...und es geht doch... (Mit Kafka in Prag) - Page 4

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ertrinken, denke ich.

Mag sein, dass auch dieser kurze „Augenblick“ einige Pein für den so scheuen Mann bedeutet, doch grenzenlos egoistisch und quasi distanzlos koste ich diesen besonderen Moment aus. Wir sehen uns so lange an. Ich könnte in diesen düsteren Augenteichen wahrlich ersaufen! Endlich wendet F. Kafka den Blick ab. Zu intim ist diese Situation für ihn gewesen. Die Augen als Fenster zur Seele.... Wer hatte das noch mal gesagt? - Es fällt mir nicht mehr ein. Endlich gehen wir weiter. Behutsam, zögerlich, vorsichtig, gemächlich, schlendernd, langsam. Wieder lasse ich mich gern von Dr. Franz Kafka führen. Niemand kennt Prag besser als er. Keiner.
 
Nach langem, anstrengendem Fußmarsch sind wir im Judenviertel in der ehemaligen Josefstadt angelangt. Dort führt er mich mit einem echt schelmischen Große Jungen-Grinsen, das ihm sehr gut zu Gesichte steht, ins Café Franz Kafka. Eitelkeit ist eine Seite an diesem großen Schriftsteller, die er mit vielen seiner Kollegen in der ganzen Welt teilt. Eitelkeit und Zweifel, die tragenden Pfeiler einer kranken Persönlichkeit, die mehr an sich selbst denn an der Umwelt verzweifelt. Wir trinken Cappuccino, rühren etwas zu lange in den kleinen Tässchen und sinnen vor uns hin. Es ist junges Publikum, das sich hier versammelt hat. Man hört moderne Musik. An den Wänden Zitate und Satzfetzen Franz Kafkas, die mein geniales Gegenüber nicht einmal richtig wahrzunehmen scheint. Ich mache ihn nun darauf aufmerksam, deute etwas arglos auf das Wort „Gefängniszelle“, zeige auf das Foto seiner Schwestern, zeige ihm seine Eltern, deute lächelnd auf einen in holprigem Deutsch verfassten Satz, natürlich sehr stark aus dem Zusammenhang gerissen und daher wert- und sinnfrei dort an der Wand prangend; und ich rede munter auf ihn ein, auf ihn, der hier letztlich in „seinem“ Café unerkannt bleibt. Einer unter vielen, der in dem kleinen Tässchen rührt und ernst vor sich hin starrt.... Keine meiner Bemerkungen quittiert der Doktor auch nur mit einer Geste, mit nur einem Wort, mit einem Lächeln. Die Bilder kennt er zur Genüge, die erst seit der „Wende“ um ihn herum aufgebaute Idealisierung seiner Person macht ihm einige Probleme. Kafka kann kaum verstehen, dass ausgerechnet diese Jugend ihn zu ihrem Idol erkoren hat. Warum? Er versteht es nicht. Sieht er doch sein Leben als gescheitert an, als ein nutzloses Aneinanderreihen von Jahren, als ein recht sinnloses Bekritzeln von leeren Blättern, eben als einen Versuch! Und wie kann man so einen, der lediglich nur alles versucht und nie etwas zu Ende geführt hat, jetzt wirklich tief verehren? Ihm nacheifern wollen? Ihm? Warum werden T-Shirts und Tassen mit seinem Konterfei verkauft? Warum kleine Marionetten mit seinem Gesicht in der Nähe der Alt-Neu-Synagoge verkauft? Warum tragen Taschen, Tassen, Silberlöffel und Base-Caps sein Konterfei? Muss die Jugend mangels besserer Vorbilder sich nunmehr an verlorenen Seelen orientieren, an „gescheiterten“ Existenzen, an solch kranken Persönlichkeitsstrukturen, an hilflosen Menschen? Muss sie das wirklich?
Kurt Cobain und Franz Kafka! Verwandte Seelen? Denn gerade hören wir über gewaltige Boxen einen Song von Nirvana: "I hate myself and want to die".

