Der versuchte Diebstahl

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Wenn Sie sich etwas extrem gewünscht haben, in Ihrer Jugend, und Sie dieses ganz besondere Teil niemals bekamen, ich meine wirklich nie, dann bleibt ein Loch zurück, tief im Herzen. Ein schmerzhaft großes, permanent blutendes Loch. Und ich hatte ja deren drei! Löcher! Für mich bot es sich an, über die Jahre, EIN großes, klaffendes Loch aus diesen drei kleineren zu fertigen. Es ist einfacher, mit nur einem Loch umzugehen, als unentwegt mit drei blutenden Löchern konfrontiert zu werden. Als pragmatischer Mensch trug ich jetzt ein großes Loch im Herzen mit mir herum. Ein sehr großes.

Das klaffende Loch schrie auf, da ich nun also den Blick auf eine kleine Boutique im Herzen der Einkaufsmeile, Gelsenkirchen City, Bahnhofstraße, warf, abrupt stehen blieb und nach Atem zu ringen gezwungen war.

Da-da-da war es! An einem Verkaufsständer linker Hand sah ich es. Das besondere Teil. Ein enganliegendes Herren Rasta 100 % Baumwolle Netzhemd (Fischnetz, ein grobmaschiges Muskel Tank Top) in fettem Neon-Grün. Seit jeher hatte ich mir solch ein Netzhemd gewünscht. Ach was gewünscht, ich hatte es herbei gefleht, in meiner Jugend. Ich bin Jahrgang 1981. Nie hatte ich etwas so sehr erfleht, und auch mit der Kraft allerlei dubioser Gebete herbei gesehnt wie dieses Muskel Tank Top. Schock fährt mir in die Glieder, als ich den Warenständer rechts daneben auch noch, rein zur Abrundung der Augenreise, mit Blicken streife.

Dort sehe ich die schwarze Strick-Mütze mit rot gestickter Schrift „Kleines Arschloch“ plus der berühmten nackten Figur (von Walter Moers). Unfassbar. Auch dies solch ein unerfüllter Jugendtraum, schon seit 21 Jahren, denn so lange gibt es diese Kultmütze ja schon. Meines Wissens wurde sie am 1. Januar 1999 auf den Markt geworfen. Mit zunächst mäßigem Erfolg. Aber ich wollte schon immer eine haben. 1999 war ich 18, und nichts schien mir damals erstrebenswerter, als ein neongrünes Netzhemd haben zu dürfen, und dazu dann noch die Mütze des „kleinen Arschlochs“ zu tragen. Nichts!

Gut, eine Sache gab es da doch noch. Hinzu kam nämlich die Hatstar Pilotenbrille, verspiegelt, eine wunderschöne Sonnenbrille, die macht mächtig etwas her, und die Brille ist mit einem Federscharnier ausgestattet, UV400, Cat. 3 CE. Dies war mein Wunsch Nr. 3. Und alle diese 3 Wünsche schleppe ich jetzt schon seit mindestens 1999 mit mir herum. Unerfüllt blieben sie. Bis zum heutigen Tage, dem 1.7.2020.

Die ersten Jahre, weil Netzhemden so etwas von out waren, dass sich keiner traute, mit „so etwas“ herumzulaufen. Die Mädchen kicherten und giggelten, wenn sie den Jungen trafen, der es wagte, damit auf die Straße zu gehen, unverhohlen gaben sie Kommentare ab, die wenig schmeichelhaft gerieten. Mir wäre es egal gewesen. Es handelte sich ja um einen Lebenswunsch. Doch sah ich niemals solch ein Netzhemd, das zum Kauf angeboten wurde. Gleiches gilt für die Mütze. Ab und an sah ich wohl eine dieser verspiegelten Pilotenbrillen, aber niemals in neongrün. Also, was tun? Ich ließ das megagroße Loch im Herzen verschorft, verkrustet und immer noch blutend, aber nun nicht mehr ganz so heftig, leicht sickernd und nässend, allein mit der Tragik des pochenden Sehnens, zurück. Auch, als ich das Internet für mich entdeckte, gab es keine Erlösung. Die Brille war nie neongrün, die Mütze ausverkauft, ein Hemd in neongrün - keine Chance!

