Der mantellose Nietzsche - Page 2

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in welcher sie auch schon einen Höhepunkt gehabt hatte. Glück hatte für Madame Treugeböhler-Zabeltitz einen süßen Namen: Hüttenkäse!

Heute musste sie in der ererbten Firma des lange schon verstorbenen Vaters Entlassungen vornehmen, daher glitschte sie gute 48 Minuten im Hüttenkäse, bis sie sich dann endlich entschloss, die unangenehme Pflicht hinter sich zu bringen. Eines Tages würde sie sich, so ihre Gedanken während der Fahrt zur Firma, ein Ganzkörperbad mit Hüttenkäse gönnen, es war nur noch eine Frage der Zeit. Süße Lust der Vorfreude ließen ihre Wangen sanft erröten. Ab und an roch sie an ihren Händen, die sie sich lediglich kurz mit kaltem Wasser flott abgespült hatte. Mit leicht glasigem Blick kam sie nun an der Firma an. Der junge Chauffeur öffnete mit versierter Grandezza den Schlag der großräumigen Limousine. Im Werk ließ sie sofort Ihren technischen Direktor kommen. „Herr Dr. Röchler, ich bin mehr als unzufrieden. Seit sehr vielen Monaten bemerke ich recht deutlich, gegenüber der Firmenleitung, also mir, zum Teufel, neben erheblicher Insubordination, neben Insuffizienz und Insimulation auch noch eine Form der, sagen wir es direkt hinaus, Insurrektion. In den Büros der oberen Etagen! Und ich vermute, dass Sie, Herr Röchler, der Herr Insurgent sind! Äußern Sie sich! Nehmen Sie Stellung, Dr. Röchler!“ Röchler schien kleiner zu werden. „Na ja, wir bemühen uns hier alle nach Kräften, Frau Direk…..“. Treugeböhler-Zabeltitz würgte ihn rigoros ab: „Schnick-Schnack, Tinnef und Zinnober, Röchler, Papperlapapp, Kokolores, Herr Dr. Röchler, Larifari, Stumpfsinn und Mompitz….“

Röchler unterbrach genervt: „Es heißt Mumpitz, Frau Direktor, Mumpitz, mit U!“

„Da, da machen Sie es ja schon wieder, Röchler. Sie insubordinieren. Und das heftigst. Damit bringen Sie mich in die Bedrouille!" "Es heißt Bredouille, Frau Direktor!" "Schluss damit. Sofort! Hören Sie auf mit Ihrem haltlosen Gewäsch – noch heute räumen Sie und weitere 9 Aufrührer, Rebellen und Insubordinations-Kaiser ihren Platz in diesem Betrieb. Haben wir uns verstanden? Sie sind fristlos gekündigt!“ - Und genau hier brach ich ab.

Zufrieden schloss ich den edlen Füllfederhalter und drückte die Sprechtaste: „Hallooo, Frau Fasching, kommen Sie bitte? Ihrem Chef geht es augenscheinlich nicht gar so gut!“ Kaum war mein Satz verklungen, hechtete eine klapperdürre, ältere Dame schreckensbleich in den Raum.

Sofort kniete sie neben dem Toten und schüttelte an ihm herum. „Herr Feinrippl, um Himmels willen, was ist denn nur? Hören Sie mich, Herr Feinrippl?“ Ich meinte nur lakonisch: „Rufen Sie einen Krankenwagen! Das sieht nicht gut aus“ Dann gab ich mein Mega-Manuskript in das Fach „Ist genehmigt“ und stieg erneut über den Leichnam, strebte der Tür zu. Der Verstorbene sah nun überhaupt nicht mehr zum Fürchten aus. Ich winkte noch kurz in die Richtung von Frau Fasching, dann verließ ich die hoch heiligen Hallen meines HHF-Verlags. Prima, das Manuskript war genehmigt worden. Ich freute mich. Auf dem Flur sah ich nach unten. Das Pärchen war nicht mehr zu sehen. Anscheinend hatte man sich nach dem Maulschellen-Duell gütlich geeinigt. So sehr ich auch die Straße hinauf- und hinab spähte, das Pärchen ward nicht mehr gesichtet...

Jetzt ein weiterer Besuch in diesem gewaltigen Haus. Von den Erbauern liebevoll „Skyscraper“ genannt. Mit dem Fahrstuhl ließ ich mich in die 48. Etage befördern. Das dauerte kaum länger als 18 Sekunden. Dort war das Inkasso-Institut „Durham & Roswell“ ansässig.