Amschel schaut mich traurig an. Doch in seinem Blick liegt noch mehr. Es ist dies ein Blick, der das auszudrücken versucht, was ich im Slavia in Worte zu fassen versucht hatte. Das vermeintlich Unaussprechliche aussprechen wollen - und es nunmehr allen verständlich ins Hirn brüllen! Das war Franz Kafkas Anspruch...  Und doch auch der meinige! Und beide haben wir es nie geschafft, wirklich Alles auf diesen einen Punkt zu bringen. Das Aha-Erlebnis beim Leser bleibt aus, und nur die Wissenden können eventuell erahnen, um was es hier geht. Und es ist etwas sehr Hehres, Großes, immens Wichtiges, für das es sich stets zu schreiben ja letztlich lohnt - fände man doch nur die Worte, die in jedwedes Ohr zu dringen in der Lage sind. Diese Erkenntnis auslösend, Veränderungen mit sich bringend, gewichtige Wahrheiten ans Tageslicht befördernd, Undurchdringliches beleuchtend – ist das nicht des Schriftstellers Traum? Amschel wie auch ich, wir können nur in Parabeln, in grotesk verzerrten Traumbildern und in verschlüsselten Szenarien Menschen hilflos agieren lassen. Metaphern. Was wollen wir aufzeigen? Die Ohnmacht vor Gott und unserem Schicksal? Die Allgewalt der Maschinerie, die Omnipotenz Gottes, den der Mensch niemals begreifen wird, vom Menschen selbst so erschaffen? Der „Apparat“, den es zu bekämpfen längst keinen Grund mehr gibt, weil ja mittlerweile genau dieser Apparat auch das bislang letzte, noch „unverdorbene“ Individuum geschluckt und verdaut wieder ausgespuckt hat??

Vermittle den Menschen den ausweglosen Kampf gegen die Macht und die Finsternis - unter dieser Prämisse tritt, so wenig souverän, kurz nach der Jahrhundertwende ein junger Prager Autor und Schriftsteller an, schwer an sich selbst und an seiner Mission zweifelnd. Bin ich gut genug? Angesichts der damals bereits berühmten „Kollegen“ eine berechtigte Frage. Ich sehe Kafka voll an und frage provozierend: „Kannst Du heute verstehen - ich meine HEUTE - dass Max Brod Deine Werke nicht vernichten KONNTE?!“ Franz antwortet nicht, er führt den Cappuccino zur Unterlippe, trinkt jedoch nicht. Er leckt nur den Schaum von der Lippe, so genießerisch und verspielt, ganz so, als sei er bereits mit diesem recht winzigen Kontakt zur aufgeschäumten Flüssigkeit zufrieden - und müsse nun das eigentliche Hochvergnügen des Trinkens erst gar nicht mehr auskosten. Ein befremdliches Verhalten eines sehr merkwürdigen Mannes, welches sich bei näherem Betrachten als konsequentes Bemühen um Stil, Haltung und unverkrampfte Gelassenheit entpuppt - und in seiner ganzen Art und Weise die verkrüppelte Psyche F. Kafkas widerspiegelt. Ich schweige. Schweige…
 
Wir reden nun lange nicht mehr miteinander. Später, erst sehr viel später, wir gehen gerade am koscheren Restaurant „Shalom“ vorbei, sagt er leise, wie es seine Art ist: „Einen Großteil der Manuskripte hätte ich gern selbst ins Feuer geworfen, wenn ich es nur gekonnt hätte! Es ist so schwierig. Aber doch, ja.... da gibt es auch einiges, was durchaus aufbewahrenswert erschien - und bis heute auch scheint!“. Ein erstaunlicher Satz eines Mannes, der heute zu den absolut bedeutendsten Autoren aller Zeiten gezählt werden muss. Und wer seine Selbstzweifel kennt, der weiß auch diesen beinahe „dreisten“ Satz richtig einzuordnen! Ich jedenfalls antwortete nichts darauf, nickte nur bedächtig. Wie gern hätte ich ihn nun gefragt, wie

Diese schicksalhafte Begegnung hat mich in den Grundfesten erschüttert!

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Kommentare

16. Apr 2020

Großartig ! Wie immer !!!
HGOlaf

25. Apr 2020

Dankeschön, lieber Olaf. Du bist einer der wenigen,
die auch vor langen Texten keine Scheu zeigen.
Und dafür mag ich Dich sehr. Herzliche Grüße,

Gherkin

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