Rezension des Buches "Nichts ist eine Menge"

von Gherkin Green
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Längst vergessene Schätze der Weltliteratur
Versuch einer vorsichtigen Annäherung
Prof. Dr. Gerfried Bedenkirchs Rezensionen

Heute: Pedro Junghans „Nichts ist eine Menge“ („Nada es una cantidad“, Cervantes, 1971, Paraguay)

Das Buch mit dem fast mathematisch anmutenden Titel „Nichts ist eine Menge“ von Pedro Junghans erschien 1971 im Cervantes Verlag der Freien Autoren Paraguays, ist 481 Seiten dick und birgt eine Menge an Feinsinn, Beobachtungsgabe und latenter Gesellschaftskritik. Ein wunderbares, ein unerhörtes Buch, ein Meisterwerk.

Ich las das Buch zum Ende der 80er Jahre, in 4 aufeinander folgenden Tagen/Nächten erstmalig. Die Hauptperson heißt Pedro. Das kann darauf schließen lassen, dass dieses Buch autobiografische Züge trägt, aber natürlich mag es auch die narzisstisch-egozentrische Welt des Autors vor Augen führen. Aber wer von allen Schriftstellern dieses Planeten ist denn nicht eitel und ein wenig selbstverliebt? Wer? In die eigenen Satzstrukturen, in das mühsam Erarbeitete, in die sorgsam zu Papier gebrachte Gedankenflut?? Es gibt wohl keinen Schreibenden, dem Narzissmus fremd ist. Es dürfte sogar eine Form der Voraussetzung sein, überhaupt eine Idee zu einem Roman zu Papier zu bringen, Gestalt werden zu lassen, letztlich niederzuschreiben. Nach Prof. Borwin Bandelow kann es nicht schaden, um Erfolg als Autor haben zu können, wenn sich eine Borderline-Störung mit Narzissmus paart, um dann psychische Instabilität zu gebären. Leid und Tragik im Leben eines Schriftstellers sind also das Fundament für wirklich gute Arbeiten und wahrhaft geniale Ergüsse. In Pedro Junghans haben wir einen Vertreter exakt dieser Zunft. Einen Prototyp.

„Nichts ist eine Menge“ heißt: Wer gar nichts hat, hat dennoch immer wenigstens etwas. Wer so gut wie am Boden ist, oder bereits schon liegt, wer die letzte Sprosse der sozialen Leiter hinab geklettert ist und mit dem linken Fuß bereits Bodenkontakt hat, der kann doch immerhin noch Würde, Zorn, Ehre, Verbitterung, Mut oder Trotz vorweisen. Das Werk soll uns aufzeigen, was der alte Bettler im abgerissenen Mantel fühlt, der mit einem einstmals entwendeten „Norma“-Einkaufswagen, in dem seine vier Beutel, all sein Hab und Gut, lagern, gemächlich über die Seitenstraßen schlurft, wobei eines der Räder leicht quietschende Geräusche von sich gibt. Der Normalbürger würde wohl behaupten, der Bettler sei völlig mittellos. Pedro Junghans schreibt gegen dieses vorurteilsbelastete Denken an und gibt zu beDENKEN: In den 4 Beuteln schlummern Kostbarkeiten und Raritäten, der Wagen ist reiner Luxus, im Kopf des Bettlers – tausend farbenfrohe Fantasien, melancholisch untermalt, wie bei dem „Mädchen mit den Streichhölzern“, das nichts anderes als Wärme und Schutz sucht. Die Würde im absoluten Scheitern, das ist Junghans´ Thema. Er lässt seinen Pedro durch Asunción schlendern, es könnte aber auch jede andere südamerikanische Stadt sein, Mitte Februar, es ist drückend schwül, und dabei Philosophieren, Betrachten und Sinnen.

Halblaute Selbstgespräche, mitunter auch Dialoge, die bisweilen ermüdend wirken können in dieser Häufung, begleiten seinen langen Marsch. Er ist völlig verarmt, hat keinerlei Weggefährten, kennt anscheinend nur diesen mysteriösen Uhrmacher Carlos Benjamin, der immer und immer wieder, oft zur Unzeit, an allen Ecken und Ende in Asunción auftaucht. Am Ende des Buches fragt sich der Leser: Kann der Uhrmacher wirklich fliegen? Hat der geheimnisvolle alte Mann die Gabe, die Zeit vorübergehend anzuhalten? Oder ist dies nur Traum-, Sinnbild einer gepeinigten Seele, die aufschreit? „Haltet ein! Verharret! So verharret doch endlich!“ So steht es auf Seite 120.

