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Die tausendjährige Stadt - Erinnerungen - Page 2

Bild von Willi Grigor
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nichts. Das kleine Kino war voll. Frauen waren in der Mehrzahl. Bereits während der Wochenschau machte sich ein beißender Knoblauchgeruch hinter uns bemerkbar. Die Oma war vorbereitet. Sie holte "Kölnisch Wasser" aus der Handtasche.
Der Film war kein erhoffter Heimatfilm. Es waren nur unbekannte Schauspieler, die mehr sangen als sprachen. Auf englisch, auf jeden Fall konnten wir sie nicht verstehen. Wir waren froh, als wir das Kino wieder verlassen durften. In diesem Kino in Dinkelsbühl habe ich also meine erste (und bisher immer noch letzte) Oper gesehen bzw. durchlitten.
Die 2,5 km zurück ins Dorf war ein dunkler Nachtmarsch. Oma und Großtante waren, wie fast immer, schwarz gekleidet, auch auf dem Kopf. Beide haben Mann und zwei Söhne am Ende des Krieges in Polen verloren. Ich ging dicht an ihnen, damit ich sie nicht verlor. Das einzige Licht, das wir sahen, kam von den Sternen. Bei diesem Nachtspaziergang begann meine Liebe zur Milchstraße, behaupte ich oft.
Dieser erste Besuch in Segringen mit den Abstechern nach Dinkelsbühl bewirkte, dass sich meine Sehnsuchtsträume in Düsseldorf milderten.

Nach der Lehre als technischer Zeichner im Anlagenbau wurde ich regelmäßig zu Kunden geschickt, um an Rohrleitungsprojekten mitzuwirken. In Erlangen war ich zusammengerechnet mehrere Jahre. Von Erlangen nach Dinkelsbühl sind es nur 1,5 Autostunden. Ich machte den Führerschein und fuhr mit einem Leihwagen regelmäßig nach Dinkelsbühl.
(Die erste Fahrt nach dem Führerschein ging nach Dinkelsbühl. Mit dem etwa 10jährigen, jüngeren Sohn des Onkels wollte ich einen kleine Spazierfahrt machen. Wir stiegen ein, ich ließ stolz den Motor an, drehte den Kopf nach hinten um den VW sicher durch das schmale Tor zu manövrieren. Rückwärtsgang rein, Gas geben - das Auto bewegte sich nicht. Noch ein Versuch mit gleichem Resultat. Mir wurde warm. "Da muss ein Stein unter einem Rad liegen, Klausi." erklärte ich dem Jungen. Wir stiegen aus und schauten. Kein Stein unter den Rädern. Mir wurde wärmer. Da sagte der sommersprossige Dreikäsehoch: "Vielleicht hast du die Handbremse angezogen." So war es!)
Onkel Jakob war mittlerweile verheiratet, hatte zwei lebendige Jungs sowie ein Haus in einer neuen Siedlung nahe der Stadtmauer sowie eine ordentliche Arbeit. Die Gemeinde stellte eine Bedingung, die die neuen Siedler - viele davon Flüchtlinge - gerne annahmen: Im Garten ein Gebäude für ein Schwein und einige Hühner. Ein Stück Land auf der anderen Seite der Altstadt konnte erworben werden, was Jakob tat. So kurz nach den Entbehrungen während und nach dem Krieg war es gut, sich eigenes Gemüse ziehen zu können. Das Haus hatte damals zwei Wohnungen, gerade groß genug für seine Familie (unteres Stockwerk) und seine Mutter und deren Schwester sowie die Schwiegereltern (oberes).
Der Sonntagsfrühschoppen im "Braunen Hirsch" oder der "Goldenen Rose" mit Onkel Jakob war Tradition. Hier tranken wir gutes Weizenbier zu ebenso guten Gesprächen. Ohne zu übertreiben will ich sagen: der jüngere Bruder meiner Mutter gab mir, einem jungen, etwas unsicheren Mann, bei diesen Gesprächen eine nicht unbedeutende Lebenshilfe. Ich war mittlerweile alt genug für eine feste Beziehung, hatte aber keine, und auch keine Ahnung, wie und wo ich mein Leben gestalten sollte. Jakob fand immer gute Worte auf meine Fragen. Nach dem Schoppen sahen wir den frisch gegrillten Hähnchen von Tante Herta entgegen, die wohl von keinem Wirtshaus besser gemacht wurden.
Im Mai 1970 löste sich das "Beziehungsproblem", ohne dass der Onkel aktiv eingreifen musste.
Stolz fuhr ich einige Male mit meinem Schwedenmädel - nun von Ravensburg - nach Dinkelsbühl, zur Schulzfamilie. Wir schliefen gut in dem ehemaligen Schweinestall im Garten, der umgebaut und mit einem Bett versehen war. Es reichte für ein frisch verliebtes Paar.

