Eine Strafe war es nicht …

von marie mehrfeld
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Da waren dunkle Schmuddelecken mit ausrangierten fast borstenlosen Besen über Kopf stehend aneinander gelehnt wie gute alte Freunde neben den sich im Winterschlaf befindlichen Gartengeräten - den messerscharfen Spaten, den grünen Rechen und Hacken, noch mit Resten von Herbsterde geschmückt, wackelige Holzregale gab es für das in runden Gläsern verstaute Eingemachte, darin auch eine augenlose nackte Riesenpuppe mit Porzellankopf und aufgerissenem Lederbalg, die am Boden hockenden zugedeckten Steinguttöpfe mit den eingelegten Gurken waren da und die glitzernde Kohlenschütte neben den verschrumpelten fröhlich keimenden Spätkartoffeln Bamberger Hörnchen vorwiegend fest kochend, überhaupt das gebrochene Licht, das in von Staub umhüllten schlanken Strahlenbahnen geheimnisvolle sparsame Helligkeit auf den mit Messing beschlagenen Übersehkoffer warf, in dem sommers die Wintermäntel eingemottet wurden, auch den ehemals ziegelroten etwas glitschigen Backsteinboden selbst in der Waschküche mit ihren umgestülpten Trögen könnte ich aufmalen, die steilen Steintreppen und das fette Spinnengetier, Wunderwerke von Netzen webend über der mit grauen Tüchern abgedeckten früher mal guten Mahagonianrichte, nicht zu vergessen der Fliegenschrank mit dem Drahtgitter, vom Opa Wilhelm eigenhändig für die verderblichen Speisereste gezimmert, und an der Wand das zerbröselnde Ölbild eines würdigen Ahnen mit nur noch einem linken gütigen Braunauge, dem ich meine Sünden zu beichten pflegte, er hat alles alles verziehen, ach, was vermisse ich diesen urtümlichen Keller der Kindheit mit seiner harzig heimatlichen, nie wieder gefundenen Sinfonie aus Gerüchen vor langer Zeit im Keller meiner Großeltern, in dem ich büßen sollend nicht wollend eingeschlossen war wegen Fehlverhaltens; für viele meiner kleinen und großen Sorgen fand ich in den Stündchen der Einsamkeit dort unten in kindlicher Weise über das Leben philosophierend eine Lösung, nein eine Strafe war es nicht …
Aufgeschrieben am 16. 11. 2017

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Kommentare

16. Nov 2017

Solch kleine Unterwelt, wohl macht sie Sinn -
Man kriegt sie oben sehr schwer hin ...

LG Axel

16. Nov 2017

Genau auf den Punkt bringst du’s wieder einmal.
Von dir nichts zu hören, das wäre fatal ...

Mit Dank und Gruß - Marie

Detmar Roberts
16. Nov 2017

Dein ellenlanger Kindheitskellererinnerungssatz ist plastisch, vergnüglich, farbig und auf eine für dich typische Weise formuliert, sehr gerne gelesen, weckt eigene Erinnerungen.
Grüße - Detmar

16. Nov 2017

Danke, lieber Detmar, freut mich, wenn ich Erinnerungen aufgeweckt habe, hoffentlich sind es gute -

Liebe Grüße - Marie

16. Nov 2017

Liebe Marie, ich kenne sie auch zur Genüge, diese Schmuddelecken; bei mir war 's ein Dachboden. Alles weiß ich noch: Links das Holz, rechts die Kohlen, zwei Dachluken, eine Kommode - und ganz hinten, in einer der Schmuddelecken: ein paar Schulhefte der Kinder unserer Vormieter. Die fand ich am interessantesten, wenn ich nicht grad als kleines Kind vor Angst in Ohnmacht gefallen bin, weil sich in meiner Fantasie der "schwarze Mann" aus einer der doof-dunklen Ecken auf mich stürzen wollte. Ich kann diesen Strafen für nichts und wieder nichts leider immer noch nichts Gutes abgewinnen. Aber schön, dass wenigstens du das einigermaßen heiter überstanden hast.

Liebe Grüße,
Annelie

16. Nov 2017

Danke, Annelie, nicht alle meine Kellererinnerungen sind so gut wie diese, habe mich manchmal auch gegruselt, wie schön sind solche Altbaukeller im Vergleich zu den winzigen Klausen, die zu Neubauwohnungen gehören, die lassen der Phantasie keinen Raum mehr, wenn ich im Keller büßen musste, pflegte mein älterer Bruder mir ein Lied vorzusingen, das ich noch kann - heule, heule nur vergebens, alle Tränen deines Lebens fließen in ein Kellerloch, deine Hiebe kriegst du doch ...

Liebe ganz oberirdische Grüße - Marie

16. Nov 2017

Ach, das ist ja interessant, liebe Marie, dass du auch so einen "netten" Tröster gehabt hast. Ich hatte auch so 'ne "Nette": Meine ältere Schwester. Die fuhr in etwa die gleiche Schiene. Aber über das Lied (s. bitte oben) konnte ich eben lachen.

Liebe Grüße,
Annelie

16. Nov 2017

Ich seh meines Opas Keller. Es gibt ihn noch, liebe Marie. Meine Schwester wohnt heute im Haus. Er ist auf,- und umgeräumt bis auf die Erinnerungen. Sie bleiben ...

Herzliche Grüße und gute Nacht
Soléa

17. Nov 2017

Danke, liebe Soléa, ja, die Erinnerungen bleiben auch nach den Aufräumaktionen ...

Liebe Grü0e - Marie

17. Nov 2017

Dieser eine Satz lässt im Kopf das Kelleruniversum einer Kindheit entstehen. So detailliert, dass ich annehmen könnte, da sitzt just in diesem Moment ein talentiertes Kind und beschreibt auf kunstvolle Art mit allen Sinnen seine Umgebung. Beeindruckende Wortmalerei.

LG Monika

17. Nov 2017

Danke, Monika, schöne Formulierung!, ja, diese Erinnerung war plötzlich so intensiv aufgeflackert, dass die Worte von alleine flossen ...

Liebe Grüße - Marie