Fortsetz.. v. 08. Januar 2017, Im Dickicht der Zeichen; Nora Meranes erster Fall, ein Krimi

von Annelie Kelch
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Wir überließen den schrecklichen Tatort der Spurensicherung und begaben uns über das Treppenhaus zu Kollbergs Appartment. Einige teils verstörte, teils neugierige Hausbewohner hatten sich bereits im zehnten Stockwerk vor Marcs Wohnung eingefunden, um das Neueste zu erfahren und wann der Fahrstuhl endlich wieder in Betrieb genommen werden könne. Wir hatten den Leuten erklärt, dass die Arbeit der Kriminalpolizei absoluten Vorrang habe; der Fahrstuhl sei für die Dauer von mindestens drei Tagen gesperrt.
"Wir müssen jeden einzelnen Bewohner dieses Hauses vernehmen, Nora“, sagte Marc. „Das ist eine Heidenarbeit. Wie ist Leander Koska überhaupt zu einem Haustürschlüssel gekommen?“
„Durch eine ehemalige Freundin, Geliebte“, vermutete ich. „Bist du darüber informiert, ob in einer dieser Wohnungen hier, möglicherweise sogar in mehreren, private Prostitutionsdienstleistungen angeboten werden – durch frustrierte, gelangweilte Hausfrauen oder gar Professionelle?“
„Nein“, sagte Marc. „Davon habe ich keine Ahnung. Wie gesagt, ich halte mich höchst selten in meiner Wohnung auf, übernachte meistens bei meinem Bruder. Sollten sich hier jedoch Prostituierte etabliert haben, wäre ich mit Sicherheit von dem einen oder anderen Hausbewohner darauf aufmerksam gemacht worden. Den meisten Leuten hier ist bekannt, dass ich Polizist bin, und ich glaube nicht, dass derartige Dienstleistungen in einem Haus wie diesem stillschweigend geduldet werden. Hast du Herrn Kollbergs Schlüssel eingesteckt?“
„Selbstverständlich“, sagte ich und schloss die Wohnungstür von Santos totem Herrchen auf.

