Fortsetzung vom 14.11.2016; Im Dickicht der Zeichen; Nora Meranes erster Fall, ein Krimi

von Annelie Kelch
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„Kommen wir zum Tatbestand, Marc“, sagte ich nach einer Weile im nüchternen Tonfall, „sie sieht so entsetzlich starr und verkrampft aus – einerseits, andererseits glaube ich ...“

„Ja?“, fragte Marc. Seine Stimme klang dermaßen erwartungsvoll - als würde meine Antwort ihm verraten, durch wessen Hand Brenda gewaltsam um Leben kam, und ich fühlte mich mit einem Mal sehr unbehaglich und irgendwie total überfordert.

„Möglicherweise ist sie noch gar nicht so lange tot“, begann ich zögernd.
„Ist Brenda überhaupt korrekt untersucht worden? Schwer verletzte Opfer erscheinen manchmal nur, als seien sie tot. Es ist schon vorgekommen, dass sich Opfer noch bewegt haben, nachdem man sie für tot erklärt hat. Vielleicht ist Brenda nur hirntot. Dann funktioniert ihr Kreislauf noch und sie spürt sogar, wenn sie friert; Kälte schmerzt über kurz oder lang. Und da Schmerzen bekanntlich Stresshormone auslösen, wäre es durchaus möglich ...“

„Brenda ist tot, Nora, mausetot. Begreif das endlich.“
Mark musterte mich mit einem merkwürdigen Blick und runzelte die Stirn.

Ich hätte mich ohrfeigen können. Ich, die die Ermittlungen leiten sollte, benahm mich wie eine Idiotin. Dabei war ich die Chefin, Marcs Chefin – einzig und allein deshalb, weil irgendein gemeiner Kerl Brenda auf dem Gewissen hatte.
Es musste sich um einen Mann handeln; eine Frau hätte Brenda nicht transportieren können: Sie war groß, mindestens einsfünfundachtzig, und im Laufe der Jahre gewiss noch um einiges korpulenter geworden, als ich sie in Erinnerung hatte.

„Brenda ist vermutlich mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen worden. Sie war bereits tot, als man sie in den Graben gelegt hat“, hörte ich Mark sagen
„Ihr Schädel weist am Hinterkopf massive Verletzungen auf, die nur von wuchtigen Schlägen herrühren können.

Er hob Brendas Kopf an und zeigte mir die klaffende Wunde. Ich war froh, dass einer dieser Apfelbäume zum Greifen nah war, anderenfalls hätte ich mich neben Brenda ins Gras gelegt. Und zum ersten Mal kamen mir Zweifel, ob ich vor drei Jahren die richtige Entscheidung getroffen hatte. Die Arbeit im Einbruchsdezernat hatte mich zuletzt nur noch angeödet, weshalb ich damals mehr als froh war, als man mir vorschlug, zu Stefan ins Gewalt- und Betrugsdezernat zu wechseln.

„Bei der Tatwaffe hat es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Axt gehandelt. Ob die Hiebe auch die Todesursache waren, wird die Autopsie zeigen“, unterbrach Marc meine düsteren Gedanken.
„Vor morgen früh werden wir hierzu allerdings keine näheren Informationen erhalten. Du wirst dich gedulden müssen, Nora. Ich habe mich vorhin kurz mit einigen Hochhausbewohnern unterhalten; niemand will letzte Nacht etwas gehört oder gesehen haben - was ja kein Wunder ist: Im Finstergang gibt es noch immer keine einzige Laterne.
Dieses öde Terrain hier ist eindeutig nur der Fundort. Wo der Tatort gewesen sein könnte, liegt wie der Finstergang völlig im Dunkeln. Wir müssen Brendas Wohnung nach Hinweisen durchsuchen. Die erste Durchsuchung hat nichts Brauchbares ergeben. Sie war allerdings auch sehr flüchtig, weil wir uns um die Leiche kümmern mussten und nicht genügend Personal haben. Die Räume sind bereits versiegelt.
Und eines steht schon mal fest: Brenda wurde mit einem Fahrzeug hierher transportiert; wir haben trotz des Regens frische Reifenspuren eines Autos sichern können. Wie du weißt, ist der Finstergang für Autos gesperrt, immer noch, deshalb ist die Auswahl an Reifenspuren gering; es soll allerdings ein paar "schwarze Schafe" geben, die hin und wieder hier durchrasen.
Ja, und die Aussage des Zeugen Kolberg ist bereits diktiert. Frau Walters wird sie gleich runtertippen, dann kannst du sie lesen.“

„Wer ist Frau Walters?“, fragte ich.

„Ach so, die hast du ja noch nicht zu Gesicht bekommen. Sie arbeitet im Raum neben der Wache, schreibt unsere Tatort- und Zeugenberichte und ist für Vernehmungen zuständig. Sehr tüchtig und zeitlich flexibel. Ich stelle sie dir später vor.

„Ist Brendas Untersuchung abgeschlossen?“, fragte ich.
Mich überkam ganz plötzlich der Wunsch, dass man die Tote fortbrachte, in eine andere bessere, wärmere Umgebung.

„Kurt Stametz, unser Pathologe aus Grenzheim, war mit Brendas Untersuchung bereits fertig, bevor du hier aufgetaucht bist - etwas spät, nicht wahr, Nora?“
Mark sah mich forschend an und ich setzte sofort mein Pokerface auf. Sollte er doch glauben, was er wollte ...

