Gruppe 53

von Annelie Kelch
Mitglied

Gruppe 53

Gestern Abend, auf der Demo gegen rechte Gewalt, lief mir Silke über den Weg, und seither denke ich fast pausenlos an jenen Sommerabend zurück, als wir zu Dritt und später zu Viert um den runden Korbtisch in deinem gemütlichen kleinen Arbeitszimmer hockten. Dass du im Schaukelstuhl gesessen hast, war mir erst viel später aufgefallen, als du wegen der Lampe enorm in Schwung ge­raten bist und bis in die Nacht hinein nicht mehr zum Stillstand kamst. Mir wurde allein vom bloßen Hinschauen schwindelig, und Puschkin, dein Kater, hat sich fauchend unters Sofa verzogen.
Die Lampe kam anderthalb Stunden später als abgemacht, ohne ein einziges Wort der Entschuldigung, obwohl sie dich Tage zuvor mit ihren Anrufen nahezu bombadiert hatte. Du solltest dir ja nicht einfallen lassen, das meeting kurz­fristig abzusagen ... wenn das jetzt nicht stattfände! ... wenn du ihr die Tür nicht öffnen würdest (hallo?) ... man werde ja sehen, ob man dich beim Wort neh­men könne, hatte sie ein ums andere Mal getönt. Und wenige Monate später, nachdem sich die Lampe zu immer absurderen Dreistigkeiten verstiegen hatte, hast du endlich zugegeben, dass ihre Unkenrufe wie Drohungen geklungen hätten. Aber weder die enorme Unpünktlichkeit der Lampe noch ihr Telefonterror waren der Grund dafür gewesen, dass der Schaukelstuhl in jener Nacht nicht zur Ruhe kam. Von Anfang an habe dich ein ungutes Gefühl ge­plagt, was die Lampe betreffe. Sie rief größtenteils zur Unzeit an. Fast jedes Mal, wenn das Telefon schrillte, hättest du gerade auf dem Klo gehockt, was ein denkbar schlechtes Zeichen sei, und vor lauter Schreck, dass es schon wieder die Lampe sein könnte, habe deine Verdauung tagelang verrückt ge­spielt.
Du wolltest die Gruppe 53 (dein Geburtsjahr) um jeden Preis, gegen alle Wid­rigkeiten ‑ selbst dann, wenn sich kein einziger Autor auf dein Inserat melden sollte und nur „Weiber“ daran teilhätten. Es schrieben tatsächlich gerade mal zwei Herren: ein achtzigjähriger Kapitän im Ruhestand, mit ausdrücklichem Heirats‑ und insbesondere Pflegewunsch im Falle späteren Dahinsiechens, ohne das geringste Interesse an Literatur, obwohl der Inhalt deiner Anzeige mehr als eindeutig war, und ein ‑ angeblich preisgekrönter ‑ Dichter, den jedoch keine von uns kannte und der die Zusammenkünfte während der Winterszeit in der gemischten Sauna und im Sommer am FKK‑Strand stattfinden lassen wollte.
Bevor die Lampe uns an jenem Abend die gute Laune gründlich verdarb, hast du in den höchsten Tönen von der Gruppe 47 geschwärmt, von Eichs „Maulwürfen“ und Aichingers Prosa, von der Lyrik Ingeborg Bachmanns, von Paul Celan. Du erzähltest uns, wer alles mitgemacht und welche Preise gewonnen habe, wo die Treffen stattfanden und wie sie in etwa verliefen. Als es dann klingelte ‑ wir duzten uns mittlerweile ‑, hast du schmunzelnd gesagt: „Leute, das könnte Ma­rita Lampe sein, die auch bei uns mitmachen will, obwohl es schon reichlich spät ist.“
