Gefährlicher Sommer (Teil 31; Text 3)

von Annelie Kelch
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Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!
Wie gut, dass sie am Sterben teilhaben!
Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich,
während unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht.

Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzeiflung an.
Er misst seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab.
Seine Strecken
werden sichtbar im Blattwerk als dunkler Zwang,
die Bewegung der Flügel färbt die Früchte.

Es heißt Geduld haben.
Bald wird die Vogelschrift entsiegelt,
unter der Zunge ist der Pfennig zu schmecken.
(„Ende eines Sommers“; Günter Eich)

Abschied

Wir schleppten uns über die Felder, um den langen Weg zum Gut abzukürzen, Konny, Hannes, Kora und ich. Das letzte Heu war gewendet, und unser Muskelkater ging zur Neige wie dieser Sommer. In der Luft hing bereits ein wehmütiges Flimmern, als wolle sich das Licht, wie es noch Anfang August lerchenhell über Lachau geschwebt war, langsam, aber sicher verabschieden.
Im Park lösten sich die letzten Früchte von Sträuchern und Büschen, aufgebläht und angefault von der letzten Sonnenglut.

„Wann fährst du, Katja, meine kleine Wanderdüne?“, fragte Konny mit rauer Stimme.

„Übermorgen“, sagte ich. „Mit Lars Petersen hat die Gnädigste einen netten und fleißigen Knecht an Land gezogen. Besser hätte es Lachau nicht treffen können. Ihr braucht mich hier nicht mehr.“

„Aber nächstes Jahr ...“, begann Kora.

„Komme ich wieder – mit Christine“, fiel ich ihr ins Wort. „Und falls auf Lachau nicht wieder jemand dran glauben musste, könnten wir in der Tat ganz extraorbitante Ferien verbringen.“

Oskar kam uns entgegen, nahm uns die Heugabeln ab und verfrachtete sie in den Leiterwagen, den er hinter sich herzog.

„Was hast du uns zum Abendessen übrig gelassen, Oskar?“, fragte Hannes. Sein Tonfall hörte sich bedrohlich an.

„Brombeersuppe, geräucherte Maräne und Sommerkohl aus dem Gemüsegarten“, tat Lachaus dicker Hilfsknecht eifrig und schwärmerisch kund und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Zum Nachtisch gibt es Eis mit Erdbeeren. Es ist noch genug für alle da.“

„Dein Glück ...“, murmelte Hannes.

Konny und Kora legten augenblicklich einen Zahn zu, während Hannes und ich wortlos hinter den beiden hertrotteten.

„Ich war gestern Abend noch im Krankenhaus bei meinem Alten“, brach Hannes unser Schweigen, als wir in die Allee einbogen, durch deren Bäume die Abendsonne quoll wie eine Offenbarung. „Er lässt dich grüßen und fragen, ob du ihn morgen noch einmal besuchen kämst. Er habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen.“

Hannes sah mich halb lauernd, halb fragend von der Seite an.

„Ach ja“, erwiderte ich hastig. „Dabei kann es sich nur um die drei Ausbrecher handeln, du weißt schon, Helge und Konsorten. Kommissar Fuchs hat deinen Vater wohl letzte Woche besucht, um ihn über den neuesten Stand der Dinge zu unterrichten.“

„Nee“, brummelte Hannes. „Längst geschehen. Da muss was anderes in seinem Kopf rumspuken, Katja. Der neueste Stand ,in Sachen Knut' lautet: Helge und seine feinen Freunde treiben sich aller Wahrscheinlichkeit nach noch in den Wäldern der Gnädigsten rum, und zwar in unmittelbarer Gutsnähe. Außerdem hat Leni mir gestern gesteckt, dass in der Speisekammer ein dicker Schinken stiften gegangen sei. Aber da sie nicht wisse, ob Oskar, dieser Vielfraß, der ihr so aufopfernd in der Küche hilft, ihn fortgeschafft habe, wolle sie keinen Alarm schlagen.“

„Und du weißt wirklich nicht, was mein Vater von dir will?“, fragte Hannes im zweifelnden Tonfall.