Jakob ging nie in eine Wirtschaft - außer wenn Verwandtschaft kam. Da machte man gerne einen gemeinsamen Besuch in einem der vielen hervorragenden Gasthäusern der Altstadt, z. B. im "Deutschen Haus", in der "Goldenen Krone" (inoffiziell "Beim Janka") oder den beiden oben genannten.
Er war immer ein ausgesprochener Familienmensch, immer für einen guten Spruch bereit. Ich habe ihn nie aufgebracht oder missmutig erlebt, stets freundlich und gut gelaunt. Ich erinnere mich an ein kurzes Gespräch mit Onkel Jakob, ich war vier oder fünf Jahre alt. Aus irgendeinem Grund gab er mir die Ermahnung: "Willi, man muss die Wahrheit sagen, sag die Wahrheit." Und ich sagte ihm wortgemäß: "Die Wahrheit."
Dieses "Willi, sag die Wahrheit." wurde für uns eine Art Begrüßungswort, wenn wir ins trafen.

Jakobs (gutes) Leben bestand aus Arbeit und dem frohen Umgang mit seiner Familie und den jedes Jahr zu Besuch kommenden Verwandten. Seine wenigen eigenen Reisen (dann immer mit Frau) beschränkten sich auf Kurzbesuche in Düsseldorf und Salzgitter zu den nächsten Verwandten.
Im Februar 2019 wurde Jakob 93 Jahre alt. Er wohnt mit seiner Herta in seiner Wohnung des Hauses, das er einmal zu einem großen Teil selbst gebaut hatte. Sein jüngerer Sohn hat es übernommen und erweitert. Nun wohnt er mit seiner Familie zusammen mit seinen Eltern - so wie diese vorher mit ihren Eltern. Ein besseres Zeichen von enger Familienverbundenheit gibt es wohl nicht.

Kinderzeche - Ein historisches Festspiel
Zur "Kinderzeche" Juli war ein Dinkelsbühlbesuch ein Muss, wenn ich in Erlangen arbeitete. Allein oder mit Jakob spazierte ich durch das Städtchen, das sich in Festkleidung und guter Laune zeigte. Man trank "a Maß" Weizen, schaute den Umzug und das Festspiel (zum Gedenken eines nicht belegten Ereignisses im 30jährigen Krieg) an und lauschte der traditionellen Dinkelsbühler Knabenkapelle, die sich einen guten Ruf in vielen Ländern erspielt hat.
Das Wörnitztor spielt beim historischen Festspiel eine besondere Rolle:
Dem feindlichen Obristen wird das Tor geöffnet.
Der Rat empfängt die Schweden.
Der Zug der Kinder - mit der Kinderlore (Kindermädchen) - naht unter Glockengeläut.
Die Kinder flehen um Gnade.
Der Obrist lässt sich erweichen.
Die schwedischen Truppen marschieren ein, ohne die Stadt zu zerstören.
*
Die Kinderzeche ist ein historisches Kinder- und Heimatfest in der früheren Reichsstadt Dinkelsbühl. Der Ursprung des ehemaligen Schulfestes lag wohl in der Gründung der Lateinschulen in den Städten des Schwäbischen Städtebundes bzw. Schwäbischen Reichskreises um das Jahr 1500. Da sich die Kinderzeche aus einem Schulfest heraus entwickelte, was zu einer hohen Beteiligung von Kindern und Jugendlichen geführt hat, sind das historische Festspiel und der Umzug durch die Stadt heute ein fester Bestandteil des kollektiven Bewusstseins der Bevölkerung. Dinkelsbühler Bürger aller Generationen feiern die historisch unbelegte Geschichte, dass ein Kindermädchen (Kinderlore) mit einer Gruppe von Kindern vermochte, was alle Ratsherren nicht schafften: Während des Dreißigjährigen Krieges die schwedischen Eroberer (Obrist Sperreuth) davon abzubringen, die Stadt zu zerstören und auszuplündern. Aufgrund der Veranstaltungen und Begegnungen über das reine Festspiel und den Umzug hinaus (z. B. „Schwedenlager“ vor der Stadt) gewinnt das Anziehen und sich Bewegen in der Kleidung aus dem 17. Jahrhundert eine immer größere Rolle für die Beteiligten. (Wikipedia)

