Die Gabe "T"

von Alfred Krieger
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Zu Beginn der Zeiten, genauer gesagt, etwas danach, hatte man einem guten Geiste die Aufgabe übertragen, alle Eigenschaften, Gaben und Begabungen aus den Regalen zu befreien, um sie der Welt, der sichtbaren wie der unsichtbaren, zuzuordnen. Gewissenhaftest erst alles zu Verteilende sichtend, machte er sich mit Freude an die Arbeit, sich der Ehre wohl bewusst, dass er damit am Wunder des Schöpfungsgeschehens nicht unwesentlich beteiligt sein würde – er war eben auch ein äußerst kreativer Geist!
Ordnungsliebend – wenngleich auch gelegentlich zur Pedanterie neigend - wie er war, durfte er mit Genugtuung feststellen, dass sich das ursprünglich allgegenwärtige, ihn recht belastende Chaos mehr und mehr in immer verstecktere Schlupfwinkel zurückzuziehen gezwungen sah und so verwunderte es ihn kaum, dass alle Eigenschaften, Gaben und Begabungen fein säuberlich – alphabetisch geordnet – in den Regalen ihre Verteilung erwarteten: Fleiß bei „F“, Geduld bei „G“ , Hilfsbereitschaft bei „H“ und so weiter. Der gute Geist begann also zu verteilen, gleichmäßig, reihum, gerecht und sinnvoll. Was hätte doch den Fischen der Tiefsee in ewiger Dunkelheit die Sehkraft des Bussards genützt? Wäre etwa der behäbigen Schnecke mit der Schnelligkeit des Geparden gedient gewesen?

Der mit der Verteilung Beauftragte war also gezwungen, sich sorgfältigst in die Lebensweisen und Wesensarten seiner Empfänger einzufühlen und seine Aufgabe erschien ihm zunehmend schwieriger. Zudem schienen sich die Regale auch kaum zu leeren, so unerschöpflich war man geneigt, ihren Vorrat zu halten. Oft schon hatte sich der rührige Geist dabei ertappen müssen, an manchen Tagen allzu großzügig verteilt zu haben, gelegentlich überfielen ihn auch garstig an seinem Selbstbilde nagende Zweifel, ob er richtig zugeordnet habe. Es war ihm dann äußerst peinlich, Ausgeteiltes, zumindest teilweise, wieder zurückfordern zu müssen und bis zur weiteren – hoffentlich dann endgültigen – Ausgabe in die Regale zurückzuordnen.

Manches Mal war er schon recht müde geworden, jedoch vermochte es sein ausgeprägtes Pflichtgefühl stets erfolgreich zu verhindern, dass er seiner Aufgabe im eigentlichen Sinne überdrüssig wurde. In diesen verzweiflungsgetränkten Augenblicken stellte er sich aber insgeheim häufig die Frage „WARUM?“.
WARUM hatte man gerade ihn mit dieser schwierigen Aufgabe betraut?
WARUM sollte gerade er dafür überhaupt geeignet sein?
WARUM auch hatte man ihm zudem das schwer einzuhaltende Versprechen abverlangt, sich nicht selbst aus den Regalen auch nur ein klein wenig zu bedienen?

In diesen Momenten hätte er bei „D“ einige Körnchen Durchhaltevermögen, bei „S“ ein paar Tröpfchen Selbstvertrauen und bei „Z“ einige Milligramm Zuversicht selbst dringendst nötig gehabt. „WARUM-Fragen machen alles nur schwerer!“, dachte er sich, „Antworten darauf lassen sich oft allzu schnell als Scheinlösungen enttarnen, da der Fragende lediglich momentan beruhigt, nicht aber wirklich zufriedengestellt werden kann.“ Also machte sich der gute Geist - nach einem fast unhörbaren Seufzer – wieder an die Arbeit. Er verteilte an die sichtbare und unsichtbare Welt, wie man es ihn geheißen hatte und so schenkte er dem Abendrot sein geheimnisvolles Leuchten, den Bergen ihre majestätische Ausstrahlung, der Physik ihre Gesetze, der Mathematik die Logik, der Philosophie die Lust am Hinterfragen, den Künsten ihren Zauber, den Blüten ihren oftmals geradezu betörenden Duft, der Katze die elegante Geschmeidigkeit ihrer grazilen Bewegungen und den Eiskristallen ihr feuriges, brillantengleiches Funkeln …

