Ein Traum von Paris

von Mark Read
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Valentin wusste, dass das Leben eines Menschen ein begrenztes Haltbarkeitsdatum besaß und man tunlichst nicht sinnlos Zeit vergeuden sollte, ehe es ungenießbar wurde. Es war ihm bewusst, dass er ein privilegiertes Leben führte, das er mit sinnvolleren Tätigkeiten ausfüllen sollte als Herumsitzen und Warten. Zumal in seiner Wohnung durchaus dringende Aufgaben auf Erledigung warteten. Etwa seine Masterarbeit, die er in wenigen Wochen abzugeben hatte und von der er mit bisher minimalem Aufwand und geringer Motivation erst wenige Seiten geschrieben hatte. All das begriff Valentin, er sah es völlig klar.

Doch er wusste auch, dass Liebe stärker war als rationale Überlegungen. Er kannte das Gefühl, wenn sich das Herz vor Verlangen zusammenzog, nur zu gut. Er wusste, was es bedeutete, jemanden so sehr zu begehren, dass alles andere im Vergleich unwichtig wurde, erst recht die Frage nach dem Dasein oder der eigenen Zukunft. Valentin gab sich keiner Illusion hin. Es war Liebe im Spiel, wenn man an nichts anderes denken konnte als an die eine Person. Und wenn der eigene Tagesablauf im Großen und Ganzen daraus bestand, diese Person aus der Entfernung zu beobachten und jede ihrer Gesten aufzusaugen wie ein Schwamm, mochte die Bewegung auch noch so beiläufig sein.

Beispielsweise liebte Valentin die Art, wie Clara sich die Haare aus dem Gesicht strich. Sie tat dies nicht, wie so viele andere Frauen, mit raschen und strengen Bewegungen. Nein, Clara hob die Haare sanft an und streichelte sie aus ihrer Stirn hinaus. Es war eine Geste, in der viel von der Zärtlichkeit steckte, die Valentin an ihr so liebte. Als würde sie die Haare freundlich hinauskomplimentieren, dachte er, wenn er ihr dabei zusah. Meistens lächelte sie, wenn sie sich die Haare richtete, und auch dieses Lächeln liebte Valentin, weil Claras Wangen dabei leicht erröteten. Auch ihre Wangen liebte er, weil sie ihr außerordentlich schönes Gesicht noch liebenswerter machten, ebenso ihre Stupsnase, außerdem liebte er ihre blassblauen Augen und natürlich die vollen Lippen, deren Schönheit ihn regelmäßig um den Verstand brachten, ganz gleich, ob sie geschminkt waren oder nicht. Claras Hals war ebenfalls von solcher Anmut, dass Valentin ihm in seinem Tagebuch schon ganze Einträge gewidmet hatte.

Er wusste, wie lächerlich alles im Grunde war. Doch es ging nicht anders, er sich sein Verlangen von der Seele schreiben. Er musste Worte für Claras Schönheit finden, und er schrieb sie in karierte DINA4-Hefte, die er wie einen Schatz hütete. Diese Hefte waren der einzige Platz, an dem Clara und er zusammen sein konnten, und zudem der einzige Ort, wo er die Worte fand, die er ihr gegenüber nicht zu sagen im Stande war.

