...und es geht doch... (Mit Kafka in Prag) - Page 6

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allem, was sich menschlich schimpft!“ Ich ergehe mich in schweren Selbstvorwürfen. Ich erschauere unter der Last meiner Schwäche über all die Jahrzehnte, ich erzittere unter all dem Selbstbetrug und unter all dieser Lügenmaschinerie, die ich aufgebaut hatte über die Jahrzehnte der Hilflosigkeit und der Ohnmacht gegenüber einer grenzenlosen Labilität und selbst gewählter Resignation. Kafka zieht mich in Richtung Hotel zurück. Er geht rasch, so dass ich kaum folgen kann. Fuchtelnd, immer noch immens aufgebracht, so rede ich immer noch weiter. Passanten bleiben stehen und betrachten das befremdlich anmutende Pärchen dort. Der eine, wild gestikulierend und anscheinend grobe, laute Selbstgespräche haltend; der andere, mit tief in seinen Manteltaschen vergrabenen Händen, den Kopf fest zwischen den recht verkrampft hoch gezogenen Schultern versteckend, hutlos, anscheinend völlig unbeteiligt, stetig stumm und relativ rasch ausschreitend. Endlich sind wir am Ziel. Wir nehmen die Treppen! Ich keuche, sie hatte mich ziemlich mitgenommen, diese Wanderung durch Prag.
 
Im Hotel lege ich mich aufs Bett, schweige einige Minuten. „Ich bin von mir selbst angewidert“, sage ich, ruhiger werdend. Der lange Fußmarsch von über 8 Stunden hatte mich vollends geschafft. Dem Doktor schien dieser Gewaltmarsch kaum etwas ausgemacht zu haben. Jetzt sitzt er wieder wie heute früh auf dem zweiten Bett. Ich schaue in den Spiegel, sehe ihn mir an und denke im Stillen darüber nach, ob er jetzt wohl gerne wieder für sich allein wäre. Allein und einsam, so, wie er es so oft schon in seinem Leben gewesen ist und wie er es letztlich auch so oft selbst gewählt hatte. Schlussendlich!
 
„Ich war obdachlos, ein jeglicher eigener Würde beraubtes wildes Tier, wild um sich schlagend, beißend, mit Wut entstelltem, fratzenhaftem Gesicht. Eine Bestie namens Mensch, mit Abgründen, die Du Dir kaum je vorzustellen vermagst - und das bei Deiner Fantasie!“ — Amschel Dohle sieht nun ebenfalls in den Spiegel, sucht so meinen Blick und spricht fest und klar: „Ja und wo bist Du heute, Herschel? Sieh doch, wo Du stehst und wo Du bist. In Prag! Hättest Du Dir das noch vor 4 Jahren träumen lassen? Du in Prag! Die Synagogen hast Du gesehen! Du warst auch mit der Metro hier unterwegs, spaziertest über den Altstädter Ring, über den Wenzelsplatz und auch das Künstlerviertel, das „Montmartre von Prag“, Du hast mit Deiner lieben Lebensgefährtin böhmische Knödel mit Ente gegessen, Du hast herrliche Jugendstil-Gebäude schauen dürfen, Du hast im Café Europa gesessen und Du hast mit Chi zusammen die „Astronomische Uhr“ bestaunt. Du weißt, wo das Restaurant „David“ ist, Du hast den „alten jüdischen Friedhof“ hier besucht, Du warst mit Deiner Liebsten Chi zusammen im Repräsentationshaus; tja, und Du darfst Dich glücklich schätzen, Dixieland-Jazz im November auf der Karlsbrücke gehört zu haben! Was glaubst Du denn eigentlich, wer das alles geschafft hat??“ Wieder schlugen mich seine Augen in seinen Bann! Diese Augen... Konnte es ausdrucksstärkere Augen geben? Wohl kaum.
 
Kafka sieht mich sehr ernst, fast ein wenig vorwurfsvoll an. Ich erröte unter diesem Blick ein wenig, senke die Augen, schaue auf meine Fußspitzen.... Es ist schwer, sich diesen Argumenten zu entziehen. „Denn was Du alles geschafft hast in den letzten 9 Jahren - das ringt mir persönlich eine ganze Portion an Respekt ab, Herschel! Du allein hast das gemacht! Mit Deinem Willen, mit Deiner Persönlichkeit, mit Deinem ureigenen Mut zum weiteren Überleben. Du hast Dich entschieden, nämlich für das Leben und für die Liebe! Jetzt hast Du eine Wohnung, eine eigene Wohnung, eine liebenswerte, hübsche Freundin und Du hast sogar dadurch Familienanbindung! Oi Herschele - sog´, is dos nischt???“ Hörte ich da eine leichte Andeutung von „Jiddeln“ bei Amschel? Überrascht blicke ich mich um. Doch da ist überhaupt niemand. Es ist kein anderer im Raum.... Ich bin mit mir allein! Wo ist Franze Kafky (so lautet die tschechische Schreibweise)? Wo ist der große Schriftsteller?
 
