor meinem geistigen Auge ist diese Szene unserer allerersten Begegnung heute immer noch jederzeit abrufbar ... Kommentarlos wurde die Ladentür nach dem Betreten von innen geschlossen. Ihre glatten kaffeebraunen Haare, deren Spitzen zwischen Nacken und Rückenmitte des gut proportionierten Körpers endeten, wendeten sich mir für einen kurzen Moment zu.
„Hi!“
Zielgerichtet bewegte sich die Kundin in meine Richtung, den beidseitig dezent platzierten Schmuck dabei vollständig ignorierend. Wie auf einem Laufsteg überwand sie betont schwungvoll etwa fünf Meter Distanz und legte dann ihre beiden Hände auf die Verkaufstheke, hinter der ich stand. Zwei haselnussbraune Augen mit auffällig geweiteten Pupillen hatten bereits auf halbem Wege den Blickkontakt mit mir gesucht.
„Ja, hier bin ich genau richtig … Dir werde ich ihn anvertrauen!“
„Sorry?! Was genau kann ich für Sie tun?“
Schon einige ungewöhnliche Menschen hatten im Laufe der Zeit mein Geschäft betreten, doch diese Frau schien tendenziell zu einer Herausforderung zu werden. Mutmaßlich könnten wir ungefähr dasselbe Alter haben, aber ohne Vorankündigung gleich zum Du überzugehen strapazierte spürbar meine grundsätzliche Offenheit fremden Menschen gegenüber, zumal ich vorab gerne ihren Namen in Erfahrung gebracht hätte. Nun gut, Angriff war bekanntlich die beste Verteidigung …
„Also, ich bin die Patricia und …“
„Pa-tri-ci-a … und wie darf ich dich jetzt wirklich ansprechen?“
Ihre dezent geschminkten Lippen formten ein liebevolles Lächeln, mit dem das recht dreiste Kommentar offensichtlich weggestrahlt werden sollte.
„Hey, jetzt guck doch nicht so. Du hast einen schönen Namen … Ich bin übrigens die Virgi, eigentlich Virginia wie der Bundesstaat …“
Ihre zarten Hände zogen meine Blicke auf sich. Sehr gepflegt die schlanken Finger, deren natürlich lang gewachsene Nägel mit einem Klarlack versehen waren.
„Ich werde von allen mit denen ich per Du bin einfach nur Patricia genannt ...“
Warum wurde ich bloß auf einmal so nervös? Hoffentlich merkte sie es mir nicht an …
„Sie … du … möchtest mir also etwas anvertrauen?“
Gespielt verlegen schaute Virgi in Richtung Handtasche, die lässig über ihrer Schulter hing, dann wieder zu mir, meinen Oberkörper liebevoll musternd. Schließlich wurde dem hellbraunen Accessoire aus Kunstleder ein kleiner mit Blumen bestickter Stoffbeutel entnommen.
„Bitte einmal die Augen schließen!“
In diesem Moment wäre es mir unter normalen Umständen höchst unangenehm gewesen, beispielsweise von einem weiteren hereinkommenden Kunden gesehen zu werden, doch diese Frau zog mich regelrecht in ihren Bann und obwohl wir uns gerade erst kennengelernt hatten, befolgte ich ihren Wunsch.
„Jetzt deine geöffnete linke Hand mit der Rückseite auf die Theke legen ... Nicht blinzeln!“
Virgi schien offensichtlich sehr aufmerksam zu sein. Ihre letzten beiden Worte klangen allerdings so, als ob dadurch ein weiterer Schummelversuch regelrecht provoziert werden sollte, um mir dann im Anschluss zum Schein eine Strafe auferlegen zu dürfen. Nachdem sie mit dem Finger einen mehrmals nachgezogenen Kreis mitten auf meiner Handfläche hinterlassen hatte, wurde kurz darauf genau dort der angekündigte Gegenstand positioniert.
„Jetzt bitte ganz langsam öffnen …“
„Wirklich hübsch!“
Ein facettenreich geschliffener Feueropal. Die dazugehörige Silberfassung an den Seiten mit winzigen Ornamenten versehen, ebenso die gesamte äußere Ringschiene.
„Den möchte ich gerne an meinem linken Mittelfinger tragen.“
„Überhaupt kein Problem, ich kann dir den Ring heute noch enger machen.“
Das Schmuckstück war Virgi augenscheinlich nur ein wenig zu groß. Sie hatte nun einmal wie bereits erwähnt äußerst schlanke Finger ...
„Hast du denn einen anderen Ring dabei, der dir passt, damit ich die genaue Größe ermitteln kann?“
„Nein, ich besitze leider nur diesen einen ...“
„Kein Problem ...“
Direkt in der Verkaufstheke eingelassen, bedeckt von einer robusten Glasscheibe, befanden sich Trauringe in unterschiedlichen Größen. Nur von meiner Seite aus war der Zugriff auf die zum Teil recht wertvollen Exemplare möglich. Ich zog eines der vier Sortimente heraus und versuchte die Auswahl dank meiner langjährigen Berufserfahrung einzugrenzen.
„Ups, der ist wohl etwas zu groß!“
Meine Hände begannen zu zittern, woraufhin diese kurz darauf von Virgis beiden Pendants umschlossen wurden. Unsere Köpfe näherten sich dabei einander. Dezent platzierte kleine Muttermale gaben ihrem nahezu makellosen Gesicht eine besondere Note. Hübsch geschminkte Augen, die Brauen offensichtlich dank professioneller Hilfe in Form gebracht … Energie schien meinen Körper zu durchdringen, das Herz schlug schneller und die Hände wurden feucht.
„Mach ruhig weiter, wir sind ja schon nah dran …“
Der nächste kleine goldene Reif passte. Schade, denn ich hätte ihr am liebsten alle meine Ringe nacheinander übergestreift.
„Volltreffer, gratuliere!“
Unerwartet schnell ließ sie von mir ab, entnahm ihrer Handtasche einen roten Fineliner und schrieb mir ungefragt etwas auf meine linke Wange, versiegelt mit einem zärtlich gehauchten Kuss auf dieselbe Stelle.
„Ruf mich an, sobald du fertig bist und sei bitte vorsichtig, denn dieser Ring ist etwas ganz besonderes …“
Ohne sich von mir zu verabschieden, tänzelte Virgi aus dem Geschäft und schloss dann demonstrativ laut die Tür hinter sich, so als wollte sie mich aus einem Tagtraum reißen … Was war da bloß gerade eben mit mir geschehen? Die beiden Erhebungen auf meinen Brüsten schwellten derweil langsam wieder ab. Ohne zu zögern verschloss ich den Ladenzugang, einhergehend mit dem Wenden der kleinen Infotafel, die jetzt für potenzielle Kunden das Wort „Geschlossen!“ bereithielt. Der anschließende Gang zur Toilette, ich hatte vorsorglich Papier und Stift mitgenommen, offenbarte mir ihre Handynummer, der rotgelockten langhaarigen Frau mit den grünen Augen in dem Spiegel vor mir wortwörtlich in das mit unzähligen Sommersprossen übersäte Gesicht geschrieben.

So schnell wurde

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