Gefährlicher Sommer (Teil 12) - Page 3

von Annelie Kelch
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bloß alle?
Es wurde enger und enger zwischen den stummen Tannen; der Wald versank mehr und mehr in nachtgraue Finsternis, und durch die verästelten Fichten geisterte ein ge­spenstischer Zauber, als hätte ich die Natur mit meiner dämonischen Angst angesteckt. Die hohen alten Bäume schwankten in der nebulösen Däm­merung hin und her. Dann wieder kam es mir so vor, als taumelten sie mir entgegen. Bevor sie mich erreichten und erschlagen konnten, verwandelten sie sich in Schattenbilder, in durchsichtige, lichtgraue Schemen, die vor meinen Augen verschwammen. Dann bewegten sie sich wieder wie in Trance, um im nächsten Moment unbeirrbar auf mich zuzustürzen und mich zu umkreisen, als suchten sie Schutz in meiner Nähe – ausgerech­net bei mir, die seit fünf Minuten das hilfloseste Ge­schöpf von der ganzen Welt war: eine arme Irre, die über den unebenen Wurzelgrund fegte, den Atem einer fiesen Bestie im Nacken. – Wann stolpert dieser Unhold endlich und bricht sich das Genick?, dachte ich verzweifelt.
Irgendwo tiefer im Wald wütete der robuste Schnabel eines Spechts – vermutlich malträtierte er einen Baumstamm zwecks Familiengründung, obwohl diese Tiere auch vor Haus­wänden nicht haltmachen; aber hier gab es leider keine Mauern, keine einzige, hinter der ich mich in Sicherheit bringen konnte. Der Lachauer Forst bebte. Es hörte sich an, als sei dem Piepmatz ein Meißel aus dem Vogel­kopf gewachsen. Wieso bekam dieser kleine Kerl eigentlich kein Schleudertrauma? Ich musste Konny das un­bedingt fragen, falls ich hier lebend ... oder in die Bibliothek der Gnädigsten, die reichlich bestückt war.

Die Sonne hatte sich hinter die riesigen Baumwipfel geflüchtet, als schämte sie sich mitansehen zu müssen, wie der Tod hinter mir herhetzte. Nur noch wenige Lichtstrahlen fielen auf die mit graugrünem Moos überwucherten Pfade, die sich urplötzlich in dornenreiches, schulterho­hes Gestrüpp zu verlieren schienen, um sich jenseits des struppigen Dickichts zu kultivierten Waldwegen aufzublähen, auf denen eine vierköpfige Familie bequem neben­einander hätte entlangwandern können. Die Freude über diese wundersame Entfaltung hielt nicht lange an, weil sich die ganze Chose wiederholte. Der Weg wurde plötzlich enger und en­ger, degenerierte zum schmalen Pfad und verlor sich Hals über Kopf in einem dschungelartigen Buschwerk.
Ich tat so, als gäbe es keine Schlaglöcher und Erdbuckel, als verhedderten sich die störrischen Zweige und Ranken keinesfalls in den Speichen der Räder, als würde hin­ter der nächsten Biegung kein weiteres Gesträuch wie aus dem Nichts vor mir auftau­chen.
Nach wie vor drang der keuchende Atem meines Verfolgers an mein Ohr, spürte ich den heißen Lufthauch seiner Hatz im Nacken, vernahm ich das tappende kurze Geräusch seiner Laufsohlen, die im Geichmaß über den Waldboden federten.
Die finsteren Tannen und Kiefern hofften auf Abwechslung und gierten nach roten Farbtupfern in ihrem ewig grünen Alltag; sie lechzten nach meinem Blut und frohlock­ten: „Sie schafft es nicht, sie schafft es nicht, sie schafft ...“
Ein Eichelhäher flog plötzlich neben mir auf und erschreckte mich mit seinem hysterischen Gekreisch: rätsch, rätsch, chrää, chrää, rätsch, hiäh ..., als sei nicht ich, sondern er in Gefahr. Oder sollte das ein Warn­ruf sein? Hatte ich die Gefiederten auf meiner Seite? – Wohl kaum, denn nur wenig später ertönte das hämisch-helle Gekicher des Grünspechts über meinem verschwitzten Haupt! Es klang unmenschlich menschlich, wie beißender Spott. War ich in einen Märchenwald mit sprechenden Vögeln geraten? (... was unter normalen Um­ständen ein Geschenk des Himmels gewesen wäre, liebe Christine.)
Wahrscheinlich eine Spottdrossel, die den Eichelhäher nach­äfft, beruhigte ich mich.

