Wozu Paris? Eine Liebeserklärung

von Sven Habermann
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Ich muss dort nicht hin. Du bist dort nicht.

Die Rue Madame entlanglaufen, bis zur Hausnummer 29, das Haus sehen, in dem Camus zuletzt mit Francine und den beiden Kindern Jean und Catherine wohnte.
In die Provence, Camus Haus in Lourmarin. Das kitschig geschmückte Grab. Die Menschen fühlen dort so.
Was will ich in Rom? Auch dort bist du nicht. Montaigne war da. Ich würde auf dem Weg dorthin angenehmer Reisen, nicht so lange unterwegs sein und hätte hoffentlich nicht die mich plagende Gesundheit im Nacken.

Prag will ich sehen, die goldene Stadt, warum auch immer ich sie sehen will, warum auch immer sie golden sein soll.
Ich sah Bilder und Filme, Kafka hat die Stadt kaum verlassen. Dort würde ich hin wollen, vielleicht nicht wieder wegwollen.
Auch wenn Du dort nicht bist.

Wir waren Kinder als wir mit unseren Eltern Verdun besichtigten. Ein geschichtsträchtiger Ort, sagte Vater. Welcher Ort ist das nicht.
Überall auf der Welt, wo der Mensch sein Unwesen trieb und weiterhin auskeimt, ist Historie angefüllt mit blutverschmierten Geschichten.
Nur, wo es am krudesten ablief, wird es der Erinnerung gewahr und ihr erhalten. Selbst an diesen Orten, in diesen Zeiten, wird es zarte, kaum spürbare Erinnerungen gegeben haben. Geraubt vom Massensterben und Massenleben der bedeutenden Ideen der Geschichte. Das Foto seiner kleinen Töchter in der Hand eines weinenden Vaters im Schtzngrmm. t-t-t-t. t-t-t-t. t-t-t-t, wie es in dem Gedicht von Ernst Jandl nicht besser dargestellt sein könnte. In „Stahlgewittern“ nennt es Ernst Jünger. Komm Vater, erzähl vom Krieg. Heute ist „Fun“ das Stahlbad, sagte Adorno.

Zarte, kaum spürbare Erinnerungen, die niemanden interessieren, weil sie zu gering spürbar sind für eine Massentauglichkeit.Gerne würde ich die Heideggerhütte im Schwarzwald sehen, in den billigen Hotels absteigen, welche Sartre und Simone de Beauvoir beherbergten. In besagten Cafés sitzen und Camus lesen. Auch dort bist Du nicht. Wie lange fährt man, bis das ursprüngliche Velebitgebirge erreicht ist, die Berghütte Zavižan? Was würde mich dort erwarten? Warum würde ich eigentlich überhaupt irgendwo hin wollen?

Ich bekomme kein Kopfweh. Hier ist meine Heimat, die - alltäglich - nicht mehr auffällt. Ich habe kein Fernweh. Wo ist hier der Anteil am Schönen? Wie kann ich Dinge anders sehen? Ich möchte hier erleben, was ich noch nicht erlebt habe. Werde Dinge tun müssen, die ich noch nicht getan habe.
Wie lange fährt man nach Sokolov? Vielleicht habe ich Fernweh nach dort, zu meinen familiären Wurzeln. Davon wurde nie ausführlich erzählt. Vielleicht doch und ich war zu jung, um mich dafür zu interessieren. Ich hätte fragen sollen. Kopfweh bereitet mir das nicht.

Vor der einfachen Dönerhütte, in einem Kaff im Odenwald, wo der Tee nie etwas kostet, ist der Bosporus. Die Gastfreundschaft des Orients. Die flachen Dächer der gegenüberliegenden Konsumindustrie lassen selbst die Frühjahressonne spät niedergehen. Was soll in Istanbul besser sein? Besser als in dem Mühlen-Café, in dem ich mit dir saß? In einem unbedeutenden Ort am Rande des Odenwalds, nahe des Taubertals. Dort konnte ich es erkennen, erfahren, begreifen. Du warst da. Weil ich bei mir war.

Wozu Berlin, wenn ich an einer Schlucht über dem Taubertal sitze. Du bist da. Ich lese, schaue über das Tal, höre Dir zu.
Gegenüber, auf der anderen Seite des Tales, soll es schließlich noch einen bezaubernden Ort geben, dem die Sonne zufließt, bis sie, ohne flache Dächer einer Industrie, hinter der Landschaft, hinter uns, versinkt.

Im Wartburger Hof wird deutsches Essen und selbst gebrautes Bier gereicht. Sollte ich dafür nach Wartburg, KwaZulu-Natal, reisen? Besudelnde Deutsche Kolonialgeschichte in Südafrika. Die Menschen dort leben vom Ethnotourismus. Ein Reisen würde helfen. Das ist so in einer wirtschaftlich globalisierten Welt. Ihr ist nicht auszukommen. Könntest du dort sein? Vielleicht würde ich dortbleiben. Ich möchte es nicht herausfinden.

Möchte anfangen, Dinge zu tun, die ich nie getan habe. Augenblicke erleben, die ich noch nicht erleben durfte.
Menschen treffen, die nahe sind, echte Familiarität. Sie ist nicht vererbbar. Ihnen mit Aufmerksamkeit begegnen bis mein Menschenpensum erreicht ist.
Der Anteil am Schönen liegt dort, wo ich ihn entdecke. Den Alltag erkennend, durch ihn hindurchsehend.
Ein Schauen. Manchmal ist Sehen nicht genug. Ein vollständiges Innehalten.

Und es ist egal, wo ich bin. Ich selbst bin es, den ich immer bei mir habe.

Auch in Paris.

Ich bin da und du bist bei mir.

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Interne Verweise

Kommentare

17. Dez 2017

Ein sehr guter und, wie ich meine, auch kluger Essay, Sven. Ich habe ihn mit sehr großem Vergnügen gelesen. Und er hat mich ganz stark an ein Gedicht von Gottfried Benn erinnert:

GOTTFRIED BENN

Reisen

Meinen Sie Zürich zum Beispiel
sei eine tiefere Stadt,
wo man Wunder und Weihen
immer als Inhalt hat?

Meinen Sie, aus Habana,
weiß und hibiskusrot,
bräche ein ewiges Manna
für Ihre Wüstennot ?

Bahnhofstraßen und Rueen,
Boulevards, Lidos, Laan −
selbst auf den Fifth Avenueen
fällt Sie die Leere an −

Ach, vergeblich das Fahren!
Spät erst erfahren Sie sich:
bleiben und Stille bewahren
das sich umgrenzende Ich.

LG Annelie

17. Dez 2017

Danke Dir, Annelie!
Wenn es Vergnügen bereitet, mein Schreiben, dann weiß ich, warum ich Schreibe.
Vergnügen bereitete mir das Gedicht.

Sven