Fassungslos sitze ich auf dem Bett und staune. Wie? Das alles konnte ich doch nicht geträumt haben?! Da geht die Tür zum Badezimmer auf und Chi ist frisch geduscht exakt dort, wo eben noch der Doktor gesessen hatte. Ich muss sie sehr merkwürdig angesehen haben, denn sie sagt: „Was ist? Du kannst ja gleich in das Badezimmer. Noch ist alles vernebelt, warte ein kleines Weilchen, bis der Spiegel klar ist und sich die Nebelschwaden verzogen haben. Was schaust Du mich so an?“ Ich schaue auf die Uhr. Guter Gott, es ist erst halb acht Uhr morgens und nichts von dem, was ich da zusammen fantasiert habe, ist wirklich geschehen. Weder hatte mich Franz Kafka besucht, noch war ich bis fast ein Uhr nachts mit ihm durch Prag gezogen. Wirklich nicht? Groß war meine Verwirrung. Unsicher strahlte ich Chi an.
 
„Was liegt denn heute für ein Programm an?“, frage ich Chi, um überhaupt mal etwas zu sagen und mit diesem Glotzen und Nicht-Begreifen aufzuhören. „Das ist aber doch sehr, sehr merkwürdig!“, antwortet sie. „DAS hast Du vergessen, sag´? Heute willst Du doch mit mir zu Franzl Kafkas Grab zum Straschnitzer Friedhof, Mann! Hast Du das wirklich vergessen? Außerdem wollen wir zum Geburtshaus Kafkas, zum Kinsky- und zum Schönborn-Palais, wir wollen das Haus Oppelt und zudem das Haus Minutá anschauen gehen - und wir haben vor, die Häuser Bilková 10, Zeltnergasse 3 und die Lange Gasse 18 zu besichtigen - wir wollen das Bürohaus Poric 7 und das Haus in der Alchimistengasse sehen. Alles schon wieder vergessen? Du wirst endlich am Grab des für Dich wohl größten Autors aller Zeiten stehen! Ja! Du wirst sein Geburtshaus sehen und wirst Dich ausgiebig im kleinen Franz-Kafka-Museum im Geburtshaus umsehen dürfen. Freu´ Dich also, mein lieber Gherkin, denn heute ist ein besonderer Tag für Dich.... Na, Du schaust ja sehr verwirrt drein...“.  Chi kommt näher und nimmt mich in die Arme. Eine wohltuende Geste, ein so angenehmes Gefühl. Dankbar schließe ich meine Arme um diese hübsche, geliebte Frau und drücke sie fest an mich.
 
„Weißt Du eigentlich, liebster Spatz“, sage ich beinahe feierlich, „dass das alles ein gänzlich unvergleichlich unverdientes und kaum zu fassendes Glück ist, hier mit Dir in Prag sein zu dürfen?“ Lange küssen wir uns nun. Selig sieht mich mein liebster Mensch auf Erden an. „Schön hast Du das gesagt. Ja, und es stimmt. Es ist so ein großes Glück! Ich genieße es... Und weißt Du was, mein Felltier? Wir werden noch viele solcher schönen, seltenen Momente genießen können zusammen, wenn wir nur WOLLEN! --- Willst Du? Ja???“. Statt einer Antwort küsse ich die Frau erneut, die mich doch immer wieder zum Erkennen, zum Staunen und zum demütigen Begreifen bringt. Es ist ja wahr: Noch vor fast 9 Jahren schien dies alles hier völlig undenkbar. Arbeit, Freundin, Wohnung, Perspektive, Reisen, Geld auf der Bank, kleine Freuden - und Familie!! Nach Jahren der „Eiszeit“ Kontakt mit der eigenen Familie - und ganz besonders herzlicher Kontakt und wirkliche „Aufnahme in den Schoß der Familie“, was Chis Leute angeht. Wie gut ich mich mit ihrer Mutter verstehe, wie sehr ich ihren Bruder mag, wie gut ich mit ihr selbst auskomme, wie lieb ich sie habe.... Ich seufze, so, wie sonst nur Kafka all die Zeit, die ich mir „erträumt“ hatte, geseufzt hatte. „Ab ins Bad mit Dir, der Spiegel ist jetzt klar!“, reißt mich Chi da aus meinen Träumen. „Mach voran, ich habe wahrlich einen Riesenhunger! Ich will nun gleich mächtig viel frühstücken, um fit genug zu sein, dem gewaltigen Programm standzuhalten, welches wir uns für heute vorgenommen haben“. Noch einmal drücke und küsse ich die süße Frau, die mir so viel bedeutet, dann gehe ich wohl gelaunt ins Bad. Zuvor schaue ich noch mal in den Spiegel. Kein Kafka. Ich hatte ihn auch nicht wirklich erwartet.
 
