Stadtgang im Mai

von marie mehrfeld
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Du begibst dich auf einen Stadtgang in der Hoffnung auf Begegnung, schiebst dich durch das vielfarbige anonyme Menschengedränge, tauchst neugierig in die Geruchsgassen der Körpergausdünstungen ein, denen du dich auslieferst, dabei fluten unzählige Signale dein Gehirn, du riechst Nelke, Zimt, Angst, Einsamkeit und Alter, Liebe und Neid, der zähe Brei aus Gemurmeltem stülpt sich über die hastende Menge wie ein zu großer Hut, du hörst das Zwölfuhrgeläute, das immer noch mahnend von Kirchentürmen ruft - seid wachsam?, du triffst auf Menschen mit verkabelten Ohren und Blicken, sie reden in voller Lautstärke mit imaginären Freunden oder Feinden in fernen Welten, was geht dich ihr Geplärre an, dein Lächeln erreicht sie nicht, du fühlst dich ausgeschlossen und einsam mitten in der Menge, du bleibst vor dem russischen Geiger stehen, gibst ihm zwei Euro, weil er dich beeindruckt mit der sauber gespielten Händelsonate, unter den Theken der Kaufhäuser lauern immer noch Plastiktüten, denkst du wütend, ein junger Mann lässt dir beim Verlassen des Kaufhauses die Türe an den Kopf knallen, dabei wäre es so einfach gewesen, sie mit einem freundlichen Blick an dich weiter zu geben, und da ist die unauffüllbare Lücke der unermesslich großen Schuld mitten in der Stadt, die Stolpersteine aus Messing mit sehr deutschen Namen, vierzehn waren es im Haus Nummer elf, das heute einen Lampenladen beherbergt, vieles war schlechter, manches war besser damals, vielleicht schaute man sich eher in die Augen und kam ins Gespräch, da war mehr Respekt, wenn man sich begegnete, dazu gelernt haben wir wenig, schon lange hat sich keine Stubenfliege mehr zu dir verirrt, denkst du bestürzt, obwohl du die Fenster selten schließt, von Schmetterlingen in den Gärten ganz zu schweigen, doch allen berechtigten Ängsten zum Trotz kriecht dir eine einsame Schnecke auf dem Asphalt vor die Füße, unerwartete Freude, du nimmst sie behutsam auf und setzt sie im nahen Park aus, damit sie nicht von unachtsamen Füßen zertreten wird, warum nur frisst die Gier die guten Vorsätze stets auf, bevor sie sich verwirklichen, die Zeiten ändern sich eben, sagt man resigniert, stimm nicht stumm ein, pack die Stiere bei den Hörnern und steh auf dagegen, so gut du kannst … mehr fällt mir dazu nicht ein. Denn ich bin genau so verunsichert - und auf Hoffnung angewiesen wie du.

Quelle: Fotos kostenlos, verändert

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92 Seiten / Taschenbuch
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Interne Verweise

Kommentare

16. Mai 2019

Die Schnecke nimmt sich gern die Zeit -
Das scheint grad heute sehr gescheit ...
(Mich macht Frau Krause oft zur Schnecke -
Weshalb ich mich im Schrank VERStecke ...)

LG Axel

17. Mai 2019

Es reicht nicht mehr: „wir handeln –falls“,
uns steht das Wasser bis zum Hals …

LG mit Dank zurück - Marie

16. Mai 2019

Wahrlich lesenswert, Marie!

Ein langer Satz voll mit klugen Wahrheiten.
Und ein kurzer, prägnanter zum Abschluss.
Beide gern gelesen.

LG
Willi

17. Mai 2019

Danke, Willi, ich freue mich über Dein Lob meines Textes!

LG zu Dir - Marie

16. Mai 2019

Liebe Marie,

danke für die vielen deutlichen Bilder, welche Du mit Deinen kunstvollen Zeilen in meinem "Kopfkino" hast erscheinen lassen!

Liebe Grüße vom Alfred

17. Mai 2019

Lieber Alfred, danke, ja, so viel Kopfkino auslösen wie möglich bei diesem überlebenswichtigem Thema …

liebe Grüße zurück - Marie

17. Mai 2019

Liebe Marie, dein Tatsachengedicht macht vieles deutlich, bringts auf den Punkt. Zu den Verunsicherten, zähle ich mich nicht, zu deutlich und klar, das Bild vor meinen Augen und auf Hoffnung angewiesen, bedeutet von Hoffnung abhängig zu sein und das, sind wir vielleicht alle ein Stück weit, wenn nicht, wird es schwer, mit dem vorwärts gehen …

Sei lieb gegrüßt
Soléa

17. Mai 2019

Danke für Deine guten Worte, liebe Soléa. Eindrücke und Gedanken beim Stadtgang bunt aneinander gereiht, wie sie in den Kopf kommen; ich bin schon sehr verunsichert, denn der Verlust der biologischen Vielfalt stellt nach neuster wissenschaftlicher Erkenntnis eine existenzielle Bedrohung der Menschheit dar, die sich schon in nur zehn Jahren bemerkbar machen wird. Das mit der Hoffnung fällt immer schwerer, weil das nötige weltweit koordinierte Handeln nicht in Sicht ist … ein überaus ernstes Thema für uns alle.

Liebe Grüße zurück zu Dir - Marie

17. Mai 2019

Hoi, Marie, toll!
Aber den Überraschungsruf "Hoi" muss ich bei dir lassen, nix anderes als Tollbestes ist bei dir zu denken.
LG Uwr

17. Mai 2019

Freude über Deine urige uwische Reaktion auf meinen Text!

LG zurück - Marie

17. Mai 2019

Wir wissen, dass die Lage ernst ist – und sind nicht fähig, koordiniert zu handeln, obwohl der Untergang droht. Das ist als tragisch zu bezeichnen. Sehr interessant auch, wie Du die Wirkung der Gerüche auf unser Gehirn beschreibst, denen wir ausgesetzt sind, wenn wir uns in Menschenmengen befinden. Guter und wichtiger Essay, Marie.

LG
D.R.

17. Mai 2019

Danke, Detmar, da sind wir einer Meinung. Und das mit unserem Geruchsorgan ist ein Kapitel für sich. Wenn ich einen Menschen nicht riechen kann, mag ich ich ihn meistens auch nicht.

Sei lieb gegrüßt
Marie

18. Mai 2019

Auch dieses Werk hat mir wieder sehr gut gefallen! Es ist wie du schreibst. Ich gehe oftmals bewusst durch die Straßen und muss immer wieder feststellen, dass jeder zwischen all den Geräuschen, heutzutage auch Sprachgewirr und Gerüchen sehr auf sich selbst bedacht ist. Wenige schauen noch auf oder tauschen Blicke aus. Ein neuzeitliches Babylon. Da stumpft etwas ab.

LG Jürgen