Santo lag in seinem 'Körbchen', das fast so groß wie ein Wäschekorb ohne Henkel war, und schlief. Ein unruhiger, schauderhafter Traum schien ihn zu plagen: er knurrte im Schlaf und seine Beine zuckten wie wild.
„Das ist nicht dein Ernst, Nora, ich meine, dass du Santo adoptieren willst?“ -
„Und ob, Marc“, sagte ich. „Ich möchte nicht, dass er in ein Tierheim abgeschoben wird. Santo ist ein guter Hund. Ich lasse ihn zum Diensthund ausbilden. Das fordert ihn. Er soll etwas aus seinem Hundeleben machen, soll was erleben, sich gebraucht fühlen und nicht für den Rest seines Lebens faul und fett im Körbchen herumliegen.“
„Versuch es, möglicherweise hat er sich bereits so sehr an das feine Lebens bei Herrn Kollberg gewöhnt, dass er wenig Lust zum Arbeiten verspürt. Du wirst nach ein paar Tagen wissen, ob er sich für den Polizeidienst eignet. Hast du die Tochter von Herrn Kollberg schon angerufen?“
„Noch nicht, Marc. Ich will erst die persönlichen Sachen unseres Mordopfers durchsehen. Eventuell ergeben sich Fragen, die ich der Tochter stellen möchte. Ob ich sie nun jetzt oder ein, zwei Stunden später anrufe: Herr Kollberg wird dadurch leider nicht mehr lebendig.“
„Ich übernachte heute bei dir im Appartement, Nora“, sagte Marc. „Es ist nicht auszuschließen, dass Koska sich noch im Haus befindet - falls er hier Bekannte haben sollte – die entweder mit ihm unter einer Decke stecken oder nicht wissen, dass sie einen gemeinen Mörder beherbergen.“
„Eigentlich wollte ich mir in der Stadt ein Zimmer suchen, Marc. Es gruselt mich hier, ehrlich gesagt. Ich weiß nicht, ob ich in dieser Wohnung überhaupt noch ein Auge zubekomme.“
„Das kann ich dir nicht verdenken, Nora; aber heute wirst du in der Stadt kein Zimmer mehr finden. Sei unbesorgt, ich schiebe einen Schrank vor die Wohnungstür und durch die Fenster kann eh niemand in die Wohnung gelangen, nicht mal ein Fassadenkletterer. Dazu sind die Wände viel zu glatt.“
„'Über den Dächern von Nizza'“, sagte ich, während ich einen Karton mit Hern Kollbergs Papieren sichtete.
„Ein klasse Film“, sagte Marc. „Weißt du auch, das Hitchcock in zwei Szenen dieses Streifens seine Abneigung gegen Eier manifestiert hat? In der ersten Szene, Gary Grant äugt gerade durch ein Fenster in die Küche eines Restaurants, klatscht ein rohes Ei gegen die Scheibe, und in der zweiten Szene drückt Jessi Royce Landis ihre Zigarette im Gelb eines Spiegeleies aus.“
„Daran erinnere ich mich nicht mehr. Du - Marc,?“
„Ja?“
„Weißt du, welchen Beruf Herr Kollberg vor seiner Pensionierung ausgeübt hat?“
„Du wirst es mir gleich sagen ...“
"Setz dich lieber hin, nachher fällst du mir noch um bei dieser Neuigkeit.
Unser Herr Kollberg stand – im Polizeidienst. Während seiner letzten Berufsjahre hat er als Kriminalhauptkommissar in Hamburg gearbeitet. In Sankt Pauli auf der Davidwache.“
„Du machst Witze, Nora.“
„Hier, seine Entlassungsurkunde – nach 42 Dienstjahren.“
„Dann kannte er Koska“, sagte Marc. „Dann hat Koska in Hamburg irgendwas Schlimmes ausgefressen oder stand während einer Ermittlung im dringenden Tatverdacht. Wahrscheinlich war Kollberg Koska auf den Fersen, konnte ihn jedoch aus Mangel an Beweisen nicht überführen. Weißt du, was das heißt?“
„Noch mehr Arbeit“, sagte ich. „Wir müssen nach Hamburg und jede Akte aus Kollbergs Dienstzeit wälzen. Übrigens ist in den USA, ich glaube, es war in Kentucky, ein Ex-Polizist trotz Mangel an Beweisen verurteilt worden, weil er vor einem halben Jahrhundert ein Kind ermordet haben soll. Sein Vater hatte ihm, seinem Sohn, damals, als dieser als einer der hundert Verdächtigen verhört wurde, ein Alibi gegeben, es aber auf dem Totenbett widerrufen.“
„Wie schrecklich, nicht nur für die Eltern des getöteten Kindes, auch für den Vater des Mörders“, sagte Marc. „Die einfachen Delikte können wir uns bei Koska sparen. Es handelt sich mit Sicherheit auch nicht um einen Raub, in den Koska involviert war. Dafür ist er nicht der Typ. Koska hat was Schleichendes, Hinterhältiges an sich. Ich tippe auf ein Kapitalverbrechen. Ein Menschenleben ist dem nichts wert.“
„Das meinte ich damit, als ich sagte, dass ich Kollbergs Tochter später anrufen wolle. Jetzt kann ich ihr die Frage stellen, ob ihr Vater den Namen Koska schon einmal in ihrer Gegenwart erwähnt hat.“
„Das meinst du nicht ernsthaft, Nora!?“
„Klar! Was stört dich daran? - Der Staat muss sparen. Wir sollen keine Steuergelder aus dem Fenster werfen. Ich sagte dir bereits, dass Herr Kollberg so oder so nicht wieder lebendig wird, und dass wir seinen Mörder finden, hat höchste Priorität. Ich könnte zumindest versuchen, seine Tochter zum Reden zu bringen. Falls der Tod ihres Vaters sie allzu sehr grämen sollte, werde ich sie eben ein paar Stunden später erneut anrufen. Auf gar keinen Fall warte ich mit meinen Fragen bis zu Herrn Kollbergs Beerdigung. Ich weiß auch noch gar nicht genau, wann seine Leiche freigegeben wird.“