„Jensen hat mir erzählt, dass du über eine Stunde im Auto gesessen hast. Er hat dich beobachtet, nahm an, dass du in den Fall verwickelt bist.“

Ich lachte auf – kurz und trocken.

„Wann hast du Brenda eigentlich das letzte Mal lebend gesehen, Marc? Ihr müsstet euch doch öfters über den Weg gelaufen sein. Wasserburg ist ein kleines Städtchen – im Gegensatz ...“

„Ich habe mit Brendas Tod nicht das Geringste zu tun, falls du darauf hinaus willst, liebe Nora. Und zuletzt gesehen habe ich sie, warte mal … ach ja, ein paar Wochen bevor dein Opa in unserem Altersheim, das jetzt mein Bruder leitet, gestorben ist. Meine Begegnung mit Brenda ist also schon ziemlich lange her.“

„Worüber habt ihr gesprochen?“, fragte ich.

„Das erzähle ich dir ein anderes Mal“, sagte Marc.
„Ich lasse Brendas Leichnam jetzt in die Gerichtsmedizin nach Grenzheim bringen. Wir haben zwei, drei DNA-Profile retten können – ja, und massenhaft Zigarettenstummel – Zeichen im Dickicht. Wie alt die Dinger sind, wird die Untersuchung im Labor zeigen.“

„Ihr habt sie doch hoffentlich alle fotografiert. Du weisst, dass Zigarettenstummel die Eigenschaft besitzen, sich rasant zu verändern.“

„Klar“, sagte Marc. „Ich bin doch kein Anfänger wie ...“

„Wie ich?“ - Marc hatte sich kaum verändert; er konnte immer noch ziemlich unverschämt sein.

„Nein“, griente er. „Ich meinte Dr. Watson - während seiner ersten Zeit bei Sherlock Holmes.“

„Dann hast du gewiss auch veranlasst, dass Erd- und Pflanzenproben genommen werden, damit später Abgleiche mit Kleidung und Schuhen des Täters genommen werden können?“, erkundigte ich mich süffisant.

„Das kann man auch später noch, Nora.“ Marc winkte ab, als sei meine Frage völlig überflüssig.

„Nein, das kann man nicht, Marc. Boden und Vegetation verändern sich durch das wechselnde Klima. Ich möchte, dass das jetzt geschieht, und zwar sofort.“

„Ich sage der Spurensicherung Bescheid“, gab Marc sich geschlagen.

„Fein“, sagte ich und lächelte zufrieden.

„Hast du übrigens schon ein Quartier in Weidenbach? Du willst doch nicht ständig zwischen Hellerburg und Weidenbach hin- und herfahren. Ich habe dort drüben im Hochhaus ein ganz passables Zwei-Zimmer-Appartement, im zehnten Stock; es steht leer. Du kannst es dir ja mal anschauen. Von der Küche aus kannst du direkt auf den Tatort, äh, ich meine selbstverständlich, auf den Fundort schauen,“ sagte Marc und sah mir tief in die Augen.

„Ich muss erst „Lassie“ fragen“, gab ich zur Antwort.

„Seit wann hast du einen Hund, Nora? Du warst doch früher allergisch gegen Hundejahre.“

„Woher weißt du das, Marc; wir haben doch früher kaum ein Wort miteinander gewechselt, und geredet hast doch meistens du, bevor der Unterricht begann, während ich fast immer geschwiegen habe.“

„... und mich beobachtet hast“, griente Marc.

„Kann sein“, sagte ich und hoffte, dass meine Stimme gleichgültig und gelangweilt klang.

„Also wer ist Lassie?“, fragte Marc feixend.
„Doch nicht etwa der gute Stefan Lässahn? Habt ihr den zum Hund degradiert?“

„Falsch Marc, ganz falsch!“, sagte ich. „Lassie“ ist ein Kosename. Wir lieben Stefan, alle, ausnahmslos. Und es ist gut möglich, dass er mich vom Fall „Brenda“ abzieht und Frank hierher beordert, sobald dieser aus München zurück ist. Er besucht dort ein Seminar und wird in zwei Tagen wieder zurück sein.“

„Nein!“, rief Marc mit energischer Stimme. „Das lasse ich nicht zu. Ich fahre jetzt ins Revier und rufe Stefan von dort aus an. Hier sind die Schlüssel, Nora. Schau dir die Wohnung in Ruhe an. Meinen Nachnamen kennst du ja noch – oder?“

„Sofern du nicht verheiratet bist und den Namen deiner Frau angenommen hast“, sagte ich und lächelte ihn freundlich an, obwohl ich mich ein wenig vor der Antwort fürchtete.

„Trage ich etwa einen Ehering?“, fragte Mark und hielt mir seine nackten, überschlanken Finger vors Gesicht?“

„Ach, würdest du tatsächlich, sofern …?“, fragte ich amüsiert.

„Kommt ganz auf die Frau an“, sagte Mark verlegen und machte sich überraschend schnell aus dem Staub.

Fortsetzung am kommenden Freitag.

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Kommentare

15. Nov 2016

Die Spannung hält sich - und sie wächst!
(Ich wart schon auf den nächsten Text!)

LG Axel

16. Nov 2016

Kommt am Freitagabend - abgemacht.
Bitte Krause sagen, falls die sich schon ins Fäustchen lacht
und nicht daran glaubt.

LG Annelie

16. Nov 2016

Mephista Krause hat "Fäustchen" gekannt!
Die war mit Krause eng verwandt ...
(Krauses Pranken sind riesengroß -
Sie stemmt ja Bier statt Besen bloß ...)

LG Axel