...und es geht doch... (Mit Kafka in Prag) - Page 3

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mir aus „Schicksal“, nenne es unausweichliche Tragik des Lebens, es ist keines schlimmer und keines besser als Dein Schicksal. Hättest Du gern mit mir und meinem Schicksal im damaligen Prag der Jahrhundertwende getauscht?“ Diese Frage musste ich nicht beantworten. Fast amüsiert lächelnd dreht sich dieser geniale Doktor ins Profil. Seine merkwürdig geformten Mr. Spock-Ohren, groß und etwas abstehend, fallen mir doch jetzt sehr extrem auf. Mein langer Blick auf seine Ohren lässt sein Gesicht erglühen.

Auch ihm ist dieses „Ahnen“ ein vertrautes Gefühl, er weiß um meinen Blick, der ihm peinlich ist.... Also schaue auch ich zum Opernhaus, dann zur Straßenbahnhaltestelle links daneben. Ich fahre fort mit meiner Erzählung. Die Wut, hilfloses Flügelschlagen, aufgestellt wie ein Kegel von fremder Hand, irgendwo platziert - doch nie bleibe ich stehen. Stets kommt jemand, wirft mich um und stellt mich an einem anderen Ort wieder auf. Ich erzähle Franz Kafka im Café Slavia mein ganzes, verkorkstes Leben.

Er schließt mitunter die Augen, fast so, als wolle er ein Nickerchen halten. Das ist jedoch nur äußerlich. Amschel lauscht sehr konzentriert.... Hartnäckig, wütend und bohrend laufen komplette Szenerien immanent einschneidender Begebenheiten in meinem Kopf ab, sie schrauben sich unauslöschlich in mein Gedächtnis; verworren formen sich Gedanken, die in Reih und Glied gebracht werden müssen. Dr. Franz Kafkas messerscharfer Verstand seziert, wertet und analysiert das in vielerlei Hinsicht vorschnell Gesagte. Er hüstelt vorsichtig, wenn ich mich ein wenig verrenne, wenn ich unsachlich werde und abschweife. Er nickt bedächtig, wenn er begreift, versteht und erkennt. Nachsicht und Güte strahlt dieser Blick aus, der ab und an über mein erhitztes Gesicht huscht. Wenn einer weiß, wovon ich rede, dann ja wohl dieser geniale Mann, mein toter, legendärer Begleiter, der genialste Schriftsteller aller Zeiten.
 
Ich rede über 2 Stunden. Ab und an fragt mich Franz Kafka etwas, er hakt mitunter nach, wirft einen Halbsatz ein, murmelt Unverständliches und rührt in seinem längst erkalteten Kaffee, den er bislang nicht einmal zum Mund geführt hat. Ich dagegen habe meinen dritten Tee vor mir stehen. „Ich muss hier raus“, rufe ich erregt, als ich bei der Szene bin, da ich erkenne, dass alles, ja, aber auch alles, was ich in nahezu vierzig Jahren erreicht habe, eine Drehung um die eigene Achse gewesen ist. Kafka nickt auch jetzt nur ganz sacht, fingert zwei Scheine aus dem Mantel und wirft sie auf den Tisch des großräumigen Cafés. „Gehen wir“, ruft er, fast munter, und schlingt sich in der Nasskälte des Novembernachmittags erneut den dicken Schal um den schlanken Hals mit dem prägnanten Adamsapfel. Ein wenig übermütig hänge ich mich bei ihm, dem Jüngeren, ein. Er lässt es geschehen. „Wohin wollen wir jetzt gehen?“, frage ich ihn. Er antwortet nicht, schreitet aber rüstig aus, hat eine klare Richtung. Und es geht bergauf. Wir streben dem Hradschin zu. Zusammen mit Amerikanern, Japanern, Deutschen, Holländern, Franzosen und erstaunlich vielen Briten. Kafka, das neue Idol, es bleibt unerkannt. Kein einziger Mensch erkennt den großen Dichter. Wie kann das sein? Sind alle so verblendet? Erwartet man nicht, ja gerade hier, in Prag, den Dichterfürsten zu sehen? Nein? Der Mann ist unverändert. Jeder hätte ihn erkennen können, müssen. Warum sieht keiner hin? Ich weiß jetzt die Antwort: Keiner rechnet mit Kafka. Liegt der nicht in seinem Grab? Richtig. Geister gibt es nicht. Also, was redest du da, Bube?! Wieso sollte ich Kafka auf Prags stolzen Straßen erwarten? Humbug!
 
