Fludurisa

von Maik Kühn
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Zuerst stiegen nur vereinzelt Bläschen zur Oberfläche empor, doch bereits nach kurzer Zeit folgten unzählige Artgenossen. Am Ende dominierte ein heißes Brodeln, darüber Dampf, der das gewünschte Ergebnis gut sichtbar ankündigte. Seine verbeulte Metalltasse wurde mit drei Löffeln Instantpulver versehen, dann nahm er den Tauchsieder aus dem Topf und zweigte ausreichend heißes Wasser ab.
Lediglich ein dürftig isoliertes Kabel verband die selbstgebaute Wellblechhütte mit den technischen Errungenschaften moderner Zivilisationen. Der elektrische Strom konnte darüber hinaus bei Bedarf eine von der Decke herabhängende Glühbirne zum Leuchten bringen. Trinkwasser spendete ein öffentlicher Hahn, der sich allerdings in circa 200 Metern Entfernung befand.
Da es an diesem Ort dank Äquatornähe ganzjährig nahezu gleich warm war, bedurfte es keiner Heizung. Für Luftzirkulation sorgte das Zusammenspiel von fehlendem Fensterglas und einem direkt gegenüberliegenden Eingang mit defekter Tür. Dennoch glich der Verbleib in der Hütte vor allem zur Mittagszeit einer Tortur.
Lesharo ließ sich in den alten Sessel fallen und genoss seinen frisch aufgebrühten Kaffee mit viel Zucker. Unterhalb des Gesäßes machte sich eine Metallfeder bemerkbar, was ihn aber nicht wirklich zu stören schien. Um Platz zu sparen, lehnte eine Matratze an der Wand, die nachts auf dem Boden lag und somit als Schlafstätte fungierte. Ergänzt wurde sein überschaubarer Besitz durch einen kleinen Holztisch samt zwei Stühlen und dem wackligen Metallregal dahinter. Zehn Minuten Fußweg entfernt befand sich eine Anlaufstelle für Menschen wie ihn. Dort bekam Lesharo bei Bedarf neue Kleidung, Schuhe und eine kostenlose medizinische Grundversorgung. Außerdem konnte er sich in diesem alten Gebäude aus der Kolonialzeit waschen, duschen, rasieren und die Haare schneiden lassen.
Schon erbärmlich, was aus ihm geworden war, aber immerhin reichte es zum Überleben. Vor allem die räumliche Enge schmerzte, zumal er einst mehrere Quadratkilometer sein Zuhause hatte nennen können …

„Verdammt!“
Für einen kurzen Moment musste er wohl eingenickt sein. Auf jeden Fall befand sich die Tasse jetzt seitlich auf dem Boden liegend und der restliche Kaffee hinterließ dort einen dunklen Fleck.
„Na, das nenn ich ja mal eine nette Begrüßung!“
„Hey Ronaldo, komm rein!“
Die Köpfe der beiden Männer hätten nicht unterschiedlicher bedeckt sein können. Kahlgeschoren der Besuch und im Kontrast dazu die langen schwarzen Haare des Gastgebers.
„Darf ich dir einen Kaffee anbieten?“
„Nein danke.“
Lesharo reichte ihm ein kleines Glas und goss klaren Schnaps hinein. Beides hatte er zuvor seinem Regal entnommen.
„Und was ist mit dir?“
„Ich besitze leider nur noch eins davon.“
Beide lachten. Mit dem restlichen Wasser aus dem Topf spülte er die Tasse aus und ließ dann ebenfalls ein wenig Alkohol hineingleiten.
„Auf uns!“
Routiniert band sich Lesharo nach dem Prosten einen Pferdeschwanz.
„Es gibt übrigens neue Nachrichten aus deiner Heimat. Die Regierung lässt dort eine Arbeitersiedlung bauen, denn man hat auf dem Gebiet Bodenschätze gefunden. Schon verrückt, erst holzen sie den Regenwald ab, um Ackerfläche für Rinderherden zu gewinnen und jetzt hat sich das Ganze wohl auch noch zusätzlich für diese Verbrecher rentiert …“
Erinnerungen begannen vor Lesharos geistigem Auge lebendig zu werden. So greifbar, als wären sie ein Teil seiner Gegenwart und würden nicht von einer bereits seit vielen Jahren zurückliegenden Zeit zeugen. Tief im Inneren des Landes hatte er mit seinem Stamm gelebt. Tiere wurden ausschließlich nach Bedarf getötet und auch die Pflanzenwelt erfuhr eine respektvolle Behandlung … Sehr lange ließ der Staat die sogenannten Ureinwohner gewähren, hielt aber bereits regen Kontakt mit ihnen, wodurch Lesharo in seiner Funktion als Häuptling die Amtssprache des Landes erlernte. Nach einem Regierungswechsel wurde der Stamm umgesiedelt. Nach und nach erlagen die meisten Eingeborenen den Versuchungen der Zivilisation und endeten letztlich am Rande der Gesellschaft …
„Hörst du mir überhaupt noch zu?“
„Was? … Sorry Ronaldo, aber ich möchte jetzt lieber allein sein …“
Irritiert stand der Gast auf, bedankte sich und verließ die Hütte nach einer herzlichen Umarmung.