Diese manchmal komische, dann wieder bedrückende, schließlich auch tragische Reise ist nicht nur hervorragend beobachtet, sie ist auch eine stilistische Meisterleistung des Autors. Wer einmal total in sein Genre, sein Sujet, eingetaucht ist, es vollinhaltlich begriffen und verstanden hat, der kann ja quasi „aus dem Vollen schöpfen“. Junghans hat am eigenen Leib erfahren, wie es ist, ohne Geld und ohne Zukunft in einer Stadt zu leben, die vor Hyänen wimmelt, die keine Gnade kennt, in der die so berühmte Schere zwischen Arm und Reich so weit auseinander klafft wie einst Babylons Schenkel.

Begegnungen allüberall, doch entsteht keine Freundschaft, nichts ist von Dauer. Man begrüßt sich, man kennt sich, flüchtige Berührungen, unverbindlich flüchtige Bekanntschaften, durchaus ernst in manch derber Heiterkeit, vorgespielt von grandiosen Schauspielern in erbärmlicher Kulisse.

Der Schriftsteller P. Junghans ist Sohn eines deutschen Vaters, der 1946 auf verschlungenen Pfaden in Peru landet (Nazivergangenheit? Flucht? Fernweh?), dort auf Emilia Rosetta Gonzales de Marco trifft, einer bildschönen Mexikanerin, wie erhaltene Bilder zu belegen wissen, feurig und glutäugig, sie heiratet und mit ihr nach Paraguay zieht, um dort von einer versteckten Hanfplantage zu leben, angeblich von den Behörden gegen Bakschisch-Zahlungen geduldet. Diese Emilia gebiert an einem Tag im Mai, Pedro Junghans verschweigt uns den Tag beharrlich, ihren einzigen Sohn. Wir schreiben das Jahr 1949. Friedrich Junghans stirbt unter bis heute ungeklärten Umständen bei einem Brand, dem nicht nur das feudale Haus „Carpa de Buena Esperanza Junghans“ („Zelt der Guten Hoffnung“) zum Opfer fiel, sondern auch die komplette, großflächige Hanfplantage. Da der Hanfanbau wohl die einzige Einnahmequelle für die Familie Junghans gewesen ist, fanden sich Emilia und Sohn Pedro auf der Straße wieder. An Rücklagen hatte man nicht gedacht, mit dem Haus war auch alles Bargeld und die Schuldscheine/Aktien/Anteilsurkunden verbrannt. Emilia gab sich der Prostitution hin, nach dem stets unbestätigten Gerücht war der eigene Sohn auch ihr Zuhälter. Schließlich starb diese Emilia, da ist ihr Sohn erst 20 Jahre alt. Auch hier: Die Umstände des (offensichtlich gewaltsamen) Todes sind nie völlig aufgeklärt worden.

Strangulationsunterblutungen konnten festgestellt werden, jedoch ist nach dem Totenschein eine von den Behörden tolerierte „natürliche Todesursache“ dokumentiert. Emilia Rosetta Gonzales de Marco Junghans wurde lediglich 41 Jahre alt. Sie wurde anonym bestattet.

Pedro Junghans schlug sich mittellos und wohl auch eine Zeitlang als Stricher, wacker zwar, doch psychisch sehr labil, einigermaßen durch. Eine alte Wahrsagerin namens, wie kann es anders sein, „Esmeralda“, soll ihm dann gegen Aushändigung seines Amuletts, das ihm seine Mutter als einzigen wirklich erwähnenswerten Besitz hinterließ, es zeigte einen Skarabäus, geraten haben, JETZT und sofort einen Roman zu schreiben. Dieser würde bekannt werden und den jungen Schriftsteller quasi über Nacht berühmt machen. Auch würde der Stoff dann, jedoch viele Jahre später, verfilmt. Nun, bis heute warten wir auf die Verfilmung, aber wir wissen sicher, dass Pedro Junghans sich noch in dieser Nacht daran begab, die ersten Absätze zu schreiben. „Nichts ist eine Menge“ stand als Titel

Dieses Buch ist heute in Vergessenheit geraten. Und es ist vergriffen. Für ein Exemplar
zahlt der Sammler Dr. Sierd van Eyssenbaart immerhin 24.000 Euro. Wer also solch
ein Exemplar besitzt (bitte kein Nachdruck), sollte sich dringend bei mir melden. Ich
selbst habe zwar ein Beleg-Exemplar, aber es ist leider sehr stark verschmutzt, wurde
vom vielen Lesen und Blättern sehr stark in Mitleidenschaft gezogen.

Dies ist eine meiner ersten Arbeiten auf dem Gebiet der Rezension. Erschienen ' 88.
Ein Lektor schrieb: "Eine äußerst interessante, gut beobachtete und fein ziselierte
Arbeit, die ich ausnehmend gut beurteile." Leser-Kommentare sind erwünscht. G.G.

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Kommentare

04. Dez 2019

Dein Artikel ist sehr lesenswert. Er berührt ein Thema, das uns unmittelbar angeht.
Schöne Adventstage wünsche ich dir. Bin - leider - ebenfalls ein Narzisst.
HG Olaf

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