Nun stellen Sie sich bitteschön meine innerliche Folter vor, als ich den Brillenständer bemerkte, rechts neben den Hüten, Basecaps und Mützen. Dort war sie, thronend, in bester Position... Sie grüßte von ganz oben: Die Hatstar Piloten-Brille, verspiegelt, mit Federscharnier. Und ja, mit UV400. Ich musste mir mehrfach selbst ins überraschte Gesicht schlagen, was für einige hochgezogene Augenbrauen bei den Umstehenden sorgte, so perplex und baff war ich ob dieses 3fach-Schocks. Imaginieren Sie bitte:

Ein Pärchen macht Urlaub, in Paris. Die beiden sind aus Wilhelmshaven, es ist ihre erste Reise überhaupt ins Ausland. Etwas verloren stehen sie an einem Platz, dort im 9. Arrondissement von Paris, des berühmten Place Pigalle, und haben plötzlich ein Sehnen und Ziehen in der Leistengegend. Trotz der geschichtsträchtigen Kulisse, all der farbenfrohen Eindrücke, trotz des Gewusels und der Sprachen-Vielfalt, sie haben Heimweh, ganz fürchterliches Heimweh. Und dann sieht Uske Harmsen, sie kann es kaum fassen, ein kleines friesisches Restaurant, wirklich winzig klein. Und es bietet, in aller Unschuld, mitten in Paris, Granatbrötchen, Mockturtle-Suppe und Labskaus an. Ubbo und Uske beginnen hemmungslos zu schluchzen, weinend stürmen sie das Mini-Restaurant, umhalsen den Besitzer, einen Einwanderer aus Leer mit Namen Per Jonke Krull, und bestellen alles auf der Karte. Alles! Weinend.

Nun, Sie können in etwa ermessen, wie ich mich fühlte. Alle Träume lagen direkt vor mir. An drei Ständern bot sich die Erfüllung meiner Jugend-Träume. Nur hatte ich so viel Geld nicht. Ich musste aber, und das unbedingt, noch heute diese drei Schätze nach Hause schaffen. Heute noch! Da führte kein anderer Weg dran vorbei. Stehlen! Sonst eher ein gesetzestreuer Bürger, der nur 1x wegen Schwarzfahrens unter Strafe gestellt worden war (120 Euro erhöhtes Beförderungsentgelt nach relativ böswilliger, unentschuldbarer Beförderungserschleichung!), und der damals die starke kriminelle Energie in sich erwachen sah, als er den Namen „Heinz Doofenshmirtz“ nannte, was den Straftatbestand der Erschleichung nährte, kribbelte es jetzt also schon wieder in mir. Ich wollte alle drei Teile stehlen. Mein Lebensglück stand auf dem Spiel. Ich war ohne jeden Euro in der Geldbörse mitten in der Bahnhofstraße unterwegs, auch die Plastikkarte bot keine Alternative, da das Konto restlos, wie sagt man so schön, bis zum Anschlag überzogen war.

Und warten? Bis zum nächsten Monat? Nein, niemals. Ich war fest entschlossen. Die drei Teile mussten noch heute meinem Bestand zugeteilt werden. Heute noch! Unter dieser Prämisse näherte ich mich der recht großen Edel-Boutique. Es ist der 1.7.2020, ein drückend schwüler Tag, kein Sonnenscheinwetter, aber doch recht angenehm, weil nicht mehr gar so heiß wie zurückliegend. Mit heftig klopfendem Herzen nahm ich die drei heiß ersehnten Teile von den Ständern herunter, und zwar in der Reihenfolge H - M - B (Hemd, Mütze, Brille), eine sehr logische Reihenfolge. Dann betrat ich, ziemlich runter mit den Nerven, schwitzend die Boutique. Jede Menge Leute. Ist das gut? Ich meine, für mein kriminelles Vorhaben? Ich entschloss mich spontan, es für sehr gut zu halten. Nachdem ich ein wenig an der Kasse angestanden hatte, sagte ich, zum Hintermann: „Da hab ich doch glatt was vergessen...“ und überließ ihm meinen Platz. Freundlich nickte der junge Mann.

