Abschied von Snow

Bild von Susanna Ka
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Carsten holte den Katzenkorb aus seinen Auto und flüsterte liebevolle Worte zwischen die Gitterstäbe.
„Wir waren beim Kardiologen“,
beantwortete er meinen fragenden Blick.
„Snow hat starke Herznebengeräusche, außerdem hat sie innerhalb kürzester Zeit ein ganzes Kilo abgenommen, ist von vier auf drei gerutscht …“
Seine Hände zitterten und aus dem Katzenkorb kam ein klägliches Miauen.
Unsere Liese, die mir über den Parkplatz gefolgt war, miaute ebenfalls. Sie wusste, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. In den vergangenen Wochen war sie ihrer Freundin Snow nicht von der Seite gewichen. Ich hatte die beiden oft beobachtet, wie sie Körper an Körper am Rande des Parkplatzes entlangschlichen. Langsam, so als wäre eine von beiden krank oder verletzt. Auch, dass Snow mit der Zeit immer schmaler wurde, war mir nicht entgangen.

Snow war das ranghöchste Weibchen der Gruppe von Freigängerkatzen, die durch unsere Vorstadtsiedlung und die benachbarte Gartenkolonie streift.
Sie wohnte mit Carsten einem Reihenhaus, dem unseren gegenüber, und hatte sich, als wir vor fünf Jahren hier her zogen, sehr schnell mit unseren beiden „wohnungsnahen“ Katzen angefreundet. Mit Tom, dem goldbraunen Tiger, pflegte sie, nach anfänglichen Auseinandersetzungen, eine gute Nachbarschaft, und für unser damals noch sehr junges Lieschen wurde sie zu einer Art Ersatzmutter. Es war ein schönes Bild, die beiden schwarzweißen Katzen nebeneinander liegen zu sehen, mit fast identischer Zeichnung, die Zorromasken über den Augen, ein grüner und ein goldbrauner Blick.

Die Tage nach ihrer erschreckenden Diagnose verbrachte Snow unter unserer Hecke. Dort lag sie im Schatten, konnte das Geschehen auf dem Fußweg beobachten und ich sah gelegentlich nach ihr.
Sie war nie allein, denn Katzen sind mitfühlende Wesen. Einen kranken Artgenossen oder ein sterbendes Tier begleiten sie bis zum Ende. Und so sah ich, wie sich all die mir bekannten und unbekannten Katzen aus der Nachbarschaft unter der Hecke einfanden. Unsere Liese saß die ganze Zeit bei Snow und wich nicht einmal zum Fressen von ihrer Seite. Ich sah Tom, unseren Goldbraunen, den pummeligen Kasimir vom Ende der Straße, die grazile Schwarze aus den Wohnblocks, eine kleine, graubraune Tigerin, und sogar die schöne Bengalin, die unserem Tom gelegentlich durch die Katzenklappe folgt, war sich nicht zu schade. Im tiefsten Schatten der Hecke kauerte Panta rhei, unser verwegener „Außenkater“. Auch er war gekommen, Snow die letzte Ehre zu erweisen.

Gestern früh, im Morgengrauen, erschien Minkus.

Minkus, der große Graue, der Vogelfänger, der einzige Kater, der Snow in die Schranken weisen konnte. Und der doch so verspielt war, wie ein kleines Kätzchen.
Zuerst dachte ich, ich hätte mich geirrt, denn Minkus hatte vor zwei Jahren die Katzengruppe verlassen. Er musste damals schon ein einem biblischen Alter gewesen sein. Da er nicht wieder auftauchte, übernahm Snow seine Position an der Spitze der Gruppe.
Der schwere Kater, dem der Bauch schon fast auf dem Boden hing, erschien mit einem Male federleicht. Als schwebe er über dem Rasen und sein Fell, früher grau und schattig, fluoreszierte im Licht der Straßenlaterne.
War er gekommen, um Snow abzuholen?
Ein tröstlicher Gedanke, denn Minkus würde sie sicher über die Regenbogenbrücke geleiten.

Seit heute Mittag liegt Snow nicht mehr unter der Hecke. In der Siedlung ist es ungewöhnlich still. Es herrscht eine gedrückte Stimmung. Niemand kramt im Garten oder mäht Rasen, man hört kein Gelächter, keine Kaffeetassen klirren, und selbst die Kinder rumpeln nicht mit ihren Bobby Cars über den Parkplatz. Die Katzen sind verschwunden. Ich weiß, dass sie alle in Carstens Garten herumlungern, und ich weiß auch, dass er Katzenverstand genug hat, sie gewähren zu lassen. In seinem Wohnzimmer liegt Snow in ihrem Korb. Carsten, ihr geliebter Mensch sitzt bei ihr, bestimmt auch unsere Liese und Minkus, ihr Seelenführer.

Noch habe ich es nicht gehört, das Klagelied der Katzen, das schaurige Heulen, das sie ausstoßen, wenn eine von ihnen auf eine andere Ebene wechselt. Aber es kann jeden Moment so weit sein.

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Kommentare

22. Aug 2016

Hier finde ich wieder eine Bestätigung, dass Tiere Seelen haben. Eine anrührende Geschichte. Hab über Katzen viel gelernt. Welch ein Glück, mit Tieren leben zu können.
LG Monika

22. Aug 2016

Ja, sie haben Seelen, und Gefühle und Verstand - oft mehr als wir.
Mit ihnen leben zu dürfen und ihr Vertrauen zu genießen, ist ein großes Geschenk.
Herzlichen Dank für Deinen Kommentar und Deinen Klick.

Liebe Grüße, Susanna

22. Aug 2016

Schön passt der Text zum Katzen-Wesen -
Sehr gerne hab ich ihn gelesen!

LG Axel

24. Aug 2016

danke, lieber Axel !

Herzliche Grüße, Susanna