Du bist aus dem Zimmer geeilt und kurz darauf mit einer Frau zurück­gekehrt, die extrem korpulent und um einiges jünger war als wir und nur mit knapper Not durch die Tür passte. Sie wog schätzungsweise hundert Kilo ‑ bei einer Größe von höchstens einem Meter fünfundfünfzig.
„Kinder, das ist Frau Lampe“, hast du gesagt und uns vorgestellt. Die Lampe ließ sich ächzend in den freien Sessel plumpsen und fragte mit frechem Grinsen: „Na, meine Da­men, wie sieht es denn aus mit der großen Literatur? Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.“ Sie zog ein kartoniertes Bilderbuch aus ihrer Tasche hervor und reichte es dir. ‑
„Auf dem Bauernhof, aha“, hast du gesagt und gelächelt. „Den Text habe ich geschrieben“, trumpfte die Lampe auf, „in nur einer Woche!“ (Das Buch enthielt höchstens 50 Wörter und war denkbar einfach gestrickt.) „Es wurde im Discounter Ex & Hopp verkauft“, schob die Lampe hinterher, nach­dem sich keine von uns dazu geäußert hatte und ein betretenes Schweigen im Raume stand. „Mein Mann hat jede Menge Beziehungen.“
„Äh, na dann“, hat sich Silke räuspernd bemerkbar gemacht.
„Für Kinder zu schreiben ist gar nicht so kinderleicht, wie man meinen möchte“, hast du die Lampe in Schutz ge­nommen, die sich daraufhin nur noch mehr aufgeplustert hat. ‑
„Haben Sie gut hierher gefunden, Frau Lampe?“, hast du dich nach peinlichen Schweigeminu­ten erkundigt, in denen Silke und ich den mageren Inhalt des Buches überflo­gen hatten, während sich dein Schaukelstuhl zu diesem Zeitpunkt noch in ab­soluter Ruheposition befand.
„Aber ja doch“, krähte die Lampe. „Schauen Sie doch mal nach draußen, meine Damen.“ Wir standen auf und drängten uns ans Fenster. Vor der Haustür stand ein schnittiger roter Sportflitzer. Ich fragte mich, wie die Lampe in das grazile Fahrzeug gelangt war; irgendwelche Kampfspuren waren nicht zu entdecken, selbst die massigen Oberarme waren frei von blauen Flecken. Silke rief mich am nächsten Tag an und meinte, dass sie nicht erstaunt wäre, wenn der sensible Edelschlitten eines Tages die Flucht ergreifen und ohne die Lampe davonfahren würde.
Die Lampe wühlte in ihrer Tasche herum und förderte jede Menge Salzgebäck zutage, dass sie auf den Tisch knallte, aber uns war der Appetit inzwischen vergangen. Dein später Gast hingegen langte tüchtig zu und verkündete zwischen Crackern und Brezeln, dass ihr Bruder bei der Deutschen Botschaft in Ankara beschäftigt sei und dass die Diskussion, die derzeit in Deutschland über Kopftücher zugange wäre, völlig daneben ziele. Man solle dieses überflüssige Accessoire endlich verbieten, Schluß und aus! Tschador und Tücher trügen die türkischen und arabischen Weiber ohnehin nur, um auf sich aufmerksam zu machen, um sich von uns deutschen Frauen abzuheben ‑ weil sie glaubten, sie wären was Besseres. In der Türkei hingegen sehe man kaum verhüllte Frauen, und Kopftücher würden dort nur ganz wenige tragen, in Deutschland freilich …
„Na ja, früher habe ich auch oft Kopftuch getragen“, kicherte die Lampe am Ende ihres Vortrags und wartete vergeblich auf Lacher.