Unter dem heißen Strahl singe ich viel zu laut. „Figaro, Figaro, Fiiiigaaroooo“, trällere ich leichtsinnigerweise vor mich hin, hernach bemühe ich noch einige Klassiker, dann rufe ich so laut ich kann: „Und es geht doch!“. Chi reißt die Tür zum Bad auf, steht in den von mir verursachten Dämpfen und ruft: „Hallo? Was hast Du da gerade gebrüllt, Gherkin?“. Ich grinse und sage entspannt: „Und es geht doch! Stimmt´s etwa nicht?“ Chi läßt die Schiebetür sanft zurück gleiten, zieht sich rasch aus und kommt zu mir unter die Dusche...
 
„Ich dachte, Du hättest schon geduscht!“, sage ich gespielt erstaunt. Chi lacht nur und antwortet: „Wer so etwas Schönes sagt, soll auch dafür belohnt werden! Ja weißt Du, dass das mit das Schönste ist, was Du seit vielen Monaten gesagt hast? .... Und es geht doch!!! Finde ich toll. Weißt Du, es wäre schön, wenn Du diese Erkenntnis, mit die positivste, die Du je gehabt hast, in ein paar schöne Sätze kleiden könntest. Wie wäre es, wenn Du eine Kurzgeschichte schreibst - und zwar genau unter diesem Titel? - Was hältst Du davon, Du Glückspilz?“ Sprach´s und seifte mich sehr kräftig ein. Wir kamen erst kurz vor Ende des Frühstückbüffets in den Speisesaal. Beinahe hätte uns ein Duschmarathon um ein reichhaltiges und üppig gutes Frühstück gebracht. So aber konnten wir uns vor unserer großen „Kafka“-Tour nochmals so richtig stärken. Dann brachen wir auf. Unvergessene Stunden lagen vor uns, der Geist Kafkas schien zum Greifen nahe. Oftmals schaute ich mich um, ob Amschel sich denn nochmals zeigen würde. Er zeigte sich nicht.... Konsequent, dachte ich. Er zeigte sich überhaupt nie wieder. Zwischen uns war ja auch alles gesagt worden. Schließlich stand ich auch an seinem Grab. Würde er sich hier, versteckt hinter anderen Grabsteinen, zeigen? Nein.
 
Nicht einmal an seinem Grab. Und das musste er auch nicht mehr. Ich hatte schließlich verstanden! Das, was er mir sagen wollte, das, was Chi mir sagen wollte, das, was das Leben mir bereits öfter mitzuteilen versucht hatte, war doch:
 
 
„LEBE DEIN LEBEN, ERFREUE DICH DER KLEINEN DINGE, GEHE BEHUTSAM MIT DIR UND DEINEN LIEBSTEN MENSCHEN UM, BESCHEIDE DICH, BEMÜHE DICH UM DEMUT UND SPÜRE, DASS ES EINE LUST IST, ZU LEBEN! VOR ALLEM ABER, GIB NIEMALS AUF!“
 
Ich werde die Zeit mit Chi und der mysteriösen Erscheinung des Franz Kafka in Prag niemals vergessen! Ich habe keiner Menschenseele jemals davon erzählt. Und ich wette, diese Geschichte hätte mir auch kein Mensch geglaubt. Heute also verkünde ich sie allen, die geneigt sind, sie zu lesen. Wisse, lieber Leser: Es ist die INTIMSTE Geschichte, die ich jemals veröffentlicht habe. Trag sie im Herzen, sieh die Botschaft.

Anmerkung:

Ach, Franze Kafky, Dichterfürst, thronend ewiglich auf dem Parnass!

Weinend stand ich einst an seinem Grab
Las jede Zeile und jeden Brief von ihm
Dem Müßiggang schwor in Prag ich ab
Begann zu schreiben, zögerlich, sublim...

Diese schicksalhafte Begegnung hat mich in den Grundfesten erschüttert!

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Kommentare

16. Apr 2020

Großartig ! Wie immer !!!
HGOlaf

25. Apr 2020

Dankeschön, lieber Olaf. Du bist einer der wenigen,
die auch vor langen Texten keine Scheu zeigen.
Und dafür mag ich Dich sehr. Herzliche Grüße,

Gherkin

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