Ein wichtiger Bestandsteil der Kinderzeche ist auch die Dinkelsbühler Knabenkapelle.
1868 wurde die inzwischen weit über Dinkelsbühl hinaus bekannte Knabenkapelle gegründet. Sie war 20 Mann stark und trug ebenfalls „schwedische Uniformen“, weshalb sie „Schwedenmusik“ genannt wurde. Heute zählt sie 120 Mitglieder und trägt die gleichen Uniformen wie das sogenannte Knabenbataillon, die Rokokouniformen des Regiments Baden-Durlach, dem Dinkelsbühl zur Reichsstadtzeit angehörte. (Wikipedia)
*
Ich fühle mich ein bisschen verwandt mit der Kinderzeche - sie und ich haben eine Anbindung an Schweden. Ein gnädiges Schicksal wollte, dass ich im Mai 1970 in Ravensburg eine Schwedin kennenlernte. Ich wurde berufsbedingt für ein knappes Jahr zu einer dortigen Firma geschickt. Dort befand sich bereits diese Frau aus einem gleichartigen Grund. Sie brachte Harmonie in meine unruhige Seele. In "jenem Blumenmai" änderte sich mein Leben.
Sie fuhr zurück nach Schweden, ich nach Düsseldorf. Sie kam zurück nach Deutschland, wir wohnten vier Jahre im schönen Königstein/Taunus.
Und das Schicksal meinte es noch einmal gut mit mir, uns: 1975 führte es uns für immer nach Schweden. (Zwei Kernkraftwerke dort haben mitgeholfen.) Nun kamen Verwandte nicht nur zur Schulzfamilie in Dinkelsbühl, sondern auch zu uns. Sogar Jakob und seine Herta gaben uns einmal die Ehre.

Wir werden alle älter, manche verstarben. Die Besuche schlafen langsam aber sicher ein, in beiden Richtungen.
Unser letzter Besuch in Dinkelsbühl, der malerischen tausendjährigen Stadt, war 2014. Jakob und seine Herta waren - und sind es noch - körperlich wohlauf.
War es unser letzter Besuch?

***

Ich kenne Städte auf der Erde,
die niemals ich vergessen werde.
So eine ist, sagt mein Gefühl,
die Kleinstadt in Bayern, mein Dinkelsbühl.

Sie ist die Stadt, an die ich stets denke,
zu ihr ich meine Erinnerung lenke.
Hier die Familie und die Verwandten
in Segringen ein Zuhause fanden.

Dies ist jetzt alles gut siebzig Jahr' her,
man wurde älter, manche leben nicht mehr,
die Geschwister wohnen an verschiedenen Orten.
Eine Kurzbiographie in wenigen Worten.

Nur Onkel Jakob blieb in Dinkelsbühl wohnen,
und dies sollte sich für uns andere lohnen.
Sein Haus wurde Treffpunkt für Neffen, Geschwister ...
und er auf die Weise "Familienminister".

Familien werden größer, das lässt sich nicht ändern,
nun kommen Verwandte auch aus fernen Ländern.
Ein Hauptanlass ist, und das ganz primär:
Die Großfamilie Schulz, sie ist populär.

Wir mögen die Stadt mit den Mauern und Türmen,
die einstmals die Schweden wollten erstürmen.
Doch friedlich sie zogen durch Dinkelsbühls Tore,
weil Kinder d'rum baten, sowie ihre Lore.

Nur hier - auf der Erde riesigen Fläche -
man feiert das Schwedenfest "Kinderzeche".
Aus Dinkelsbühl stammt auch die stets aktuelle
und unübertroffene Knabenkapelle.

Gründe gibt's viele die Stadt zu besuchen,
sei's nur für 'nen Kaffee mit Sahne und Kuchen.
Sie alle mir taugen als Bindung und Kitt
zu Dinkelsbühl, meinem Stadtfavorit.

***

© Willi Grigor, 2018

Ein empfehlenswerter Stummfilm aus einem aktiven Dinkelsbühl in den 30er Jahren:
http://film.assets.ushmm.org/MP4/RG602673_05132004_1050.mp4
(Die ersten 74 Sekunden überspringen, uninteressante Bauarbeitsszenen außerhalb Dinkelsbühl.)
Den Link erhielt ich von Hans Eisenhauer, danke dafür.

Siehe auch:
literatpro.de/prosa/100418/de-2011-zurueck-im-dorf-der-kindheit

Übrige Gedichte und Prosa siehe:
https://www.literatpro.de/willi-grigor

Oben: Wörnitztor, mit Löwenbrunnen am Altrathausplatz Unten: Blick vom Segringer Tor zur St.-Georgs-Kirche - Foto W. Grigor

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Interne Verweise

Kommentare

18. Jun 2019

"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können."

Jean Paul

18. Jun 2019

Ein Satz, der froh stimmt!
Danke, dass Du ihn mir geschickt hast, Axel.

LG
Willi

18. Jun 2019

Axels Zitat (des Ausspruchs von Jean Paul) schließe ich mich an; und Deine sehnsuchtsvolle, vielfältige, auch in gute Verse verpackte Erinnerung an Heimat, Kindheit, an einen bestimmtem Ort, an Menschen von damals – habe ich (wieder) mit großer Begeisterung gelesen, lieber Willi!

LG Marie

18. Jun 2019

Liebe Marie,
Du hast eine mitfühlende Ausdrucksweise,
die Stärke und Freude verleiht.
Das ist eine große Gabe.

Herzliche Grüße aus einem dazu passenden Plätzchen
Willi

19. Jun 2019

Ganz großes Kino !
HG Olaf

19. Jun 2019

Verbuche ich als einen positiven Kommentar,
und bedanke mich dafür, Olaf.

Viele Grüße
Willi

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