Die gesamte Etage wimmelte nur so vor Menschen. Man sah deutlich, wer als Bittsteller kam, wer Angestellter war - und wer hier das Sagen hatte. Bekümmerte Miene, gebückte, devote Haltung = Bittsteller. Aufrechter Gang, missbilligendes, leicht arrogantes Gesicht = Angestellter. Die Chefs? Blasiert, die Bittsteller kaum wahrnehmend, überheblich, deutlich angewidert und extrem auf Distanz zum Pöbel bedacht. Nie würde einer der Chefs hier einem der Bittsteller die Hand reichen, nie! Ich wollte zu Roswell, müde klopfte ich bei ihm an. Träge durchmaß ich den riesigen Raum bis hin zu Roswells Schreibtisch. Der deutete, unwirsch, auf den Besuchersessel. „Neuigkeiten, Nietzsche??“

„In der Tat, Herr Roswell, in der Tat. Ich habe soeben bei H. H. Feinrippl ein recht ansehnlich dickes Manuskript durchgebracht. Es geht aufwärts! Ich werde in Kürze in der Lage sein, Ihnen Ihre 124.000 EURO zurück zu zahlen, sehr bald sogar! Na was sagen Sie dazu, Mr. Roswell?“

Roswell brach in wieherndes Gelächter aus. „Nietzsche, hören Sie, Sie taugen als Autor nichts, das hat mir H H Feinrippl selbst gesagt. Und nie, hören Sie, nie würde er eine Ihrer entsetzlich drögen, stinklangweiligen und überaus scheußlichen Ideen in Buchform veröffentlichen – nie!“ Prustend vor purer Heiterkeit fuhr Mr. Roswell fort, sichtliches Vergnügen zeigend am restlosen Zermalmen eines zarten Pflänzchens, welches „Hoffnung“ hieß:

„Versuchen Sie doch mal was absolut Neues, Nietzsche – versuchen Sie die in diesem Genre übliche Art und Weise zu kopieren, Wörter und auch ganze Sätze in recht sinnvoller, erfreulich konstruktiver Kombination aneinander gereiht zusammen zu stellen, wäre das nicht mal ein guter Ansatz??? Sie sind ein Affenhirn, Nietzsche. Beziehungsweise, Sie besitzen eines!“

Der schwergewichtige Mensch dort lag mehr im Sessel als darin zu sitzen. „Feinrippl sagt über Sie, Sie seien bar jeden Gedankens, auch nur einen einzigen Satz so nieder zu schreiben, um ihn der, sagen wir mal, Trivialliteratur zuordnen zu können. Ihr peinliches Skribententum höhne jeder geschriebenen Zeile der Welt-Literatur, entbehre wahrlich jeglicher Grundlage, sei streng genommen demnach schlichtweg Makulatur. Das ist leider Fakt, Sie arg peinlicher Sudelhannes, Sie. Pegasus wirft Sie doch permanent ab, nicht wahr???“ Sehr traurig musste sich Nietzsche hier eingestehen, dass er ganz Ähnliches heute bereits einmal hatte vernehmen müssen, keine 40 Etagen tiefer. Ein entsprechend sehr bedröppeltes Gesicht zeigte der gebeutelte Autor daher auf.

Nun konnte sich Roswell vor Vergnügen kaum noch in seinem Sessel halten, so sehr krümmte und schüttelte es die massige, unförmige Gestalt des Inkasso-Großunternehmers in den sehr späten Sechzigern. Prustend, schnaufend und gestikulierend bäumte sich der gewaltige Körper erst heftig auf, um hernach, ganz klein, in diesem so feudalen Lederfauteuil zusammen zu sinken. Es knarzte und quietschte ein wenig dabei. Die Augen rollten wild, der Greisenkopf wackelte bedenklich halslos vor und zurück, glucksende Geräusche entfuhren dem weit aufgerissenen Rachen, der Schädel in sattem Zinnoberrot ließ die Gesichtszüge plötzlich einfrieren, der Körper erschlaffte vollends, dann wurde das Gesicht starr und unnatürlich blass.

Roswell wirkte auf mich wie ein grotesk geschminkter, toter Clown, dem man gerade eben noch befohlen hatte, heftige Heiterkeit zu verbreiten, obgleich man ihm gleichzeitig Dutzende von glimmenden Zigaretten auf den Oberarmen ausdrückte. Die Augen starr, Blut tropfte aus dem linken Ohr, Roswell war soeben verstorben. Ich ging nunmehr leichtfüßig zu seinem PC, tippte meinen Namen ein und löschte den Eintrag. Gut nur, dass kein Passwort vonnöten war, der Allgewaltige hatte sich wohl eben erst eingeloggt. Der PC piepte nur kurz – ganze 124.000 EURO Schulden hatte ich soeben getilgt. Keine Schulden mehr, und mein Buch würde im übernächsten Monat erscheinen, alles lief bestens. Sicherheitshalber fuhr ich den PC herunter.

