Gefährlicher Sommer (Teil 24)

von Annelie Kelch
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Mit weißen Bäuchen hängen die toten Fische
zwischen Entengrütze und Schilf.
Die Krähen haben Flügel, dem Tod zu entrinnen.
Manchmal weiß ich, dass Gott
am meisten sorgt für das Dasein der Schnecke.
Er baut ihr ein Haus. Uns aber liebt er nicht.
...
(Günter Eich; Ende August)

Waldesleid (Gefährlicher Sommer, Teil 24)

Auch im Herrenhaus war Stille eingekehrt. Wir schlichen uns auf Zehenspitzen die Treppe hinauf und an Helges Zimmer vorbei. Die Holzdielen knarrten verräterisch, und Hannes warf mir einen erschrockenen Blick zu. Einen Moment lang hielten wir den Atem an. Dann öffnete ich leise die Tür zu meiner Kammer und schloss sofort hinter uns ab. Nebenan schnarchte Leni den Sägewerk-Blues. Hannes wähnte sich augenblicklich außer Gefahr, zeigte sein breites Grinsen und ließ sich auf mein Bett fallen.
Diesmal dauerte es nicht allzu lange, bis wir uns auf einen Text geeinigt hatten. Dieser zweite Brief an Helge enthielt allerdings wesentlich brisantere Worte. Immerhin waren wir mittlerweile über die fragwürdigen Aktivitäten des Hoferben im Bilde. Er selbst hatte uns nicht allein durch seine makabere Maskierung den Beweis geliefert, dass er mich ertränken und Kora vermutlich verhungern lassen wollte, liebe Christine. Deshalb taten wir uns, was die Ausdrucksweise betraf, nicht den geringsten Zwang an.
„Lass uns das Kind beim Namen nennen“, flüsterte Hannes. „Rücksicht ist nicht mehr angebracht. Oder willst du, dass wir uns lächerlich machen, Katja?“
„W i r machen uns ganz gewiss nicht lächerlich, Hannes; wir überführen dieses Scheusal“, sagte ich. „Du brauchst nicht zu flüstern, solange Leni schnarcht.“
Nach knapp zwanzig Minuten waren wir uns über den Text einig:
„Helge! Dein Alibi in ,Sachen Knut' steht auf wackligen Beinen. Wir hatten zwischenzeitlich Einsicht in die Strafakten! Die Klamotten, die du bei deinen Streif- und Beutezügen durch den Lachauer Forst zu tragen pflegst, liegen in ,Abrahams Schoß', sprich, auf todsicherem Terrain. Außerdem kennen wir jetzt deinen Komplizen. (Das war ein Bluff, Christine). Deponiere 10.000 Deutsche Mark in bar am kommenden Sonntag (30. Juli), zwischen 14:30 und 15:00 Uhr, am Tatort, nämlich oben auf der Jagdkanzel, auf welcher Knut Knudsen seinen letzten Atemzug tat. Oder Herr Fuchs bekommt umgehend sachdienliche Hinweise. Halali! Mit bösem Gruß: Mr Knowledge! Horrido!“
… Mir lief es eiskalt den Rücken runter, als ich mir unsere Zeilen nochmals durchlas.
„Vier Tage! Vier Tage lang hat dieser Hund Zeit, sich das Geld zu beschaffen“, sagte Hannes. „Was machen wir mit der Knete, Katja? Kommst du mit nach Australien? Wir könnten dort ein neues Leben beginnen. Die Schule hängt mir nämlich kilometerweit zum Halse heraus. Und – also weißt du! Ich finde nicht, dass deine Freun­din Christine auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit Romy Schneider hat.“
Er blitzte mich wütend an. Offenbar fühlte er sich von mir zum Narren gehal­ten.
„Eher noch mit Sonja Ziemann“, schob er zögernd nach. Ich atmete erleichtert auf.
„Na, die sieht doch auch blendend aus“, gab ich neidlos zu.
„Aber ganz davon abgesehen, Hannes, was willst du mit mir in Australien? Schließlich habe auch ich keine Ähnlichkeit mit Romy.“
„Vielleicht, wenn du deinen Pony mal wachsen lässt.“
„Ich bin aber gar nicht scharf darauf, wie Romy auszusehen, schließlich hast du auch nicht die geringste Ähnlichkeit mit meinem Lieblingsschauspieler.“
„Wer?“, fragte Hannes.
„James Dean."
„Der ist doch 1955 verunglückt.“
„Na und?“, sagte ich.
„Was soll eigentlich dieser Blödsinn? Dieses Halali?“ – Hannes' Blick war der­maßen misstrauisch, liebe Christine, als habe er mich in Verdacht, mit Helge gemeinsame Sache zu machen.
Mensch, Hannes, dachte ich, was bist du bloß für ein schwieriger Kerl.
„Das ist kein Geheimcode, Hannes, sondern ein in der ganzen Welt bekannter Jagdruf“, erklärte ich schnell. „Soll Helge doch glauben, dass ihm ein erfahrener Jägersmann auf den Fersen ist.“
„Aber dann auch noch Horrido? Ist das nicht einen Tick zu albern? Muss das sein?“ – Ich nickte heftig.
„Hast du endlich die schwarzen Räuberklamotten aus dem Kuhstall geholt?“
„Klar doch“, sagte Hannes. „Schon lange, bevor wir nach Lübeck gefahren sind. Anderenfalls hätte ich dich ganz sicher nicht ,kleben' lassen, dass sich das stinkende Zeug in ,Abrahams Schoß' befindet.“
„Und wo hast du die Klamotten deponiert?“, wollte ich wissen.
„Och“, sagte Hannes, „die liegen sicher und trocken auf Tante Selmas Dachboden. – Was meinst du, Katja? Ob Helge seine Lumpen bereits vermisst?“ Ich zuckte mit den Schultern.
„Wahrscheinlich nicht. Sonst wäre er vorhin gewiss nicht so selbstbewusst gewesen. Heißhunger auf Kuchen und so! Und wenn du gesehen hättest, mit welchen Blicken er Kora, Konny und mich traktiert hat: kaltherzig wie Eichmann. Als seien wir reif für Schlachtbank! Apropros Klamotten! Ob dieses Versteck eine so gute Idee ist? Hoffentlich findet Helge die Sachen nicht, wenn er wieder mal bei Tante Selma umherlungert. Er glaubt dann womöglich noch, Tante Selma sei ihm auf der Spur und denkt sich einen neuen Anschlag auf sie auf. Übrigens freue mich schon riesig auf Herrn Fuchs.“
„Moment mal“, warf Hannes ein. „Heißt dieser Typ nicht ,Hase'?“ Wir lachten verhalten.

