Der Tag an dem ich mit Angela Merkel schlief

von Lothar Peppel
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Es muss ein Donnerstagmorgen gewesen sein. Oder ein Freitagmorgen. Mein Wecker schrie schrill und unbarmherzig und mein Hirn schaltete sich ein, um meine Beine aus dem Bett zu werfen, worauf die daran hängenden Füße in einem noch halb gefüllten Topf Chili con Carne landeten. Und ich spürte instinktiv: Lothar, dies wird nicht dein Tag. Was ja für mich nicht unbedingt eine mir unbekannte Erkenntnis darstellte. Schließlich, ich hatte in meinem bisherigen Leben schon unzählige blaue Augen, gebrochene Herzen und offene Magengeschwüre, aber eben ganz, ganz selten meine Tage. Doch an jenem Donnerstag-, oder auch Freitagmorgen, da hatte ich so eine Ahnung zwischen den Geschwüren, während ich die Biere vom Vorabend per Penis ins Klosett kippte: dieser Tag wird garantiert blutig. Und das lag sicher nicht an den rotgeäderten Augen, die mir schläfrig aus dem Spiegel in die rotgeäderten Augen schauten. Und so schaufelte ich ziemlich beunruhigt mein Müsli in den Rachen, kaute lustlos am Kaffee herum und war sowieso ziemlich durcheinander, da ich in der beim Nachbarn geklauten Zeitung las, die Wahlen würden vorgezogen. Und Wahlen machten mich immer so was von fertig. Denn ich wusste, nach jeder Wahl, da wurde mein Leben immer einen großen Haufen scheisser. Um meine Stimmung aufzuhellen ersetzte ich den Kaffee durch eine Flasche Weißwein. Da dieser sehr trocken war, und um den stimmungsstimulierenden Weißmacher noch zu potenzieren, spülte ich mit Weißbier nach. Was dazu führte, dass ich statt meiner Zähne, die den Augen gleichsam rotgeäderte Nase mit Blendamed putzte. So präpariert und trotz aller Bedenken begab ich mich ins Büro. Wo für mich ein klitzekleiner Lichtblick das Licht der Welt erblickte, denn ein Kollege glaubte, er hätte wohl Geburtstag. Und der Whisky, den Kollege Runkewald zum Besten gab, war schließlich alt genug, um zu wissen was er tat, mit mir. An jenem Donnerstag- oder Freitagmorgen. Und nach sechs, sieben Kaffeepötten voller Malzigem waren alle angestammten Antisympathien vergessen. Jedenfalls fast. Wir einigten uns darauf, nur der Chef sei ein Arsch. Die Mittagspause verbrachten wir im Pub an der Ecke. Es gab, so wähne ich mich zu erinnern, irisches Bier und Hammelhoden. Nicht schlecht. Wenn man irisches Bier mag. Wieder im Büro angeschwankt, ließ man den Schreibkram einen guten Mann sein, denn irgendwer hatte in seiner Schublade eine Buddel Rum gefunden. Und so wurde der Arbeitstag gegen alle anfänglichen Bedenken doch noch so normal wie nur möglich. Irgendwann schrie Irgendwer irgendwas von Feierabend. Und irgendwie landete ich wieder im Pub. Und nun kommt der hypothetische Teil der Geschichte. Hypothetisch deshalb, weil er nur auf Zeugenaussagen beruht. Und auf polizeilichen Protokollen. In der Zeit von “ich weiß nicht mehr” bis “keine Ahnung” muss ich wohl an jene Mauer gelangt sein, die wegen der verdammten Wahl mit Wahlplakaten plakativ zuplakatiert war. Vielleicht wollte ich mich nur erleichtern, vielleicht war ich einfach auch nur blau. Man fand mich jedenfalls mit heruntergelassener Hose und blutig gestoßenem Penis vor einem Plakat der CDU liegend. Das Plakat zeigte Angela Merkel. Und an der Stelle, an der man den Beweis vermutete, sie wäre eine Frau, klaffte ein riesiges Loch in der Wand. Doch was die Beamten am meisten verwunderte, waren die noch warmen Hammelhoden in meinen Hosentaschen. Und das Chili con Carne in meinen Socken. Und der Chefarzt, ein Kerl mit einem Gemüt wie ein Bernhardiner des Lawinenschutzes, klopfte mir auf den bandagierten Unterleib und sagte freundlich: „Junge, das musste aufschreiben!“.

(2005)

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