Du hattest unterdessen den Schaukelstuhl in Gang gesetzt und erwidert, dass man das Outfit jedem selbst überlassen sollte; außerdem sei das eine Frage der persönlichen Entwicklung; dir täten, wenn im Sommer die Hitze oft uner­träglich sei, Frauen mit Kopftüchern fast ein wenig leid. Die Lampe meinte, dass insbesondere ältere Türkinnen, die fast ausschließlich geschmacklose Designs um ihre Köpfe geschlungen hätten, ihr ästhetisches Empfinden verlet­zen würde, und Silke musterte die Lampe von oben bis unten, als wollte sie sa­gen: du mit deinen Speckrollen hast es gerade nötig.
In London zum Beispiel würde sich kein Mensch über ein Kopftuch oder einen Tschador aufregen, ge­schweige denn (und schon gar nicht) auffällig gucken, hast du schließlich gesagt. Man müsse Geduld mit den Menschen haben. Geduld aber setze Liebe voraus. Die Lampe solle versuchen, die Menschen zu lieben. „Pfffft!“, hat die Lampe gemacht und gekreischt: „Bin ich der heilige Franz von Assisi?“, und ich dachte bei mir: weiß Gott nicht, der war alles andere als verfressen.
„Aber die Kinder! Die Kinder! Haben Sie denn noch nie bemerkt, wie traurig all jene Kinder in die Welt blicken, die an der Hand einer ganz in Schwarz gehüllten Mutter durch die City traben?“, schnaubte die Lampe wie ein wütender Stier. ‑
„Aber doch haupt­sächlich nur deshalb, weil Kinder von Müttern, die darüber lästern, voreinge­nommen sind und die fremd anmutenden Nachbarn und Schulkameraden aus­grenzen oder gar schikanieren“, stellte Silke trocken fest und fischte sich eine Salzstange aus dem Senfglas.
Solange kein Dolch im Gewande stecke oder gar eine Handfeuerwaffe, hast du gegrinst, sei ein wallender Tschador wesent­lich ungefährlicher als ein tratschendes Weib.
Im Laufe der Nacht kamen wir dann auf unsere Berufe zu sprechen, und die Lampe erzählte, sie habe zwei Semester Medizin studiert und sei danach Alten­pflegerin geworden. Ich schaute dich an und erriet auf der Stelle deine Gedan­ken, die den meinen ähnelten wie eine Tomate der anderen. Gott bewahre mich davor, jemals von der Lampe gepflegt werden zu müssen, haben wir beide gedacht.
Die Lampe gab in jener Nacht noch jede Menge Blödsinn von sich. Der abso­lute Hammer jedoch war die Bemerkung, dass es besser sei, wenn man die Juden aus Palästina abkommandiere und in der Welt verteile, damit der Krieg dort endlich ein Ende habe und Ruhe in das Land einkehre. Ständig neue Kämpfe, immer wieder Tote und Verletzte; das sei ja nicht mehr zum Aushalten. Silke hat gegrinst und gesagt, man könne ja einen Teil des jüdischen Volkes in Elsass-Lothringen ansiedeln. Das habe Gaddafi schon vor längerer Zeit vorgeschlagen. „Zum Beispiel“, hat die Lampe ernsthaft zugestimmt und bekräftigend genickt.
„Esther, du bist so still. Dabei hätte ich schrecklich gern gewusst, wie du über den Nahost-Konflikt denkst“, hast du gesagt und mir ganz lieb zugelächelt, und ich habe gemurmelt: „Mir fehlen momentan die Worte ... nur soviel: Gaddafi ist meschugge, und jeder sollte dort leben dürfen, wo er möchte. Das schließt Palästina mit ein.“ ‑
„Sind Sie Jüdin?“, hat die Lampe mit aufgerissenen Augen gefragt.
„Ja natürlich“, log ich und werde niemals dein amüsiertes Lächeln vergessen, weil du meine Schwindelei durchschaut hast.