Ich fand eine Telefonnummer mit belgischer Vorwahl in Herrn Kollbergs Adressbuch. Sie war unter dem Vornamen 'Dorothée' notiert.
„Vermaelen?“, meldete sich eine weibliche Stimme am Ende der Leitung.
„Spreche ich mit Dorothée Vermailen?“
„Ja.“ -
„Mein Name ist Nora Merane von der Kriminalpolizei Hellerburg. Es tut mir unendlich leid, Frau Vermailen, aber ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Vater vor einigen Stunden verstorben ist.“
„Polizei? - Was ist passiert?“, fragte Dorothée Vermailen erschrocken.
„Ihr Vater wurde heute um die Mittagszeit im Fahrstuhl des Hauses, worin sich sein Appartement befindet, tot aufgefunden. Wir konnten ihn nicht mehr retten. Zwei Messerstiche haben sein Herz getroffen.“
„Wann wird die Leiche freigegeben? Wann kann ich meinen Vater beerdigen?“ fragte Frau Vermailen mit trauriger, aber gefasster Stimme.
„Ich weiß es leider noch nicht. Die Obduktion an sich dauert höchstens zwei bis drei Stunden. Falls Sie sich heute oder morgen früh auf den Weg machen, könnten Sie Ihren Vater in der Pathologie noch einmal sehen.“
„Gut, ich komme“, sagte Frau Vermailen. „Wo soll ich mich melden?“
„Sobald Sie im Zug nach Hellerburg sitzen, rufen Sie mich bitte an. Ich hole Sie dann vom Bahnhof ab und bringe Sie zur Pathologie und später in die Wohnung Ihres Vaters.“
„Was passiert heute Nacht mit Santo?“
„Er kommt mit zu mir“, sagte ich. „Ich wohne zur Zeit im selben Haus, worin Ihr Vater gelebt hat, im Appartement eines Kollegen. Wir kennen uns bereits gut, Santo und ich.“ Ich gab ihr meine Handy-Nummer und verabschiedete mich von ihr.
„Bis morgen dann, Frau Merane“, sagte Frau Vermailen mit tränenerstickter Stimme und beendete unser Gespräch.
„Ich dachte, du wolltest der Dame ein paar Fragen stellen?“ Marc sah mich spöttisch an.
„Sie kommt morgen nach Hellerburg“, sagte ich. „Weshalb das Gespäch ausdehnen und teuer werden lassen, wenn sie schon morgen, während ich sie von Hellerburg nach Weidenbach bringe, meine Fragen in aller Ruhe beantworten kann.
„Hoffentlich nimmt sie Santo nicht mit. Sie hat sich nach ihm erkundigt, Marc. Dann sehen wir ihn nicht wieder.“
Ich konnte meine Tränen nicht mehr verbergen, und Marc fragte mich, ob ich noch zu retten sei; Herr Kollberg wäre vor wenigen Stunden durch Mord dahingeschieden und ich sei am Heulen, weil seine Tochter eventuell Interesse an dem Hund des Verstorbenen zeigen könnte. Santo sei, rechtlich gesehen, ein Teil des Nachlasses und ginge wie der Rest auf die Tochter über, zumal Herr Kollberg allem Anschein nach kein Testament hinterlassen hat.
„Oder hast du eine letztwillige Verfügung gefunden, Nora“, fragte er.
Ich gab keine Antwort, verließ das Wohnzimmer des Ermordeten und ging auf den Flur hinaus. Dort hockte ich mich neben Santos 'Körbchen' und schaute meinem Lebensretter beim Träumen zu - während ich meine Tränen ungehemmt auf sein dunkles Fell tropfen ließ.

Fortsetzung am 19. Januar 2017

Nora mit Santo, ihrem Lebensretter ...

Interne Verweise

Kommentare

14. Jan 2017

Hier Lesen nach wie vor rentiert -
Die Story scheint geschickt montiert!
(Leider darf kein Hund ins Haus -
Auch Frauen schmeißt die Krause raus ...)

LG Axel

14. Jan 2017

Danke, lieber Axel. für den Kommentar.
Was brauchst du einen Hund, du hast doch Krause,
die bellt und beißt und in der Arbeitspause
Gassi geht und für dich Lebensmittel kauft,
auch wenn sie unterwegs die Hälfte auffrisst
und wie ein durst'ger Gaul dein Bier wegsauft.

LG und gute Nacht
Annelie