Soeben betrat Durham, sehr elegant gekleidet, das Büro seines Partners. Gut, dass ich die Transaktion bereits beendet hatte und nun, etwas hilflos, neben dem toten Mr. Roswell stand. Fassungslos blickte Durham mich nun an, er blickte jetzt auf Roswell, sah dann wieder mich an, mehrere Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Ich machte eine abwehrende Handbewegung: „Hab´ ihm nichts angetan, Mr. Durham. Er griff sich plötzlich ans Herz, Sir, ja, dann sackte er zusammen, ich weiß beim besten Willen nicht, was ihm fehlt! Er sagte nur, dass es ihm nicht sehr gut gehe, und griff sich dann, wie schon erwähnt, ans Herz.“ Mr. Durham, total erblasst, bückte sich tief und brüllte Roswell in das blutende linke Ohr: „Ey Ross, so come on, man... Ross…Hey, what the bloody hell is the matter with you, old son?“ Ich hatte sofort die Erklärung für Durham. „He´s gone, Sir, your Partner´s gone!“, sagte ich im besten Schul-Englisch, denn, das wusste ich, Durham sprach nur sehr schlecht Deutsch. Verwirrt sah mich dieser Durham an. „Dead? Fucking dead?“ „Yes, Sir, fucking dead. I think, he was a sarcastic, boastful and very selfish man – now he´s got what he deserved! That bloody bastard!” Durham erwiderte scharf, immer noch in stark gebückter Haltung: “Don´t you talk crap about a dead person, don´t you?“ Doch ich hatte mit dem Fall abgeschlossen. „I´ve paid my debt, Mr. Durham, so you won´t see me again. Have a fucking nice day!”

Hurtig strebte ich dem Ausgang zu, während Mr. Durham immer noch fassungslos in einer Art Stakkato-Englisch in des Leichnams Gehörgang eindrosch. Schmunzelnd fuhr ich jetzt mit dem Fahrstuhl zum Erdgeschoss. Dies war doch nun wirklich ein mehr als erfolgreicher Tag – dies war ein Super-Hyper-Ultra-Mega-Hit-Doppeltgeiler-Spitzen-Sonnenschein-Happiness-Tag vom Allerfeinsten! Ich hatte endlich mal Glück. Ich, der wohl bis dato größte Loser und Pechvogel aller Zeiten, ja, ich hatte endlich einmal Glück. Nicht zu fassen. Einer unter zwei einhalb Millionen in dieser Riesenstadt, wimmelnd vor Ameisen. Neunundvierzig Jahre währendes Pech! Denn im Jahr 1971 hatte ich den markanten, riesengroßen Monsterspiegel im Foyer des gewaltigen „Spiegelhauses“ zerbrochen. Habe dort seither Hausverbot. Auf Lebenszeit. Denn danach, nach dem Bruch des Riesenspiegels in den gewaltigen Hallen, passierten mir, lassen Sie mich das kurz berechnen, nun ja, annähernd ein halbes Dutzend weiterer, heftiger „Missgeschicke“. Zusammen erbrachte dies eine Lebenslast in Form von Pechjahren… ja, warten Sie, von fast genau 49 Jahren. Soll ich Ihnen was verraten? Die sind jetzt, heute, wundersamer Weise, abgeleistet. Jawoll. Das Pech hat ein Ende, das Glück begleitet mich kontinuierlich. Es sei denn, ich zerbreche wieder einen Spiegel, oder mehrere, wie vor gut 49 Jahren... Ab jetzt wird es mich immer begleiten: Das permanente Glück! Ich bin ja so beruhigt, zufrieden und glücklich!!

Draußen auf der Straße angekommen, fror ich unvermittelt, es war in der letzten Zeit doch reichlich kühl geworden. Ich brauchte unbedingt meinen Mantel. Doch der war in der Reinigung. Ich nestelte den Zettel hervor und suchte das Geschäft auf. Insgesamt sechs Mitarbeiterinnen und sogar der Chef suchten verzweifelt nach meinem Mantel und fanden ihn nicht. Der war einfach nicht mehr da. Verschwunden.

Ich war mantellos!

Da steht er nun, der Nietzsche, der arme Tropf! Mantel weg, das geht ihm nicht aus dem Kopf!

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