„Nein, woher sollte ich? Ich werde morgen Abend noch einmal ins Krankenhaus fahren und mich erkundigen“, tat ich seine Frage lässig ab, obwohl ich längst nicht so ahnungslos war, wie ich ihn glauben machen wollte. Konkret hätte ich ihm gegenüber allerdings auch nicht werden können. Hannes' Vater war für mich ein Buch mit sieben Siegeln.

***

„Da fehlt schon wieder ein Schinken, Hannes“, empfing uns Leni, kaum, dass wir die Veranda betreten hatten. Oskar kann es diesmal nicht gewesen sein. Ich hatte sie gestern Abend noch durchgezählt, die Schinken meine ich. Und heute kann Oskar nicht in der Speisekammer gewesen sein. Das hätte ich mitbekommen. Dieser Schinkenklau muss was mit Helge zu tun haben. Seid bitte vorsichtig – ganz besonders in den Scheunen und Ställen.“

Anstelle einer Antwort zog Hannes zu unserem Entsetzen einen Revolver aus seinem kleinen Wanderrucksack. Er bewahre dort Obst, Süßigkeiten und ein Mathebuch auf – „für die Mittagsrast auf dem Feld“, hatte er uns vor ein paar Tagen erklärt. Allerdings haben weder Konny, Kora noch ich ihn jemals darin lesen sehen. Stattdessen rauchte er dicke Zigarren, und wir ließen ihn während unserer Pausen nicht aus den Augen, um zu verhindern, dass er aus lauter Leichtsinn die Heuballen in Brand setzte.

„Woher hast du diese Waffe, Hannes Kröger?“, fuhr Leni ihn in barschem Ton an.

„Aus Papas Zimmer. Sie lag in der untersten Schublade der Jagdvitrine", gab Hannes unumwunden zu. „Ich möchte nicht auch noch angeschossen werden oder durch einen Schuss von Helge gar vor die Hunde gehen. Helge kann mich nicht ausstehen, und wir arbeiten Tag für Tag in den Ställen und Scheunen, wo man sich hervorragend verstecken kann, wie du und Katja wissen solltet.“

„Ich hab keine Ahnung, dass du eine Waffe hast, Hannes. Ich habe dieses Ding nie gesehen, verstehst Du?“ Leni bebte vor Aufregung.

„Ist ja gut, Lene. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dich in irgendwas hineinziehen würde“, versuchte Hannes meine alte Freundin zu beruhigen.

Ich konnte Hannes gut verstehen. Helge war skrupellos, und die beiden anderen Ausbrecher schienen vom gleichen Kaliber zu sein.

Wir gingen gemeinsam in die Küche. Kora und Konny waren schon am Futtern. Ich war sehr hungrig und froh, dass sie Hannes und mir etwas übriggelassen hatten.

Als Kora, Konny, Hannes und ich am späten Abend zu den Kuhställen wollten, wir standen noch im Hof und hielten einen kurzen Klönschnack mit Luchs, dem lieben alten Hofhund, entdeckte ich einen Schemen, den Schatten einer männlichen Gestalt, der um die berühmt berüchtigte Weißdornhecke bog. Ich hätte schwören können, dass es sich bei dieser Person um Helge gehandelt hat und bat Hannes, Kommissar Fuchs anzurufen; dieser möge, möglichst unauffällig, mit seinen Mannen hier unverzüglich aufkreuzen.

Wir zogen uns derweil ins Herrenzimmer zurück. Von dort aus konnte man durch die großzügigen Fenster der Veranda den Hof überblicken, ohne selbst gesehen zu werden.

Wir hatten aus Langeweile ein Pokerspiel begonnen, unter Einsatz von Pfennigen, und waren dermaßen vertieft darin, dass wir Kommissar Fuchs erst bemerkten, als er Kora in die Karten schaute und „gutes Blatt, junge Dame“ brummte.

„Gibt 's was Neues, Herr Fuchs?“, fragte Hannes.

„Wir haben ihn; Sie hatten recht, Fräulein Kleve. Es war Herr Brandner“, informierte uns das Füchslein; er lächelte mich an und ließ sich in den einzigen freien Sessel des Herrenzimmers fallen.

