Die kleine Meerjungfrau - Page 5

von Hans Christian Andersen
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Haaren und legte sein Haupt an ihr Herz.

"Du hast doch keine Furcht vor dem Meere, mein stummes Kind!", fragte der Prinz, als sie auf dem prächtigen Schiffe standen. Und er erzählte ihr von Sturm und Windstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe, und was ein Taucher dort gesehen hatte. Sie lächelte bei seiner Erzählung, sie wusste es ja besser als irgend ein Mensch hier oben auf der Erde.

In der mondklaren Nacht, als alle außer dem Steuermann schliefen, saß die kleine Seejungfrau an der Brüstung des Schiffes und starrte durch das klare Wasser hinab. Sie glaubte das Schloss ihres Vaters zu sehen. Da kamen ihre Schwestern über das Wasser empor, und sie schauten traurig zu ihrer Schwester und rangen ihre weißen Hände.

Am nächsten Morgen fuhr das Schiff in den Hafen des Nachbarkönigs ein. Alle Kirchenglocken erklangen, und von den hohen Türmen wurden die Posaunen geblasen, während Soldaten mit wehenden Fahnen und blinkenden Bajonetten salutierten. Jeder Tag brachte ein neues Fest. Bälle und Gesellschaften folgten einander, aber die Prinzessin war nicht da. Sie war weit entfernt von hier in einem heiligen Tempel erzogen worden, sagte man. Dort habe man sie alle königlichen Tugenden gelehrt. Es war schon eine Woche vergangen, da traf die Prinzessin ein.

Die kleine Seejungfrau war begierig, ihre Schönheit zu sehen, und sie musste anerkennen, nie eine lieblichere Erscheinung gesehen zu haben. Die Haut der Prinzessin war fein und zart, und hinter den langen schwarzen Wimpern lächelten dunkelblaue, treue Augen.

"Du bist es!", rief der Prinz, "Du, die mich rettete, als ich wie tot an der Küste lag!" Und er schloss die errötende Braut in seine Arme. "Oh, ich bin allzu glücklich", sagte er zu der kleinen Seejungfrau. "Das Allerhöchste, auf was ich nie zu hoffen wagte, ist mir in Erfüllung gegangen. Sicher wirst du dich über mein Glück freuen, denn du meinst es ja am besten mit mir!" Und die kleine Seejungfrau küsste seine Hand, und sie fühlte fast ihr Herz brechen. Sein Hochzeitsmorgen sollte ihr den Tod bringen und sie zu Meeresschaum verwandeln.

Alle Kirchenglocken läuteten. Herolde ritten durch die Straßen und verkündeten die Verlobung. Auf allen Altären brannten duftende Öle in kostbaren Silberlampen. Die Priester schwangen die Räucherfässer, und die Braut und der Bräutigam reichten einander die Hand und nahmen den Segen des Bischofs entgegen. Die kleine Seejungfrau stand in Gold und Seide gekleidet und hielt die Schleppe der Braut, aber ihre Ohren hörten nichts von der festlichen Musik. Ihre Augen sahen nicht die heilige Zeremonie. Sie dachte an ihre Todesnacht und an alles, was sie in dieser Welt verlor. Noch am selben Abend gingen Braut und Bräutigam an Bord des Schiffes. Dort sollte das Brautpaar in der kühlen, stillen Nacht schlafen.

Die Segel bauschten sich im Winde, und das Schiff glitt leicht und ohne große Bewegung über die klare See. Als es dunkelte, wurden bunte Lampen entzündet, und die Seeleute tanzten lustige Tänze auf dem Deck. Die kleine Seejungfrau musste an den ersten Abend denken, als sie aus dem Meere auftauchte und dieselbe Pracht und Freude gesehen hatte. Und sie wirbelte mit im Tanze. Es war die letzte Nacht, in der sie diese Luft atmen und das tiefe Meer und den blauen Sternenhimmel erblickten sollte. Ewige Nacht ohne Gedanken und Träume würde sie umfangen. Der Prinz aber küsste seine schöne Braut und zog sich Arm in Arm mit ihr zurück.

