Wie ein Berber plötzlich zu 10 Euro kam

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Ein Vater geht mit einem kleinen Jungen an der Hand an einem Obdachlosen vorbei, der auf einer verdreckten Decke kniet, mit einem eingedrückten Plastikbecher vor sich.

Darauf steht, mit Edding geschrieben, in ungelenker Schrift: >Douceur! Tips! Spenden!< Der Sohn möchte gern mit dem Berber sprechen, zieht den Vater in dessen Richtung.

Der Vater zerrt den Jungen weiter, zischelt: „Nicht ansprechen!“

Der Junge: „Wer bist du, dass du mir verbietest, mit Menschen zu reden, mit denen ich gern in Kontakt zu treten wünsche?

Das ist Faschismus! Ich bin durchaus selbst in der Lage, abzuschätzen, mit wem ich nun zu sprechen wünsche - und mit wem eher nicht.

Du magst ein Misanthrop sein, ich bin es nicht. Dieser arme Mann dort hat Ansprache nötig. Er braucht menschliche Wärme und Zuwendung.

Warum also willst du mir verbieten, Vater, mit ein paar aufmunternden, unterstützenden und freundlichen Sätzen konstruktiv auf diesen armen Menschen in einer Notlage positiv einzuwirken?

Ist dir diese Form der Empathie etwa abhanden gekommen? Dann schmerzt mich dies allerdings sehr. Und meine Liebe zu dir nimmt in dem Maße ab, in welchem du diese gebeutelten, geschundenen Wesen zunehmend ablehnst und ignorierst!“

Der Vater ließ, entsetzt, die Hand seines Sohnes los. „Aber Junge...“

Hilflos rang er nach Luft und Worten. So hatte sein Sohn noch nie zu ihm zu sprechen gewagt.

Doch der Obdachlose half aus: „Exakt so werden die Faschisten geformt, ganz genau so! Ausgrenzung und Gettoisierung, und frühzeitig die Sprösslinge belehren:

Spielt nicht mit Schmuddel-Kindern, sprecht nicht mit Wohnsitzlosen! Nur gut, dass Ihr kleiner Sohn bereits jetzt schon das „Wehr dich“-Gen und einen gediegenen Freigeist in sich trägt.

Er wird keinesfalls ein Faschist und konformistischer Spießer werden. Gut gemacht, Kleiner...“ Der Sohn und der Nichtsesshafte reichen sich zufrieden die Hand.

Der Vater wirft dem Mann rasch noch einen Zehner in den Plastikbecher. Und flott entfernt er sich mit seinem Sohn, der dem Berber noch, freundlich winkend, Achtung und Respekt zollte. Der Vater hatte sich von der Szene abgewandt, schaute nicht mehr zurück. So konnte er auch nicht sehen, wie der Obdachlose, reichlich angewidert, den 10-Euro-Schein aus seinem Plastikbecher fischte, mit nur 2 Fingern, und ihn nun mittels eines Einwegfeuerzeuges schadenfroh verbrannte.

Den brennenden Schein hielt der alte Mann dabei, lachend, wie eine Trophäe hoch, wartete bis zum wirklich letzten Augenblick, ehe er dann loszulassen gewillt schien. Das kleine brennende Stück Papier glitt in sanftem Schwung zu Boden.

Der Sohn jubelte innerlich. Die Hand des Vaters nahm er jedoch nicht mehr an, so oft sie ihm dieser auch auf dem Nachhauseweg noch anbot.

Als er direkt fragte, warum er die Hand des Vaters verschmähe, antwortete der Sohn: "Ich habe sie eben einem Nichtsesshaften gereicht. Ich denke nicht, dass du bereit wärest, mir deine Hand zu geben, wenn ich sie nicht zuvor wenigstens ein halbes Dutzend mal gründlich gesäubert hätte, richtig, Vater?"

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