„Schau auf die Stadt hinunter, Herschel“, verlangt Kafka, ebenso wie ich ein wenig außer Atem, als wir oben angekommen sind. „Nun, was siehst Du???“. Ich verstehe nicht. „Hektik, pulsierendes Leben, Geschäftigkeit, Verlogenes und Wahres, Reines und Verderbtes, Klarheit und die totale Verwirrung. Es ist mein Mütterchen Prag, eine Stadt wie keine! Heute wie gestern in jeder Hinsicht schaurig-schön, eine Stadt mit Krallen, die Dich nicht mehr loslassen, wenn Du ihnen einmal zu nahe gekommen bist - und sie Dich erst haben packen können. Sieh Dich nur vor, diese Stadt ist nicht ungefährlich. Ich selbst habe doch mein halbes Leben lang versucht, von hier weg zu kommen. Es ist mir letztlich nie wirklich geglückt. Und doch ist es eine Stadt wie fast jede andere auch im heutigen 21. Jahrhundert. Im Wandel begriffen, unklar, ob in absehbarer Zeit - und das ist relativ gesehen - dem Verderben preis gegeben, ja, oder zu noch unglaublicherer Pracht, erhabenerer Schönheit erblühend. Vielleicht dereinst das Zentrum der europäischen Ars Nova, sozusagen das „Nova Svet“ ganz Europas. Ich würde es mir sehr wünschen.“. Sehr sorgenvoll das Gesicht meines Begleiters.

Wir sehen auf dieses Prag hinab. Der herrliche Hradschin als „Touristenattraktion“ par excellence interessiert uns nicht. Wir atmen die Sprachenvielfalt, sehen neben uns ein österreichisches Ehepaar, aufgeregt parlierend, keine zwei Meter daneben zwei extrem laut schnatternde Engländerinnen, die sich in Superlativen über den Ausblick ergehen. Dazwischen ein laut streitendes Ehepaar aus Spanien. Er will pausieren, sie will noch so viel sehen. Man ist sich nicht einig. Der Bier- und Würstchenstand lockt. Wir hören all dem fasziniert zu. Kafka trocknet sich die Stirn mit seinem Taschentuch (die Initialen, K.F., sind gestickt).

Ich fasse es nicht, da will ein "Aussie" Bonsai-Baobabs verkaufen. Erstaunlich... Hier, in Prag. Am Hradschin. Baobab. Den Doktor scheint das nicht weiter zu interessieren. Er sieht begeistert auf all die Menschen herab.

Kafka wendet sich nach langem Schweigen ab. Er berührt mich am Ärmel. Ich folge seinem ausgestreckten Arm. Er zeigt auf einen Punkt. Ich erkenne ihn nun. Es ist eine Dohle, die auf einem nahen Baum thront und uns recht belustigt betrachtet. „Kavka.... Dohle!“, sagt Franz leise und ich verstehe nun. Nach unendlich langer Zeit sieht mich Franz Kafka wieder einmal voll an. „Amschel Dohle, welch schöner, seltener Name. Und sehr jüdisch“, sage ich ebenso leise zu ihm hinüber und er lächelt lieb, er lächelt wirklich. Ich könnte ihn in diesem Moment küssen, mitten auf den Mund. Wüsste er, wie schön er sein kann, wenn er lächelt......  Begeistert trinke ich seinen doch auch irgendwie glutvollen Blick aus betörend großen und pechschwarzen Augen, in welche einzutauchen wohl nur wenigen Menschen so vergönnt war wie jetzt mir in diesem Moment. In diesen schwarzen Augenteichen einfach jämmerlich

Diese schicksalhafte Begegnung hat mich in den Grundfesten erschüttert!

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Kommentare

16. Apr 2020

Großartig ! Wie immer !!!
HGOlaf

25. Apr 2020

Dankeschön, lieber Olaf. Du bist einer der wenigen,
die auch vor langen Texten keine Scheu zeigen.
Und dafür mag ich Dich sehr. Herzliche Grüße,

Gherkin

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