Fenitschka - Page 7

von Lou Andreas-Salomé
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ganzen Newskij Prospekt hinunter, von dem man gewöhnlich nur eine gewisse Strecke, zwischen der Admiralität und dem Moskauer Bahnhof, zu sehen bekommt. Hinter dem Moskauer Bahnhof ist es nicht mehr der Newskij der vornehmen Nachmittagspromenade. Die breite schnurgerade Straße mit ihrer Einfassung von Kirchen und Palästen macht eine scharfe Wendung und verändert plötzlich ganz ihren Charakter. Anstatt der eleganten Spiegelscheiben der großen Magazine trifft man gewöhnliche Warenbuden und billige Bazare, deren niedrige Arkaden am Trottoir entlang laufen; anstatt der europäischen Hotels, Wirtshäuser zweiten und dritten Ranges und Schnapskeller mit grellen Plakaten über der Thür. Immer weniger herrschaftliche Schlitten sausen über den festgestampften bläulichen Schnee, immer volkstümlicher werden die Trachten der vorübergehenden Menschen, — bis endlich von ferne, im blitzenden Schein, den die Wintersonne den goldenen Kuppeln entlockt, — das Alexander-Newskijkloster herüberschimmert.

Schon eine ganze Strecke vor dem Kloster wird die Straße beinahe dörflich und erhält einen sozusagen geistlichen Anstrich. Weißbeworfene Gebäude mit goldenen Kreuzen oder goldener Strahlenform über dem Thor, Wohlthätigkeitsanstalten, Kapellchen, fromme Asyle erheben sich zwischen den kleinen, niedrigen, demütigen Wohnhäusern, die auch nur noch weiße Kleidchen anzulegen wagen. Und darüber ragt die gewaltige weißgoldene Himmelsstadt mit ihren Klostermauern, Kuppeln und Kirchen gegen den blaßblauen Winterhimmel empor, — umhaucht vom Weihrauch, der aus ihren Heiligtümern dringt, umstanden von geweihten Buden, wo Betperlen, Räucherkerzen und Kränze verkauft werden, umklungen von Glocken und Chorälen, — das Ganze eine unbeschreibliche Symphonie von Weiß und Gold inmitten dieser weißen Schneelandschaft unter den letzten goldenen Sonnenstrahlen.

Und dahinter der weite, weite Klostergarten im tiefen Winterfrieden.

Max Werner wollte grade in den Garten eintreten, als er zu seiner Ueberraschung Fenia darin erblickte; sie stand dicht am Eingang, an das goldblitzende Staket gelehnt, und wendete ihm den Rücken zu. »Fenia Iwanowna, gehen Sie ins Kloster?« sagte er ihr über die Schulter.

Sie wandte sich verwundert, nicht erschrocken, um, und entgegnete aus der Pforte tretend:

»Ich habe mir das Kloster angesehen — — Und nun geh ich zu meinem Onkel, — jour fixe, Sie wissen ja! Ich speise dort. Haben Sie nichts Besonderes vor? Dann kommen Sie doch mit, Sie sind ja ein für allemal zur Familientafel geladen.«

»Ich will es sehr gern thun, Fenia, schon um Sie zu begleiten. Wollen wir bei diesem sanft sibirischen Wetter die Promenade zu Fuß machen?«

Sie nickte, und indem sie ihr Gesicht mit dem vorgehaltenen Bibermuff vor dem scharfen Winde schützte, schaute sie sich aufmerksam nach allen Seiten um. Dann schritt sie eine Zeitlang einsilbig neben ihrem Begleiter her.