Nebenan knarrten ein paar Sprungfedern. Das Schnarchen war verstummt. Leni hatte sich offenbar von ihrem Lager erho­ben, ein pompöses, altmodisches Sofa. Gleich darauf klappte ihre Tür, und der sanfte Hausdrachen von Gut Lachau stapfte an meiner Kammer vorbei. Wir atmeten erleichtert auf. Gleich darauf hörten wir ein heftiges Pochen, auf das offenbar niemand reagierte. Hannes war zusammengezuckt. Seine Blicke irrten ziellos im kleinen Zimmer umher und blieben am Fenster hängen. Er erweckte den Eindruck, als fühlte er sich ver­folgt, dabei war ich doch diejenige gewesen, die durch den Wald gehetzt worden war.
„Helge!“, schrie Leni mit einem Mal. „Helllllge!“
Wir hörten, wie die Klinke der Tür zu Helges Zimmer heruntergeballert wurde. Leni konnte ausgesprochen rabiat werden, wenn man auf ihre Rufe nicht umgehend reagierte. Die Tür quietschte in den Angeln. Einen Moment später wurde sie wieder geschlossen, und Leni stapfte weiter den Flur entlang und endlich die Treppe hinunter.
„Offenbar ist Helge bereits auf dem Hof“, sagte Hannes. „Wahrscheinlich hat er während der Mittagspause gearbeitet, dieser scheinheilige Kerl. Damit will er bei der Gnädigsten Eindruck schinden, dieser Schleimer. Und hinter ihrem Rücken ermordet er sämliche Gutsverwalter.“
„Mach halblang, Hannes!“, warf ich ein. „Dein Vater lebt schließlich noch.“
„Dem Himmel sei Dank! Aber wie lange wohl noch?“
Er schlug mit den Händen ein

Collage für „Gefährlicher Sommer", Teil 24

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Kommentare

01. Dez 2017

Die Mischung, sie stimmt! Nach wie vor:
Hochspannung trifft auf Humor ...

LG Axel

01. Dez 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar.
Herr Fuchs ist jetzt im Anmarsch, jener Kommissar.

LG Annelie

02. Dez 2017

Danke, lieber Volker, für deinen Kommentar. Ehrlich gesagt: Ich bin genauso gespannt wie du; weiß auch nicht mehr ganz genau bzw. nicht wortwörtlich, wie es weitergeht.

Liebe Grüße,
Annelie

02. Dez 2017

Wieder spannend der Text ...
Annelie-like gelungen die Collage ...
ent- zückend das kleine Mädchen; bist du das?

Liebe Grüße - Marie

02. Dez 2017

Liebe Marie, danke für deinen Kommentar. Ja, das kleine Mädchen war ich - im zweiten Schuljahr. Noch konnten wir lachen, denn wir hatten eine besonders gute Lehrerin: Fräulein Bergenthal, die uns am Ende des dritten Schuljahres leider verließ. Danach verging uns das Lachen.

Liebe Grüße,
Annelie

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