Gleise

von Brigitta Wullenweber
Mitglied

großstadt erfüllt mit nichts?

geflüsterte blutrote schreie
prallen quietschend
an verschlossen geglaubte herzen

blau gepresste treue münder
schweigen ohrenbetäubend
in trübtote augen

beine schleichen flüchtend
mit hand, kopf, blei und fuß
in sinnentleerter schwindelnder eile

er glaubt nichts mehr zu suchen
sie weiß nichts mehr zu finden
sie agieren dennoch wechselnd

herzen zerbröselt auf liebesbänken
tränen vertrocknet in kreideweißen pfützen
sehnsucht verloren im denkbaren alles

durchsicht verkleidet getrunkener körper
strahlen scheint leuchtend im flutlicht
hoffen in stehend geglaubten hosen

einsamkeit denkt sich alles möglich
dunkelheit ist sich selbst ein fest
erfüllung verlangt längst nur distanz und fremde

großstadt erfüllt mit nichts

Katharina speichert den Text, umfasst ihre Jumbotasse Kaffee, zieht die Beine seitlich an den Po und starrt an die gegenüber liegende Wand.

Drei Jahre lebt sie nun in dieser Stadt und kennt doch niemanden. Gut, sie weiß ein paar Namen, erinnert einige Gesichter, manche Kaffeehausgeschichten klingen ein wenig in ihr nach, doch berührt hat sie bis zum Schienenerlebnis eigentlich nichts.

Eben erst hatte sie den Computer für ein paar Stunden ausgeschaltet und war durch die Nacht gestreunt. Was sie zu finden glaubte, wusste sie schon lange nicht mehr, doch das Suchen konnte sie sich nicht abgewöhnen.

Aufrecht und langsam war sie „ihrer Nase nach gegangen“. Bedächtig und träumend im Dunkel der inneren und äußeren Nacht. Als sie die Straße überquerte war sie so gefangen in Gedanken über ihn und es und sie, dass sie den Wasserabfluss, der ihren Weg unmerklich leitete, nicht bemerkte. Auch die anderen Fußgänger, den Fahrradfahrer, das Fehlen der Autos und der Straßenbahn drangen nicht einmal als Bild zu ihr vor.

Einzig die Schiene fühlte sie kurz unter ihrem Fuß. Schnell wendete sie den Blick nach rechts, sah für einen Augenblick die Gleise, gleichförmig in immer gleicher Distanz kerzengerade zum Horizont führend, ging weiter und erkannte plötzlich die Aussichtslosigkeit.

Weil er es wollte, hatte sie den Umzug geplant. Weil er es wollte, war es diese Stadt geworden und weil er es dann nicht mehr wollte, ist er niemals hinter her gekommen. Die ganze Zeit, die ganze lange Zeit des Alleinseins hier, hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er ihr doch noch folgen würde.
Er selbst hatte sich nie dazu geäußert. Vielleicht, so hatte sie sich stets gedacht, sind die Telefonate auch zu kurz für ein grundsätzliches Gespräch, vielleicht sind die Themen, zu denen er wechselte, wenn sie fragte, auch wichtiger und vielleicht würde die Zeit alles regeln.

Bislang hatte sie ihr Leben mit ihm trotz allem für ein Gemeinsames gehalten. Wenn sie von einer kurzen Zufallsbekanntschaft auf der Straße nach ihrer Lebensform gefragt wurde, sagte sie stets, sie lebe in einer Beziehung. Sie verschwieg, dass sie nur telefonierten, sie erwähnte nicht, dass sie sich niemals mehr sahen und dass immer sie es war, die anrief.
Doch sie sprach gerne von „wir“. Das machte ihr ein wohliges Gefühl in dieser kalten Stadt.

Als sie heute die Gleise sah, sah sie ihn und sich, nebeneinander, in fest gelegtem Abstand, in der eigenen Bahn fest zementiert. Und sie sah, was sie all die Jahre nicht glauben wollte: die Schienen würden sich niemals treffen. Auf ewig nebeneinander, ohne eine einzige Berührung.

Natürlich hätte sie ihren starren Blick heben können, dann hätte sie die Menschen gesehen, die gemeinsam mit ihr nächtens die Gleise überquerten, natürlich hätte sie den entgegen kommenden Mann, der fast ihren Ärmel streifte, bemerken können, natürlich hätte sie bei ihrem Blick nach rechts nicht nur die Gleise, sondern auch den fröhlichen Fahradfahrer entdecken können. Natürlich! Wenn sie nicht schon längst jeden Blick für Lebendiges verloren hätte, wäre das wohl möglich gewesen.

Nun aber breitete sich der Gedanke der Aussichtslosigkeit, der Gedanke der Sinnlosigkeit zu Warten und die Frage nach dem „Und nun?“ wie eine Kobra in ihrem Kopf aus. In wahrer Umnachtung trugen ihre Beine sie nach Hause, während der Schmerz der Erkenntnis mit jedem Schritt stärker wurde. Wie durch ein Wunder erreichte sie ihre Wohnung und begann erst dort, sich ihrer Umgebung wieder bewusst zu werden.

Nachdem sie durchgeatmet, den Computer eingeschaltet und sich einen Kaffee gekocht hatte, diktierte ihr die Kobra in ihrem Kopf ein Gedicht über die „Großstadt, erfüllt mit nichts“. Sie tippte es, las es mehrmals und speicherte es.

Während sie nun an die gegenüberliegende Wand starrt, verquickt sie die Botschaft des Gedichts mit der Botschaft der Gleise, die sich ihren Weg in ihr Bewusstsein gebahnt hatten, bemerkt den Schmerz, streift das Telefon mit einem kurzen Blick, steht auf, packt ein Köfferchen, schaut sich noch einmal um, nickt und verlässt die Wohnung in Richtung Bahnhof.

Auf dem Weg dort hin überquert sie die gleichen Schienen, hält inne, öffnet ihr Haar und läuft ein wenig an den Gleisen entlang. Sie misst den Abstand mit kleinen Schrittchen und konzentriert sich auf ihr Tun. Diesmal bemerkt sie einen Passanten, erwidert sein Lächeln und wundert sich – über ihn, über sich und über die Veränderung.
Die Dunkelheit der Stadt ist dieselbe wie eben. Nur scheint es nun anders in ihr. Das Warten hat ein Ende. Das ist es! Sie hat aufgehört, zu warten! Wunderbar! ruft diese Kobra in ihr.

Während aus Schrittchen Schritte werden, aus Lächeln ein Lachen, beschließt sie, tatsächlich die Stadt zu verlassen. Das erzählt sie dem Nächsten, der ihren Weg kreuzt, lacht, hüpft und weiß, keinesfalls wird sie zu ihm gehen.

Als ihr das sicher ist, fällt ihr Blick auf eine beleuchtete Werbewand.

Sie sieht ein Flugzeug, Sonne, Strand und Meer, es wird ein Ort genannt und das Versprechen heißt: "hier finden Sie alles!".

So führt sie ihr Weg direkt über Bahnhof und Flughafen dort hin.

Hier wird sie nun "Nichts" in "Alles" tauschen. Oder doch nicht?

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