Die Regale begannen sich langsam zu lichten …

... Jetzt erst erschienen die Menschen. Scheu und hilflos, wie sie waren, taten sie ihm in ihrer Unselbstständigkeit leid, zumal er die meisten seiner Gaben, die er ihnen hätte zuordnen können, bereits verteilt hatte! Die Fähigkeit, sich in den Lüften zu bewegen, war schon lange an die Vögel und Insekten ausgegeben, die Schnelle der Bewegung zu Lande und zu Wasser konnte er ebenfalls nicht mehr zurückverlangen! Es war eben vieles zu seinem tiefsten Bedauern nicht mehr auf Lager. Da er aber ein guter und gerechter Geist war, versuchte er, die Benachteiligugen derer, die ohne ihr eigenes Verschulden zu spät gekommen waren, so gut er es vermochte, auszugleichen. Geraume Zeit die Regale immer wieder von „A“ bis „Z“ durchmusternd, fand er selbst kaum mehr zur Ruhe, aber er wurde fündig! Die Gabe, auf eine besonders bewegliche Art und Weise zu denken, erschien ihm zumindest als eine gute Voraussetzung, um die nicht zu verleugnenden sonstigen Mängel potentiell auszugleichen. Nachdem er diese Lösung gefunden hatte, führte er, beruhigt und von neuer Zuversicht begleitet, seinen ursprünglichen Auftrag zu Ende. Er verteilte und beschenkte, immer wieder auch jene bedenkend, die schon etwas erhalten hatten, nichts und niemanden vergessend oder benachteiligend …

Schließlich war nur noch eine Gabe zu verteilen – in der Abteilung „T“. Nicht, dass ihre Verpackung unansehnlich oder gar abstoßend war, sie wirkte eher unscheinbar und hatte nichts Auffallendes oder die Neugierde Aufforderndes an sich. War ihm diese Gabe deshalb bis zuletzt übriggeblieben, so fragte sich der gute Geist. Er unterzog das Geschenk einer näheren Untersuchung. Es war auffallend schwer und als er schließlich wusste, womit er es zu tun hatte, war es ihm kein Leichtes, diese letzte Eigenschaft gerecht aufzuteilen. Zudem kamen ihm gewisse Zweifel, ob er damit wirklich eine „Gabe“ austeilte. Erst als er sich bemüht hatte, den Begriff „Gabe“ wertfrei zu interpretieren, eben nur als etwas, das „gegeben“ wurde, als er den Begriff also vom Glanze eines sogenannten „Geschenks“ befreit hatte, fand er, dass schon alles so seine Ordnung habe und ein Fehler der Lagerhaltung – von ihm bereits vermutet – auszuschließen sei.

So fing er also an, homöopathische Mengen an alles und jedes zu vergeben, was allerdings den Nachteil beherbergte, dass ihm viel zu viel der Gabe „T“ übrig blieb. An wen sollte er nur diesen gewaltigen Rest, diesen Löwenanteil, abgeben?

NEIN - nicht an die Lebewesen der Tiefsee, die ohnehin in ewiger Finsternis zu leben gezwungen sind!
NEIN – keinesfalls an die Vögel der Luft, deren Flugsicherheit darunter leiden könnte!
NEIN- auch nicht an die menschlichen Hochleistungssportler, sie könnten dann womöglich keine Erfolge mehr erringen!

Der gute Geist überlegte und überlegte. Diese letzte Eigenschaft war anscheinend nicht mehr sinnvoll unterzubringen! Er suchte – denn er war ein sehr gerechter Geist – der Not gehorchend nach einem möglicherweise etwas zu reich beschenkten Lebewesen. Im Menschengeschlechte schließlich glaubte er gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte. Es gab darunter einige, mit mindestens ordentlichem Verstande gesegnet, mit Einfühlungsvermögen von ihm ausgestattet, sensibel auch für andere, reich an künstlerischer Kreativität, nicht arm an Phantasie und reichlich von ihm bedacht mit einem gütigen, oft allzu hilfsbereiten, mitfühlenden Herzen. Diese – so erschien es ihm jetzt nach genauerer, selbstkritischer Prüfung – hatte er schon recht großzügig aus seinen Regalen bedient! Es blieb ihm keine andere Wahl, als ihnen die Gabe „T“ noch zuzuordnen, hielt er sie als einzige auf Grund ihrer sonstigen Voraussetzungen zumindest dafür nicht ungeeignet, damit notfalls umgehen zu können. Ihre Kreativität, ihre Phantasie könnten von der schwergewichtigen Gabe möglicherweise sogar eine nicht unwesentliche Bereicherung erfahren, so tröstete er sich.
Geschafft – er hatte die letzte Gabe namens Traurigkeit aus ihrem eintönigen Regalleben befreit!

Er setzte sich auf den Gipfel eines sehr hohen Berges und hätte – nach Erledigung seines Auftrages, der ihm oft große Sorgen bereitet hatte – glücklich sein sollen. Er war es nicht, er war nicht einmal im eigentlichen Wortsinne zufrieden.

Hatte er sich – wider sein Versprechen, das Verbot missachtend – einen Teil der Gabe „T“ zur eigenen Verwendung zurückbehalten, um ihn nicht austeilen zu müssen?
Es liegt im Rahmen des Möglichen, denn er war ein wahrhaft guter Geist!

entstanden: 3/2007

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Kommentare

22. Jun 2016

Der Beitrag ist - wie gewünscht - zu den Parabeln umgezogen. LG

22. Jun 2016

DANKE für Ihre Bemühungen im Namen meines Beitrages. Ich darf Ihnen versichern, dass er sich dort viel heimischer fühlt als unter den "Viechereien" in der Fabelabteilung!
... und ich bedanke mich für das "lesenswert"!