„Und dann diese Babyklappen! Wenn ich daran nur denke“, wütete die Lampe aus heiterem Himmel in unser verdattertes Schweigen. „Der neueste Trend unserer hochmodernen Gesellschaft. Jedes Weib, das justamente keinen Bock auf ihr Neugeborenes hat, schiebt es schnell mal über die Durchreiche, wie benutztes Geschirr vom Esstisch in den Küchenbereich. Was für ein Jammer!“

Wir schwiegen, und der große Zeiger deiner Wanduhr rückte lautlos voran.

„Damit wir bei unserem ersten Treffen wenigstens einen Hauch von Literatur atmen, bitte ich jede von euch, ein Haiku vorzutragen. Ihr schreibt doch manch­mal auch Haikus, oder?“ Du hast mich fragend angesehen, und ich stotterte schnell und verlegen: „Die Narzissen blühn – / der klamme Gartenhandschuh / verteidigt den Frost.“ Du hast begeistert geklatscht und Silke hat sofort mitge­macht, aber die Lampe grinste ganz komisch.
Dann hat Silke gesagt: „Wie fin­det ihr den: Park, dunkel und leer. / Nur der Wind folgt meiner Spur. / Und plötzlich: ein Hund.“
„Ein Vier‑ oder ein Zweibeiner?“, hat die Lampe gefragt. Und Silke hat erwidert: „Ein ganz süßer weißer Spitz.“
„Wie konnten Sie das wissen, wo es doch dunkel war?“, hat die Lampe gefragt, und Silke hat ganz cool pariert: „Der war mit Persil gewaschen und hat superweiß geleuchtet.“
„Aha“, hat die Lampe gebrummelt und dich feixend angesehen: „Nach Ihnen, werte Gastgeberin, oder wollen Sie sich drücken?“
Du hast den Schaukelstuhl gestoppt, tief Luft geholt und zitiert: „Im Sturm vorm Fenster ‑ / raufende Nachtgespenster: / zwei nasse Laken.“
„Das reimt sich sogar“, hat Silke begeistert gerufen.
„Nun, Frau Lampe?“, hast du gefragt.
„Also, meine Damen“, hat die Lampe daraufhin erklärt, „ein Haiku fällt mir momentan nicht ein, aber ich habe eine Art Aphorismus für Sie, sozusagen eine staatliche Vergünstigung für Beamte, die in einer landwirtschaftlichen Behörde sitzen.“ „Dann mal los“, hast du gesagt. ‑ „Wer tagsüber den Amtsschimmel reitet, darf nachts die Sau rauslassen“, hat die Lampe gekreischt und sich vor Lachen die schwabbelnden Hüften gehalten.
„Sehr witzig“, hat Silke gesagt und keine Miene verzogen, während wir beide ein wenig geschmunzelt haben.
Du hast uns dann gegen halb zwei die Treppen runter bis vor die Haustür ge­bracht, und bevor die Lampe sich in ihr Sportcoupé quetschte und davonge­braust ist, hat sie gezwitschert: „Na dann bis zum nächsten Mal, meine Da­men.“ ‑ Silke erzählte mir später, sie habe, als die Lampe ihre voluminösen Körpermassen in den noblen schlanken Flitzer hievte, ganz fest mit einem Schmerzensschrei gerechnet, den das rassige Fahrzeug aus Gründen der Höflichkeit gewiss unterdrückt hätte.

„Wenn die bei uns mitmachen darf“, hat Silke beim Abschied gesagt, seht ihr mich nie wieder. ‑
„Wir müssen Frau Lampe eine Chance geben“, hast du erwi­dert. „Alles andere wäre Diskriminierung.“ ‑
„Aber wenn dieses dumme Weib womöglich bei jedem Treffen solch ein selten dämliches Zeug quasselt“, hat Silke gemault. ‑
„Sie wird irgendwann merken, dass das nicht gut ankommt“, hast du versucht sie zu beschwichtigen, aber Silke war ohne Gruß in die Nacht geeilt.

Nun wollte ich für Silke ein gutes Wort bei dir einlegen und dich ganz herzlich bitten, Silke zu unserem nächsten Treffen einzuladen ‑ wo doch die Lampe keine Zeit mehr hat, seit sie abends im Seniorenheim die Alten das Gruseln lehrt ...

Ähnlichkeiten mit lebenden oder gar verstorbenen Personen sind rein zufällig und keinesfalls beabsichtigt. Annelie Kelch

Interne Verweise