Die kleine Meerjungfrau - Page 2

von Hans Christian Andersen
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war ihr, als ob sie weinen müsste, aber Seejungfern haben keine Tränen und leiden darum viel schwerer.

"Ach, wäre ich doch schon fünfzehn Jahre!" sagte sie. "Ich weiß, dass ich die Welt da oben und die Menschen, die dort bauen und wohnen, in mein Herz schließen werde!"

Und endlich, endlich war es soweit. "Sieh, nun bist du erwachsen", sagte die Großmutter. "Komm nun und lasse dich von mir schmücken."

"Lebewohl, Großmutter", sagte sie und stieg leicht und klar, gleich einer Blase, im Wasser empor. Die Luft war mild und das Meer zeigte sich im leuchtenden Abendrot. Nicht weit weg lag auch ein großes Schiff mit drei Masten.

Die kleine Seejungfer schwamm bis dicht an das Kajütenfenster, und jedes Mal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie durch die spiegelklaren Scheiben sehen. Drinnen standen viele herausgeputzte Menschen, aber der schönste war doch der junge Prinz mit den großen schwarzen Augen. Er war gewiss nicht viel über sechzehn Jahre, und gerade an diesem war sein Geburtstag.

Die Matrosen tanzten auf dem Deck, und als der junge Prinz heraustrat, stiegen über hundert Raketen in die Luft empor. Niemals hatte die kleine Seejungfrau solche Feuerkünste gesehen. Ach, wie schön war doch der junge Prinz!

Es wurde spät, aber die kleine Seejungfer konnte die Augen nicht von dem Schiff und dem schönen Prinzen wenden, selbst als die Lichter gelöscht waren. Nun nahm das Schiff ein stärkere Fahrt auf. Die Segel breiteten sich eines nach dem anderen aus, und die Wogen gingen höher. Ein schreckliches Unwetter kündigte sich an. Die Wogen stiegen auf wie große, schwarze Berge, die alles zermalmen wollten, aber das Schiff tauchte wie ein Schwan auf und nieder und ließ sich wie eine Nussschale vom Wasser tragen.

Das Schiff knackte und krachte. Die dicken Planken bogen sich, der Mast brach, und das Schiff legte sich auf die Seite. Nun sah die kleine Seejungfer, dass die Seeleute in Gefahr waren. Sie musste sich selbst vor den Balken und Schiffstrümmern in Acht nehmen, die auf dem Wasser trieben. Und wenn es dann blitzte, wurde es so hell, dass sie alle auf dem Schiffe erkennen konnte. Jeder tummelte sich, so gut er konnte. Die kleine Seejungfrau hielt besonders Ausschau nach dem jungen Prinzen, und sie sah ihn, als das Schiff in das tiefe Meer verschwand. Sie erinnerte sich auch, dass Menschen nicht unter dem Wasser leben können. Nein, sterben durfte er nicht! Sie tauchte tief unter Wasser, und gelangte so unbeschadet zu dem jungen Prinzen, der in der stürmischen See kaum noch schwimmen konnte. Die kleine Seejungfrau hielt seinen Kopf über Wasser und ließ sich so von den Wogen mit ihm treiben, wohin sie wollten.

Am Morgen war das Unwetter vorüber. Vom Schiff war nicht ein einziger Span geblieben. Nun sah die kleine Seejungfrau das feste Land vor sich. Hohe blaue Berge tauchten am Horizont auf, auf deren Gipfel weißer Schnee schimmerte. Unten an der Küste zeigten sich herrlich grüne Wälder, und vorne an der Küste lag eine Kirche oder ein Kloster. Sie schwamm mit dem schönen Prinzen bis dicht zu den Klippen, wo der feine, weiße Sand angespült war. Dort legte sie ihn in den Sand, und sorgte dafür, dass der Sonnenschein ihn erwärmte.

Nun läuteten die Glocken in dem großen weißen Gebäude, und es kamen viele junge Mädchen durch den Garten. Da schwamm die kleine Seejungfer etwas weiter hinaus und versteckte sich hinter einem großen Felsen. Dann passte sie auf, wer zu dem armen Prinzen kommen würde.

Es dauerte nicht lange, bis ein junges Mädchen kam. Sie schien sehr erschrocken, und holte mehrere Leute. Die Seejungfer sah, dass der Prinz wieder zu sich kam und der vermeintlichen Retterin zulächelte. Wie sollte er auch ahnen, dass es in Wahrheit die kleine Seejungfrau gewesen war. Dann wurde der Prinz in das große Gebäude geführt und die kleine Seejungfrau kehrte betrübt zum Schloss ihres Vaters zurück.

Schon immer war sie still und gedankenvoll gewesen, aber nun wurde sie es noch weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was sie das erste Mal dort oben gesehen habe, aber sie wollte es nicht erzählen. Manchen Abend und Morgen stieg sie zu der Stelle auf, wo sie den Prinzen verlassen hatte. Sie sah Früchte des Gartens reifen und sie sah den Schnee auf den hohen Bergen schmelzen, aber den Prinzen sah sie nicht.

Es war ihr einziger Trost, in ihrem kleinen Meeresgarten zu sitzen und ihre Arme um das schöne Marmorbild zu schlingen, das dem Prinzen glich, aber ihre Blumen pflegte sie nicht wie zuvor. Sie wuchsen wie in einer Wildnis. Doch zuletzt konnte sie es nicht mehr länger verschweigen und sagte es ihren Schwestern.

Unter den Seejungfern gab es eine, die genau wusste, wer der Prinz war und wo sein Königreich lag. "Komm, Schwesterchen", sagten die anderen Prinzessinnen, und stiegen mit ihr Arm in Arm in einer langen Reihe vor dem Schloss des Prinzen aus dem Meere empor.

Nun wusste sie endlich, wo er wohnte, und so brachte sie manchen Abend und manche Nacht dort auf dem Wasser zu. Manchmal sah sie den Prinzen mit Musik und wehenden Flaggen in seinem prächtigen Boot fortsegeln. Sie lugte zwischen dem grünen Schilf hervor, und wenn der Wind mit ihrem langen silberweißen Schleier spielte, dachte jeder, der es sah, es sei ein Schwan, der seine Flügel bewegte.

Mehr und mehr kam sie dazu, die Menschen zu lieben, und sie wünschte sich, selbst so zu werden. Die Menschenwelt erschien ihr weit größer als die ihre. Sie konnten zu Schiff über die Meere fliegen, auf die hohen Berge weit über den Wolken steigen, und ihre Länder erstreckten sich mit Wäldern und Feldern weiter, als sie blicken konnte. Da war so vieles, was sie gerne wissen wollte, aber die Schwestern konnten ihr auf viele Fragen keine Antwort geben, Deshalb fragte sie die alte Großmutter.

"Wenn die Menschen nicht ertrinken", fragte die kleine Seejungfer, "können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, genau wie wir?" "Ja", sagte die Alte, "sie müssen auch sterben, und ihre Lebenszeit ist sogar noch kürzer als die unsere. Wir können dreihundert Jahre alt werden, aber wenn wir gehen müssen, so werden wir in Schaum auf dem Wasser verwandelt

Die kleine Meerjungfrau (dänisch Den lille Havfrue) ist ein Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen von 1837. Es basiert auf der Sage der Undine.

Illustration von Anne Anderson (1920er Jahre)

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