Die kleine Meerjungfrau - Page 4

von Hans Christian Andersen
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ihren Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. "Reinlichkeit ist ein gutes Ding!" rief sie, und scheuerte den Kessel mit Schlangen ab, die sie zu einem Knoten gebunden hatte. Jeden Augenblick tat die Hexe neue Sachen in den Kessel, und als es recht kochte, nahm der Dampf die seltsamsten Gestalten an. Nun ritzte die Hexe sich selbst in den Arm und ließ ihr schwarzes Blut in den Kessel tropfen. Da war der Trank fertig, und er sah wie das klarste Wasser aus.

"Da hast du ihn!", sagte die Hexe und schnitt der kleinen Seejungfrau die Zunge ab. Nun war sie stumm und konnte weder singen noch sprechen.

Die Seejungfrau kehrte darauf zum Schloss ihres Vaters zurück. Alle schliefen, doch sie wagte nicht hinzugehen. Jetzt , wo sie stumm geworden war, wollte sie ihr Elternhaus auf immer verlassen. Es war, als ob ihr Herz vor Kummer zerspringen wollte.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie das Schloss des Prinzen erblickte und die prächtige Marmortreppe emporstieg. Der Mond schien wundersam klar. Die kleine Seejungfrau trank den brennend scharfen Trank und es war ihr, als ob ein zweischneidiges Schwert durch ihre feinen Glieder ging. Sie wurde darüber ohnmächtig und lag wie tot da. Als die Sonne aufgegangen war, erwachte sie und fühlte einen schneidenden Schmerz. Aber gerade vor ihr stand der schöne, junge Prinz. Er heftete seine kohlschwarzen Augen auf sie, sodass sie die ihren niederschlug. Nun sah sie, dass ihr Fischschwanz fort war. Dafür hatte sie die niedlichsten kleinen, weißen Füßchen, die ein Mädchen nur haben kann. Aber sie war ganz nackt, darum hüllte sie sich in ihr langes, dichtes Haar. Der Prinz fragte, wer sie wäre, aber sie sah ihn nur traurig mit ihren dunkelblauen Augen an. Sie konnte ja nicht sprechen. Da nahm er sie bei der Hand und führte sie in das Schloss. Jeder Schritt, den sie tat, war, wie es die Hexe ihr vorausgesagt hatte.

Mit köstlichen Kleidern aus Seide und Musselin wurde sie nun bekleidet. Sie war die Schönste im Schlosse, doch sie blieb stumm und konnte weder singen noch sprechen. Nun tanzten die Sklavinnen lieblich schwebende Tänze zu der herrlichsten Musik. Da hob die kleine Seejungfrau ihre schönen, weißen Arme, erhob sich auf die Zehenspitzen und schwebte über den Boden hin. Sie tanzte, wie noch keine getanzt hatte. Bei jeder Bewegung offenbarte sich ihre anmutige Schönheit, und ihre Augen sprachen tiefer zum Herzen, als der Gesang der Sklavinnen.

Alle waren entzückt, besonders aber der Prinz. Er nannte sie sein kleines Findelkind, und sie tanzte immer weiter, obwohl sie jedes Mal, wenn ihr Fuß die Erde berührte, einen tiefen Schmerz verspürte. Es war, als ob sie auf scharfe Messer träte.

Der Prinz sagte schon bald, dass sie immer bei ihm bleiben solle, und sie bekam die Erlaubnis, vor seiner Tür auf einem Samtkissen zu schlafen. Und er ließ ihr eine Knabentracht nähen, damit sie ihm auch zu Pferde folgen konnte. Sie ritten durch die duftenden Wälder, wo die Zweige an ihre Schultern schlugen und kleine Vögel unter den frischen Blättern sangen. Sie kletterte mit dem Prinzen auf hohe Berge, obgleich ihre feinen Füße bluteten, dass selbst die anderen es sahen. Sie lachte aber darüber und folgte dem Prinzen, bis sie die Wolken unter sich dahinsegeln sahen, die gleich einem Vogelschwarm in fremde Länder zogen.

Im Schloss des Prinzen ging die Seejungfrau heimlich in der Nacht die breite Marmortreppe hinab. Es kühlte ihre brennenden Füße, im kalten Meereswasser zu stehen. Eines Nachts aber kamen ihre Schwestern Arm in Arm aus der Tiefe. Sie sangen so traurig, als sie über das Wasser dahinschwammen. Da winkte die kleine Seejungfrau ihnen zu, und die Schwestern eilten herbei und erzählten, wie traurig doch alle seien. Von nun an kamen die Schwestern jede Nacht.

Tag für Tag wurde die kleine Seejungfrau dem Prinzen lieber. Er hatte sie lieb, wie man ein gutes und liebes Kind gern hat. Es kam ihm aber nicht in den Sinn, sie zu seiner Königin zu machen. "Hast du mich nicht am liebsten von allen?", schienen die Augen der kleinen Seejungfrau zu fragen, wenn er sie in seine Arme nahm und sie auf die schöne Stirn küsste.

"Du bist mir die Liebste", sagte der Prinz, "denn du hast das beste Herz von allen. Du bist mir am meisten ergeben, und du gleichst einem jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber gewiss nie wieder finden werde. Ich war auf einem Schiff, das unterging. Die Wogen trieben mich bei einem heiligen Tempel an das Land, wo mehrere junge Mädchen die Tempeldienste verrichteten. Die Jüngste fand mich am Meeresufer und rettete mir das Leben. Ich sah sie nur zwei Mal. Sie ist die Einzige auf dieser Welt, die ich lieben könnte. Aber du gleichst ihr und verdrängst ihr Bild fast aus meiner Seele. Das Mädchen gehört dem heiligen Tempel an, und darum hat dich wohl ein Glücksengel zu mir gesandt. Nie wollen wir uns trennen!" - "Ach, er weiß nicht, dass ich sein Leben gerettet habe!", dachte die kleine Seejungfrau. Und sie seufzte tief, denn weinen konnte sie nicht. "Das Mädchen gehört dem heiligen Tempel an, hat er gesagt, dann kommt sie nie in die Welt hinaus. Sie werden einander also nicht mehr begegnen. Ich dagegen bin bei ihm und sehe ihn jeden Tag. Ich will ihn pflegen, ihn lieben, ihm mein Leben opfern!"

Aber nun sollte der Prinz sich mit der schönen Tochter des Nachbarkönigs verheiraten, erzählte man. Deshalb wurde auch ein prächtiges Schiff ausgerüstet. Ein großes Gefolge sollte ihn begleiten, doch die kleine Seejungfrau schüttelte das Haupt und lächelte. Sie kannte die Gedanken des Prinzen weit besser, als alle anderen. "Ich soll reisen!", hatte er ihr gesagt. "Ich soll die schöne Prinzessin ansehen, wie meine Eltern es verlangen. Aber zwingen wollen sie mich nicht, sie als meine Braut heimzuführen. Ich kann sie ja auch nicht lieben! Sie gleicht nicht dem schönen Mädchen im Tempel, der du so ähnlich bist. Sollte ich einmal eine Braut wählen, so würdest eher du es werden, du, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!" Und er küsste ihren roten Mund, spielte mit ihren langen

Die kleine Meerjungfrau (dänisch Den lille Havfrue) ist ein Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen von 1837. Es basiert auf der Sage der Undine.

Illustration von Anne Anderson (1920er Jahre)

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