Danach schlich ich mit quälend langsamen Schrittes, mitsamt meinen Schätzen, in die Richtung Ausgang. Knapp hinter der Lichtschranke ertönte das Jaulen und Hupen, ein entsetzliches Spektakel. Zwei Personen nahmen mich in Gewahrsam, und sie führten mich mit sanfter Gewalt in die Büroräume. „Das hat ganz hervorragend und ausgezeichnet funktioniert, Ihr System!“ betonte ich, souverän schwitzend. „Meinen Glückwunsch, die Herren. Nicht nur wurde mein dreister >Diebstahl< bemerkt, o nein, auch das Alarmsystem hat heftig angeschlagen. Ich denke, ich kann der Zentrale, natürlich in allen Einzelheiten, unter allerlei Lob und vielen Respekt-Bekundungen, berichten: Diese Boutique ist sicher vor allen Liftshoppers.“

Einer der Herren nahm die rechte Hand von meiner linken Schulter, zwang mich aber dennoch, wenn auch nur mit Blicken, mich zu setzen. „Entspannt“ kam ich also dem Wunsche nach. „Ich hab heute meinen ersten Arbeitstag hier. Soll das Sicherheitssystem prüfen und zudem den hausinternen Detektiven checken. Alles zur besten, ja, möchte ich glatt behaupten, zur allerbesten Zufriedenheit!“ Gleichzeitig dachte ich: Und wer zum Teufel bewacht jetzt den Laden? Offensichtlich waren ja wirklich alle Security-Mitarbeiter im Büro.

„Wie ist Ihr Name, bester Mann??“ Ich konnte nicht anders, es musste einfach raus: „Ich bin Heinz Doofenshmirtz, von der Zentrale in Recklinghausen“, tönte es aus mir. Im selben Moment hätte ich mir auf die Zunge beißen können, was ich leider dann auch tat. Das Blut troff und quoll mir aus dem Lügenmaul. Die umstehenden 5 Personen schienen besorgt. „Was ist Ihnen? Haben Sie eine Kapsel zerbissen?“ Dachten die etwa, ein Dieb habe ständig Zyankali-Kapseln bei sich, um dann im (fast) unmöglichen Falle einer Entdeckung seiner Schandtat dem unwürdigen Leben im düsteren Knast, auf fatale Art und Weise, vorzubeugen? Dachten die das? Echt? Jedenfalls kam Bewegung in die Meute. Einer holte einige Küchenrollen, ein weiterer goß Wasser in ein Glas und stellte es direkt vor mich hin, ein anderer hatte den Erste-Hilfe-Kasten von der Wand gelöst, und die beiden letzten waren hinfort geeilt, um Handtücher und das leider obligatorische heiße Wasser zu besorgen.

„Trinken Sie, nachdem Sie sich gesäubert haben, trinken Sie einen Schluck Wasser, Herr Doofenshmirtz“, raunte mir einer der Köpfe über mir zu. Mutig nahm ich einen Knäuel, bestehend aus zwei Küchenrolle-Teilen, und stopfte ihn mir in den Mund. So entkam ich einer hochnotpeinlichen und entlarvenden Befragung. Sehr clever. Langsam stand ich auf. Da ich ein Stück Papier und einen Stift ortete, ging ich dorthin und schrieb: „Wo sind bitte die Örtlichkeiten?“ mit sehr wackliger Schrift. Das half. Dieser Herr Doofenshmirtz war offensichtlich wirklich arg mitgenommen, vielleicht sogar dem Tode nah. Und er ist sehr höflich. Der ist ganz sicher kein Dieb.