Es wurde ruhig und still auf dem Schiffe. Nur der Steuermann stand am Ruder. Die kleine Seejungfrau legte ihre weißen Arme auf die Schiffsbrüstung und sah nach Osten der Morgenröte entgegen. Der erste Sonnenstrahl, wusste sie, würde sie töten. Da sah sie ihre Schwestern aus dem Meere aufsteigen. Sie waren bleich wie sie selbst! Ihre langen schönen Haare wehten nicht mehr im Winde, denn sie waren abgeschnitten.

"Wir haben sie der Hexe gegeben, damit sie dir Hilfe bringt und du nicht sterben musst. Sie hat uns ein Messer gegeben. Hier ist es! Siehst du, wie scharf es ist? Bevor die Sonne aufgeht, musst du es dem Prinzen ins Herz stoßen. Und wenn sein warmes Blut über deine Füße rinnt, wachsen sie zu einem Fischschwanz zusammen und du wirst wieder eine richtige Seejungfrau sein. Dann kannst zu uns ins Wasser steigen und noch dreihundert Jahre leben, ehe du zu totem, kaltem Meeresschaum wirst. Beeile dich! Er muss sterben, bevor die Sonne aufgeht." Und sie stießen einen tiefen Seufzer aus und versanken in den Wogen.

Die kleine Seejungfrau zog den purpurnen Teppich vor dem Zelte fort und sah die schöne Braut. Ihr Haupt war zur Ruhe an der Brust des Prinzen gebettet. Da beugte sie sich nieder, küsste den Prinzen auf seine schöne Stirn und sah zum Himmel auf, wo die Morgenröte mehr und mehr aufleuchtete. Sie nahm das scharfe Messer und heftete die Augen wieder auf den Prinzen, der im Traume den Namen seiner Braut flüsterte. Nur sie alleine lebte in seinen Gedanken, und das Messer zitterte in der Hand der Seejungfrau. Dann aber schleuderte die kleine Seejungfrau das Messer weit hinaus in die Wogen. Dort, wo es eintauchte, glänzte es rot, als ob Blutstropfen aus dem Wasser quollen. Noch einmal sah sie mit brechenden Augen auf den Prinzen hinab, dann stürzte sie sich vom Schiff ins Meer und fühlte, wie ihre Glieder sich in Schaum auflösten.

Nun stieg die Sonne aus dem Meere empor. Ihre Strahlen fielen so mild und warm auf den todeskalten Meeresschaum, doch die kleine Seejungfrau fühlte nicht den Tod. Über ihr schwebten Hunderte von herrlichen, durchsichtigen Geschöpfen. Ihre Stimmen waren wie Musik, aber so geisterhaft, dass kein menschliches Ohr sie vernehmen konnte. Ohne Flügel schwebten sie durch ihre eigene Leichtigkeit in der Luft dahin. Die kleine Seejungfrau sah, dass sie einen Körper hatte, wie diese Wesen, der sich mehr und mehr aus dem Schaume erhob. "Zu wem komme ich?", fragte sie, und ihre Stimme klang wie die der anderen Wesen, so geisterhaft zart, dass keine irdische Musik es wiederzugeben vermag. "Zu den Töchtern der Luft!", antworteten die anderen.

"Die Töchter der Luft haben keine unsterbliche Seele, aber sie können sich durch gute Taten selbst eine schaffen. Wir fliegen zu den warmen Ländern, wo die schwüle Pestluft die Menschen tötet. Dort fächeln wir Kühlung. Wir verbreiten den Duft der Blumen durch die Lüfte und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang danach gestrebt haben, Gute zu tun, erhalten wir eine unsterbliche Seele und nehmen teil an der ewigen Glückseligkeit der Menschen. Du, kleine Seejungfrau, hast von ganzem Herzen dasselbe erstrebt wie wir. Du hast gelitten und geduldet, und hast dich in die Welt der Luftgeister erhoben. Jetzt kannst durch dir selbst durch gute Werke eine unsterbliche Seele schaffen."

Die kleine Seejungfer hob ihre durchsichtigen Arme empor zu Gottes Sonne, und zum ersten Male fühlte sie Tränen in ihre Augen steigen.

Die kleine Meerjungfrau (dänisch Den lille Havfrue) ist ein Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen von 1837. Es basiert auf der Sage der Undine.

Illustration von Anne Anderson (1920er Jahre)

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