»Wie sind Sie nur darauf verfallen, grade hierher zu kommen,« fragte sie plötzlich, — »diesen Teil des Newskijs besuchen so wenige. Man kann fast sicher sein, daß man —«

»Wäre es nicht viel berechtigter, wenn ich Sie dasselbe fragte?« bemerkte er neckend, »ein Spaziergang für eine junge Dame ohne Begleitung ist das doch gar nicht. Ich glaubte Sie in die tiefsten Studien vertieft, habe Sie zartfühlend nur deshalb nicht aufgesucht, — ich stelle Sie mir ja seit Paris immer noch wie besessen von Fleiß vor, — und statt dessen bummeln Sie hier herum.«

»Ja, bummeln ist das richtige Wort,« sagte sie in zufriedenem Ton, — »wissen Sie, mit dem Fleiß ist es ganz vorbei. Ich lebe jetzt ja auch in einer solchen Uebergangs- und Zwischenzeit, — nicht wahr? Bis zu der mir versprochenen Anstellung. Und wie genieße ich das! Wissen Sie, es war Zeit, nach dem langen Arbeitsfieber. Jetzt strecke und recke ich mich, wie auf einem rechten Faulbett, — ordentlich wie eine Rekonvaleszentin fühl ich mich, — da lebt man ganz anders. — Passiver, lauschender, aufnehmender. — Man wacht nicht, man schläft aber auch nicht. —«

»— Man träumt!« ergänzte er aufs Geratewohl. Fenia sah mit einem raschen Blick zu ihm auf. Dann schwieg sie.

»Eigentlich haben wir also die Rollen getauscht,«meinte er, »denn ich bin dieses Jahr recht fleißig gewesen. — — Aber wie wird es Ihnen denn schmecken, nach dieser Zwischenzeit ein schwieriges Lehramt auszuüben, — graut Ihnen nicht davor?«

Sie lachte.

»So weit hinaus kann ich im Augenblick nicht vorwärts denken. — — Aber das wird recht schlimm sein, denn es ist mir eigentlich stets sehr anziehend gewesen.«

Darauf schwieg sie wieder mit nachdenklichem Gesicht, als beschäftige sie etwas Unausgesprochenes. Sie gelangten inzwischen auf den belebten Teil des Newskijs, wo die sie umdrängende Menschenmenge, die sie jeden Augenblick trennte, ohnehin die Unterhaltung erschwert hätte.

Hinter der Polizeibrücke sank die Sonne. Lange blaue Schatten liefen über den Schnee und schufen jene nordische Winterdämmerung, in der man schon mitten am Tage nichts mehr recht deutlich erkennt, und dennoch fremdartig davon berührt wird, daβhier und da hinter den Schaufenstern die ersten Flammen aufzucken.

Das vorüberflutende Leben und Treiben auf der glänzenden Hauptstraße paßte sich der Stimmung dieser Stunde wunderbar an, denn trotz all des Gewühles war nichts Lautes, nichts Buntes, nichts Aufdringliches an dem ganzen Bilde, sondern eine gedämpfte und diskrete Eleganz; das fast lautlose Durcheinanderjagen der Schlitten, das etwas beinah Gespenstisches haben konnte, die gleichförmige dunkle Kleidung der pelzvermummten Damen, die langsam, ohne Hast, fast feierlich sich vorbeibewegten, die Totenstille der breiten tief verschneiten Nebenstraßen, in denen die Welt plötzlich aufzuhören schien, gaben allem eine Art von verträumter Poesie, die vom lebensvollern und trivialern Lärm andrer Großstädte scharf abstach. Selbst die Ecken und harten Umrisse der Häuser hatte der Frost mit blitzenden Eiskrusten abgestumpft und verwischt, und in der kalten, krystallklaren Luft erstarb jeder Ton, — Menschenstimme oder Schlittenglöckchen, — ganz eigentümlich hell und fein wie ferner Gesang.

Fenia war gegenüber der Kasanschen Kathedrale vor einem hell erleuchteten Schaufenster stehn geblieben. Sie schlug den Schleier über ihre Pelzmütze zurück und betrachtete die neuen Auslagen der Pasettischen Kunsthandlung. Ganz vorn lagen die drei mittelmäßigen, aber sehr populären Illustrationen zu Lermontoffs »Dämon«: die Verführung Tamaras durch den Dämon, ihre Hingabe an ihn, ihr Tod durch ihn.

Fenia wies mit dem Muff darauf hin

»Zur Höhe des Himmels will ich mich heben,

Zur Tiefe des Meeres senke ich mich,

Alles Irdische will ich dir geben!

Nur liebe mich! liebe mich!«

citierte sie

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