„Wir haben nicht das Geringste von der Chose mitbekommen“, wunderte sich Hannes.

„So soll es sein“, gab der Kommissar zur Antwort. „Es fand zum Glück kein Schusswechsel statt. Herr Brandner hat sich widerstandslos von uns festnehmen lassen. Die anderen Ausbrecher sind angeblich nach Spanien ausgebüxt. Aber die kriegen wir auch bald.“

„Weshalb ist Helge nicht ins Ausland geflüchtet?“, erkundigte sich Konny.

„Er hat sich mit den Kerlen überworfen. Die Eisen, die die im Feuer hatten, waren wohl selbst dem jungen Brandner zu heiß.“

„Und wo hat sich Helge die ganze Zeit versteckt gehalten?“, fragte Kora.

„Er hat es sich in der hintersten Ecke auf dem Dachboden der großen Scheune gemütlich gemacht. Falls ihr euch vom Hoferben verabschieden möchtet, findet ihr ihn in einer der grünen Minnas gleich hinter der Hofeinfahrt auf der Dorfstraße“, teilte uns Herr Fuchs mit und grinste süffisant. „Angeblich habe einer seiner kriminellen Kumpel den Schuss auf Herrn Kröger abgegeben. Das prüfen wir selbstverständlich nach.“

„Nein danke, wir verzichten liebend gern auf ein Wiedersehen mit Helge“, grinste Hannes; Konny, Kora und ich waren ganz seiner Meinung.

„Dann möchte ich euch nur noch darum bitten, Frau Brandner zu informieren, dass ich auf Lachau weile und sie dringend sprechen möchte“, ersuchte uns der Kriminale.

Damit waren wir entlassen – und begleiteten Lars, den neuen Knecht, auf seinem letzten abendlichen Rundgang durch Scheunen und Ställe. Petersen hatte sich erstaunlich schnell auf Lachau eingelebt. Mit Kröger würde er bestens auskommen. Nicht allein deshalb, weil sie im gleichen Alter waren. Das war uns von Anfang an klar.

So ging dieser Sommer vorüber, liebe Christine. Jener Sommer, der mir wohl ewig im Gedächtnis haften bleiben wird, weil er mir die aufregendsten Ferien meines Lebens beschert hatte. Eine Steigerung halte ich für ganz und gar ausgeschlossen.

***

Am nächsten Abend fuhr ich nach Lübeck und besuchte Kröger im Krankenhaus.
Er war bereits darüber informiert, dass Helge geschnappt und wieder einbuchtet worden war – ähnlich wie unsere Schweinchen und Ferkelchen in ihren kleinen Buchten, mit dem gravierenden Unterschied, dass er weniger Auslauf hatte und auf Streicheleinheiten gänzlich verzichten musste.

„Du fährst morgen heim?“, fragte Kröger.
Ich bejahte seine Frage mit einem Kopfnicken. „Die Schule wird nicht länger auf mich verzichten können. Meine Mutter hat mich jeden Tag daran erinnert – zu meinem großen Glück nur telefonisch.“

Kröger richtete sich in seinem Krankenbett auf und lachte.

„Sie wollten mir etwas Wichtiges mitteilen ... hat Hannes mir erzählt, Herr Kröger?“

„Lass doch bitte dieses ewige ,Herr Kröger'. Ich komme mir bei dieser Anrede jedesmal vor wie ein Herr in den besten Jahren.“

„Sind Sie das nicht?“, wollte ich erwidern; aber sein Blick stoppte mich noch rechtzeitig.

„Könntest du dich nicht dazu durchringen, mich endlich beim Vornamen nennen – wie alle anderen Leute auf Lachau und im Dorf?“ Seine Frage klang in der Tat wie eine Bitte.

„Nächstes Jahr vielleicht“, blieb ich stur. Kröger verdrehte die Augen.