Ich wurde, jetzt deutlich sanfter als bei der Festnahme, zu den Toiletten geführt. Ich konstatierte sofort: Aha, die Personal-Toiletten. Dort sollten die Fenster ja, so hoffte ich, unvergittert sein. Und tatsächlich, so war´s. Sehr gut. Das Fenster ließ sich sogar öffnen. Offensichtlich gingen die Angestellten der Arbeit in dieser Boutique sehr gern nach. Ich ließ das Wasser laufen und stieg prompt aus dem Fenster. Dann machte ich die Fliege, wie man so schön in Verbrecher-Kreisen sagt. Leider ohne meine Schätzchen. Ärgerlich.

Ich hatte weder die Brille, noch hatte ich das Hemd, und schon gleich gar nicht diese edle Mütze des „kleinen Arschlochs“. Tränen traten mir in die Augen. Ärger, Wut, Scham, sehr viel Schmerz und immer wieder Kummer und Gram (Haben Sie sich schon einmal so richtig heftig in die Zunge gebissen? Ja? Dann wissen Sie, wie ich litt!), o, was für ein Tag. Ich flitzte, was meine Beine und die Lunge nur hergaben, zum Hauptbahnhof, direkt ab in die U-Bahn. Dafür war ich in etwa 3 Min. gerannt, wie wohl noch nie zuvor in meinem Leben. Selbst nicht bei den Bundesjugendspielen. Gerade fuhr eine Bahn ein. Was für ein Glück. Die 301. Ich war den Häschern entkommen. Ohne Beute, aber wohlbehalten. Ein Dieb ohne Sore...

Ein Fahrkartenkontrolleur sprach mich an. Ob er wohl meinen Fahrschein sehen und begutachten dürfe? "N-Nein", sagte ich, mit vollem Mund, "das geht leider nicht, weil der Fahrschein zuvor ja nicht, wie eigentlich von der Bogestra verlangt, angekauft worden ist, werte Dame". Das musste sich für den etwa 40jährigen Kontrolleur mit wirklich sehr langen Haaren in etwa so angehört haben:

"Na-Naan, da deed laadaa nachd, waal da Faaschaan saavaar jaa nachd, waa aagaandlach wan da Bagaschdra vaalaangd, aangaakaafd waardan asd, waarda Daama...."

Ich hörte, zu meiner Verwunderung, von der Gegenseite dies: „Haben Sie denn Ihren Schwerbehinderten-Ausweis zur Hand?“ „Naaan!“ „Und wie heißen Sie?“ Ich hatte ja keine andere Wahl... Was sollte ich denn machen? „Maan Naamaa? Ach haassaa Daaggdaar Haands Daafaanschmads...“ Mir war so, als könne der akademische Titel vielleicht über den Eindruck eines geistig Schwerbehinderten hinweg täuschen. Oder sonstwie hilfreich sein. Doch leider erwies sich das als Trugschluss. Die Strafe fiel happig aus. Im Wiederholungsfalle, so die BOGESTRA AG, müsse ich mit einer Gefängnisstrafe rechnen. Denen reicht es ganz offensichtlich. Also, bitte, wenn Sie sich im Falle des Schwarzfahrens einen Namen, und das ad hoc, ausdenken müssen, wählen Sie auf gar keinen Fall Heinz Doofenshmirtz. Weder Prof. noch Dr. Das führt direktemang zu einer Haftstrafe. Nur so am Rande erwähnt. Bleiben Sie gesund! Oder: Blaaabaan Saa gaasaand!

Es kann nicht immer nur gute Tage geben. Ich spare gerade auf ein neongrünes Netzhemd, auf die Pilotenbrille, verspiegelt, und auf die Strickmütze des k.A.
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