Weiter, schneller; weiter, Katja, nicht innehalten; auf gar keinen Fall umdrehn, ermahnte ich mich von Zeit zu Zeit, wenn ich in Versuchung geriet, meinen Kopf zu wenden, um ein Auge auf meinen Verfolger zu werfen. Aber ich durfte keine Sekunde verlieren, jede einzelne war so kostbar wie mein Le­ben, das ich durch die geringste Zeitverzögerung verlieren konnte.
Wohin die Höllen­fahrt ging, war mir schnurzegal, nur weit genug weg von Luzifer, der mir seinen wider­lichen Atem ins Genick blies. Wenn bloß Lenis Fahrrad nicht plötzlich den Geist aufgibt! Ich trat dermaßen heftig in die Pedale, dass ich hin und wieder ins Schleudern geriet, und ständig vernahm ich das Spritzen von Wurzelstücken, winzigen Stein­chen und Holzschnipseln gegen die Radkappen.

Unvermittelt tauchte ein Brombeergestrüpp mit rabenschwarz funkelnden Früchten zwischen den kniehohen Grashalmen auf. Vermutlich steckte das unverschämte Rumpel­stilzchen dahinter. Es hatte den fiesen Strauch aus dem Erdboden gestampft, um meine Flucht zu verhindern. An Ausweichen war überhaupt nicht zu denken.

Ich raste durch das schmerzhaft peitschende Gestrüpp und wenige Sekunden später an einer verfallenen Jagdhütte vorbei, deren Fenster mit maroden Brettern zugenagelt waren. Die vergammelte Tür hing aus den Angeln und gab den Blick auf ein zweifelhaftes Dunkel frei. Um diese marode Ruine hätte selbst Hannes einen weiten Bogen geschlagen; dazu wäre noch nicht mal ein Verfolger nötig gewesen. Kora hätte ver­mutlich einen hysterischen Anfall erlitten, während Konny wie ein armer Irrer an dieser Bruchbude vorbeigerast wäre – um sich später bei seinem Onkel Axel zu beschweren und ihn mit em­pörter Stimme aufzufordern, dieses dubiose Etablissement umge­hend abreißen zu lassen, weil es zwielichtigen Gestalten zum Versteck dienen könnte. Und überhaupt: Was habe eine derart schauderhafte Kaschemme im Lachauer Forst zu suchen? – Wie bitte, Herr Gutsinspektor? Harmlose Schäferhütte? Dass er nicht lache!
Bei diesen Gedanken stieg die Erinnerung an einen Halunken im Bannkreis von Tom Sayer und Huckleberry Finn in mir hoch: Indianer-Joe. Der hatte doch auch eine Untat in einer vergammelten Hütte begangen. Fällt dir dazu etwas Sinnvolles ein, liebe Christine?

Ich raste schlingernden Rades und mit gesenktem Kopf durch Brombeerran­ken, die zäh wie Stacheldraht waren. Was blieb mir anderes übrig? Postwendend – hic et nunc – hätte Konny gesagt, unterbrach ein knackendes Geräusch den vermeintli­chen Frieden im Lachauer Forst: eines dieser sperrigen Exemplare hatte sich in den Speichen des Hinterrades ver­heddert. Lenis alter Gaul schepper­te dermaßen laut, als hingen leere Milchkannen am Lenker. Es knackte, ratterte und knirschte, und die ver­heerenden Gedanken stellten sich ganz von selbst ein: ... ricke-racke, ricke-racke, geht die Mühle mit Geknacke, schoss es mir durch den Kopf. ... hier kann man sie noch erblicken: fein geschroten und in Stücken. Max und Moritz natürlich – und Katja Kleve, die dämlich genug war,

Meine Collage, Teil 12

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Kommentare

17. Aug 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar;
das Cover zu erstellen fast das Schönste war.
Den Text zu schreiben, fand ich (damals) nicht grad leicht.
Die bange Frage war, ob er die Leser auch erreicht.

LG Annelie

17. Aug 2017

Das wird ein spannender Jugendthriller, Annelie, und viel gelesen, da bin ich mir sicher.

Liebe Grüße - Marie

17. Aug 2017

Dank dir, Marie, für deinen enthusiastischen Kommentar.
Ich oftmals nahe am Verzweifeln war.
Bei jeder Durchsicht fand ich "Dies und Das".
Nicht immer brachte mir das Schreiben Spaß.

Liebe Grüße,
Annelie

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