Lange hatte er einfach nur so dagesessen und nachgedacht. Eine volle Tasse Schnaps später hielt dann die Müdigkeit Einzug.
In der Nacht drang auffälliges Licht durch das Fenster. Lesharos Augen taten sich auf und wenig später stand der Mann inmitten von Wellblechhütten und schaute neugierig zum Himmel hinauf. Eine Sternschnuppe steuerte langsam auf den Horizont zu, in einem auffällig leuchtenden Grün. Kurz darauf blitze es kurz auf und das Schauspiel schien bereits wieder beendet zu sein. Voller Tatendrang setzten sich seine Füße in Bewegung. Die Stadt spendete ausreichend künstliche Helligkeit, um auch ohne Taschenlampe relativ sicher unterwegs sein zu können. Hinzu kamen erste Boten der Morgendämmerung, was es noch einfacher machte den Weg fortzusetzen. Vorsichtig kletterte er den Hügel empor, an dessen Fuß sich der Slum befand. Oben angekommen, kündigte bereits ein roter Streifen am Himmel den bevorstehenden Sonnenaufgang an. Unterhalb dieses Schauspiels befand sich eine Tiefebene, die man von hier aus weit überblicken konnte. Irgendwo dort in der Ferne musste der Meteorit eingeschlagen sein. Gerade als Lesharo umkehren wollte, blitzte es erneut auf. Sollte wenigstens noch ein Funke seiner ursprünglich brillanten Orientierungsgabe in ihm glühen, dann musste diese Materie aus dem Weltall wohl nahe einer verlassenen alten Siedlung in den Erdboden eingedrungen sein, circa 40 Kilometer entfernt.

„Na los, steig auf.“
Wenige Wagenlängen vor ihm hatte der alte Pickup gehalten und fungierte jetzt als kostenloses Taxi. Die Ladefläche war nicht gerade bequem, aber immerhin konnte Lesharo hier oben seine Kräfte schonen. Aus der Stadt heraus gelangte er zuvor dank einer ebenfalls dem Zufall überlassenen Mitfahrgelegenheit. Nationalstraßen verdienten hier nicht wirklich eine solche Bezeichnung und diese schon gar nicht, denn es ruckelte wie auf einem Feldweg. Das Wasser schmeckte gewöhnungsbedürftig, denn leider hatte sich die Flasche in seinem Rucksack samt Inhalt zu sehr erwärmt.
Mit drei gezielten Faustschlägen gegen die Fahrerkabine wurde der Haltewunsch angekündigt. Lesharo bedankte sich, sprang vom Wagen herunter und ging querfeldein in Richtung der verlassenen Siedlung.

Bereits ziemlich verfallen wirkten die etwa zwei Dutzend Häuser. Nur ein Gebäude, damals offensichtlich als Kirche genutzt, schien äußerlich kaum Schaden genommen zu haben. Irgendwo musste es hier doch Hinweise auf das nächtliche Ereignis geben. Beispielsweise frische Risse in den Wänden, die durch jüngste Erschütterungen in nächster Nähe entstanden waren oder vielleicht ein kleiner Krater im Boden. Da es weit und breit keine entsprechenden Erhöhungen gab, riskierte er einen Versuch und drang in die Kirche ein, denn auf ihrem Dach thronte ein kleiner

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