„Was gibt es denn so Wichtiges? Ich muss noch packen und mich von meinen Großeltern verabschieden. Sie haben mich in den letzten Tagen kaum zu Gesicht bekommen. Oma ist sauer und giftig wie eine alte Zitrone.“

„Katja“, begann Kröger stockend. „Ich werde in drei, vier Jahren nach Australien auswandern und mir dort eine Rinderfarm kaufen.“

„Wird Hannes Sie begleiten?“, erkundigte ich mich sogleich, um zu verbergen, wie sehr mich diese Nachricht überrascht und auch ein wenig betroffen gemacht hatte.

„Ganz sicher nicht“, sagte Kröger. „Er hat andere Pläne. Aber ich würde … ja, ich würde dich gerne mitnehmen. Könntest Du Dir das vorstellen?“

Er nahm meine Hand und sah mir tief in die Augen.

„Das kommt sehr plötzlich, Herr Kröger. Ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass wir uns in Australien sonderlich gut verstehen werden. Und es wird dort kaum Ausweichmöglichkeiten für mich geben, weil ich niemanden kenne, ein fremdes Land dazu, nein, ein fremder Kontinent sogar … auf Lachau hingegen ...“

„... hat es zum Schluss doch aber ganz prima mit uns geklappt“, grinste er. „Deine Skepsis in Ehren, aber man kann es mit dem Pessimismus auch übertreiben.“

„Falls überhaupt, dann nur unter zwei Bedingungen“, ließ ich ihn wissen.

„Die wären?“

„Ich bin davon befreit, die Rinderställe auszumisten, und wir nehmen Leni mit. Sie ist mutterseelenallein auf dieser Welt und soll es im Alter gut haben. Ich werde dafür sorgen.“

„Abgemacht, Katja“, griente Kröger. „Wenn du dir diesen alten Drachen unbedingt aufhalsen willst … an mir soll es nicht liegen.“

„Noch eine abfällige Bemerkung über Leni – und Sie können Ihre Pläne, zumindest was mich betrifft, ein und für allemal vergessen“, wies ich ihn zurecht. „Ich werde bis zu den nächsten Sommerferien darüber nachdenken. Aber jetzt muss wirklich zurück … Die fragen sich eh schon alle auf Lachau, weshalb ich Sie schon wieder besuche, obwohl wir uns doch ständig in der Wolle hatten ...“

„Bis zum nächsten Sommer, Katja“, sagte Kröger und gab endlich meine Hand frei. Mach 's bis dahin gut und pass bitte auf dich auf.“

Kaum, dass ich die Tür des Krankenzimmers geschlossen hatte, brach mir der Schweiß aus und mir wurde flau im Magen. Als ich an der Krankenhausküche vorbeischlich, fragte mich eine Schwester, die gerade Pause machte: „Ist dir nicht gut, Mädel? Komm, setz dich einen Moment zu mir und trink einen Schluck Wasser. Diese Augusthitze macht die Leute völlig fertig. Wir sind total überbelegt.“

„Vielen Dank, aber es geht schon wieder“, winkte ich ab. „Eine vorübergehende Schwäche. Ja, es ist wirklich enorm heiß heute."

Der letzte Teil folgt Anfang bis Mitte nächster Woche.

Collage zu Teil 31, Text 3; Gefährlicher Sommer
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Kommentare

15. Mai 2018

Sehr gut verfasst -
Die Story passt!

LG Axel

15. Mai 2018

Dank, Axel, Dir, für Deinen Kommentar.
Ich hab 's geschafft: Noch ein Kapitel, einen Text ...
dann ist die Story aus; es folgt "the next".

LG Annelie

15. Mai 2018

Habe mich über beide Ohren in Moritz und Max verliebt ...
und bin gespannt auf das letzte Kapitel, Annelie.

Liebe Grüße Marie

15. Mai 2018

Danke, liebe Marie. Moritz und Max sind in der Tat süße Schweinchen. Da kommt die Dorfclique nicht mit. Im letzten Kapitel, eine Art Nachwort, kommt wieder Christine (wie auch im Prolog) zu Wort. Sie hat nicht nur allerhand zu sagen, sondern darf sich auch über eine große Überraschung freuen.

Danke fürs Lesen und liebe Grüße,
Annelie