Die Ausdrücke, mit der Valentin Claras Körper beschrieb, waren poetisch, fast schon blumig, und es war ihm stets ein Anliegen, neue, noch romantischere Begriffe zu finden, die ihrer Schönheit gerecht wurden. So hatte er ihren Hals schon mit dem einer griechischen Statue verglichen. Die Farbe ihrer Haut erinnerte ihn an den Frühling in der abgeschiedenen Idylle eines Bergdorfes, irgendwo im Süden Europas. Ihre Schultern waren für ihn die Pfeiler, auf denen ihre Anmut ruhte, denn sie waren fest und stark, gleichzeitig aber auch zart und zerbrechlich.
Clara war schön, Clara war makellos. Und ihr Körper erschien Valentin wie das perfekte Abbild vollendeter Weiblichkeit – schlank, doch dabei keineswegs dürr, und eine unerhört satte Lebenskraft ausstrahlend. Valentin hatte diesen Körper schon nackt gesehen, und er musste nur die Augen schließen, um sich die Bilder in Erinnerung zu rufen. Das zartrosa ihres Teints, er sah es ebenso vor sich wie die kleinen, aber dennoch wohl proportionierten Brüste, auf die er in einem unbeobachteten Moment einst einen kurzen Blick hatte werfen können. Wenn er an ihren Körper dachte, hatte er umgehend wieder den Duft ihrer Haut in der Nase. Wie eine pralle und leckere Frucht roch sie, so kam es Valentin zumindest vor, doch natürlich wie eine Frucht, die nie verfaulen würde.

Und tatsächlich, Clara stand mit vierundzwanzig Jahren in der Blüte ihrer Jugend. Eine selbstbewusste junge Frau, die immer schöner zu werden schien. Valentin mühte sich nicht mit der Suche nach Vergleichen ab. Es gab keinen anmutigeren Menschen auf der Welt als Clara. Sie war ein Engel, der mit jeder Bewegung Sinnlichkeit, Liebe und Grazie ausstrahlte. Schon lange wusste Valentin, dass sie die Richtige für ihn war, nein, mehr noch, die perfekte Frau und die Frau seines Lebens.

Er seufzte. Wie oft er sie nun schon sehnsuchtsvoll aus der Entfernung observiert hatte, seit er sich erstmals über seine Gefühle für sie klargeworden war, wusste Valentin nicht mehr. Es war für ihn keine Pflichtaufgabe, die er erledigte, weil sie eben getan werden musste. Nein, es war eine Berufung, der Liebe seines Lebens beim Leben zuzusehen, und außerdem war es für ihn von existenzieller Bedeutung. Gäbe es Clara nicht mehr, da war er sich mittlerweile sicher, dann gäbe es auch ihn als Menschen nicht mehr.
An den verschiedensten Orten hatte er unbemerkt jede ihrer Bewegungen studiert und aufgesogen, so wie er jetzt die sinnliche Art, in der sie die Cappuccinotasse zum Mund führte, wahrnahm. Beileibe nicht zum ersten Mal stellte er sich dabei mit klopfendem Herzen eine Welt vor, in der Clara alles, was sie tat, für ihn tat. Nur für ihn und nicht für die Freunde, mit denen sie jetzt am Tisch saß. In seiner Traumwelt würde Clara keine Clique brauchen, da sie nur für ihn existieren würde, so wie er nur für sie.
Wie in einem Film sah er ihr hübsches Gesicht vor sich, sie lächelte ihn an, erzählte ihm sinnlos-süße Dinge und träumte dabei von einer gemeinsamen Zukunft. Einer Zukunft, die nur aus ihm und ihr und einigen Kindern bestand, die alle ebenso hübsch wären wie ihre Mutter. Es war eine Welt, in der sie endlich ihm gehörte. Ihm alleine.
Doch wenn Valentin die Augen wieder öffnete, gehörte Clara eben nicht ihm und saß auch nicht an seinem Tisch, sondern am anderen Ende des Cafés in der Baaderstraße. Sie war dort drüben, in greifbarer Nähe und doch so weit weg, denn er war hier, auf der anderen Seite desselben Raumes und doch

"Ein Traum von Paris" entstand im Jahr 2014 und wurde sowohl einzeln als eBook (0,99€) veröffentlicht als auch im Sammelband "Zufällige Bekanntschaften", zusammen mit sechs weiteren Geschichten. Siehe Links unter dem Text.

Bild von: mrhayata / flickr.com / Creative Commons CC BY-SA 2.0
Veröffentlicht / Quelle: 
Veröffentlicht im Sammelband "Zufällige Bekanntschaften" des Autors (Taschenbuch / eBook)

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