Die Aspergill-Grotte

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E L E C T R I C B O O G A L O O

PROLOG: Ja, ich gebe es zu. Ich trage die alleinige Schuld an der Corona-Pandemie. Ich alleine. Da kann
Donald Trump noch so oft die Chinesen beschuldigen... Diese Geschichte beweist es eindeutig. Ich war es!
Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa! Ich kann meine Zerknirschung kaum in lasche(t) Worte kleiden!

Eher zufällig schlenderte ich am Eingang zu einer Art Katakombe vorbei. Ein matter, neongrüner Schimmer-Pfeil deutete nach unten. Es blitzte kurz auf: "Electric Boogaloo" stand dort zu lesen. „Nur heute!“ Und da ich von Natur aus ein wirklich interessierter Charakter bin, sagen wir es ruhig, extrem neugierig und auch ein wenig sensationslüstern, ging ich, rasch entschlossen, die steilen Steintreppen hinab. Ich staunte nicht schlecht. Links und rechts stand, in gewaltigen Lettern: „Zum heiligen Aspergill“. Und immer wieder dieser Schimmer-Glimmer-Pfeil. Es gab ja nur diese eine Richtung, so erschloss sich dieser Hinweis nur schwer. Nun befand ich mich in der Katakombe. Neugier trieb mich an. Was mich wohl erwartete? Was bedeutete Electric Boogaloo? Dieses Wort hatte ich noch nie zuvor gehört. Aber es klang höchst interessant. Ein Radio-Komiker hätte sofort darauf geantwortet: „Isses aber nich...“ Auch kannte ich diese Gegend eigentlich recht gut. Nie zuvor war mir dieser Eingang mit der steilen Treppe aufgefallen. Nie hatte ich hier zuvor von einer Katakombe gehört, oder gar vom heiligen Aspergill. Alles sehr merkwürdig. Ist ein Aspergill nicht ein liturgisches Gerät zum Weihwasser-Besprengen? Mit einem Schwamm in der Kugel? Mehr als verwirrt schritt ich voran.

Tuff-Gestein? Hier? Ich prüfte die Wände. Nein, das war nur eine Nachbildung, aber sehr gut gemacht. Man könnte denken... Da wankte ein Mann an mir vorbei, mit arg wirren Haaren und verwirrtem Blick, ein reichlich irrer Anblick, da ja alles in mattschimmernd- neongrünen und nebelartigen Dunst-Wolken waberte. Hinzu kam ein äußerst bizarrer Ton. Es bitzelte und britzelte in der Atmosphäre, so, als sei sie mit drei Millionen Volt angereichert. Dieser Mensch taumelte an mir vorbei und murmelte dabei etwas wie „Electric Boogie, Mann... Voll der Boogie...“ Es roch nun ein wenig verbrannt, wie nach gebrannten Mandeln (aber ohne die besondere würzige Süße), durchaus nicht unangenehm. Die Atmosphäre? Grünlich wabernd, ein wenig bizarr und irgendwie Unheil schwanger. Ein B-Movie-Regisseur, der gerade seinen ersten Zombie-Film kurbelt, hätte es exakt so gestaltet, sein Set. Unsicher und durchaus auch ein wenig ängstlich ging ich weiter. Was würde mich hier erwarten? Was ging hier vor sich? Dieser schwankende Mensch hatte mich beunruhigt.

Der Gang schien endlos. Dann, endlich, kam ich in eine Art Grotte, einer Nachbildung der aus dem Schweizerischen Kanton Tessin bekannten Grotto-Gaststätte. Inmitten eines bunten Haufens verschiedener Menschen, mit Weingläsern in der Hand, fand eine Verkostung statt. Eine junge, sehr hübsche Dame kam auf mich zu: „Wünschen der Herr einen Chardonnay zu kosten?“ Bin ja eigentlich mehr der Rotwein-Typ, aber diese Frau war so bestechend schön, und ihr geschürztes Schnütchen machte mich sofort und ohne jede Verzögerung zu ihrem Leibeigenen. „Ja, gern...“ hörte ich mich flüstern. Mir wurde ein Glas gereicht, darin schlummerte die Burgunder Köstlichkeit, vorab befüllt. Ich sah mich um. Überall standen da Personen herum, mit Gläsern in der Hand. Einige sahen grotesk aus. Die pittoreske Umgebung, diese merkwürdigen und befremdend wirkenden Menschen, der Geruch (wie in einer Wäscherei, angereichert mit dem Duft von Weihrichkarzln und verbrannten Haaren), all das zog mich in einen mind-boggling-Bann, der leicht hypnotisch wirkte. Ohne Zweifel machte mich all das willenlos. Die Atmosphäre, der Geruch, diese Frau, waberndes Grün. Bei Grün werde ich schwach. Es ist nun einmal meine absolute Lieblingsfarbe. Alles, was grün ist, ist für mich auch schön, interessant und angenehm. Von Gurken über Wasabe bis hin zu Erbsen, vom Gras bis zu den grünen Hügeln in Irland - grün ist irgendwie voll mein Ding. Kennt jemand das Lied „Grün, grün, grün, ist alles, was ich habe...“? Dies Lied hatte es mir bereits in meiner Kindheit angetan. Und ich lebte diesen Song, wahrlich, ich lebte ihn.

„Heute ist Electric Boogaloo-Tag, der Herr“, säuselte diese direkt einer Modelagentur entsprungenen Nymphe mich an, „Sie erhalten diesen Chardonnay also mit einer, na sagen wir mal, besonderen Note. Das Verkostungs-Erlebnis wirkt nachhaltig und sehr -ähem- eigen, auf manche Menschen bisweilen sogar bizarr. Wenn Sie dennoch ein Glas dieses erlesenen Götter-Saftes zu probieren wünschen, so geschieht dies auf Ihren ureigenen Wunsch, der Herr. Falls Sie dem zustimmen, bitte ich Sie, mir diese Unbedenklichkeitsbescheinigung seitens unseres Unternehmens, der Dr. Etzwald M. Purgatori & Söhne GmbH, freundlichst zu unterzeichnen.“ Dieser betörende Akzent. Sie trägt ein Namensschildchen: "Repräsentantin der Purgatori & Söhne Weinhandelsges. m.b.H." Darunter, in geschwungener Schönschrift: >USCHI<. Ich hatte immer nach dem schönsten Frauen-Vornamen der Welt gesucht. Nun kannte ich ihn. Es ist nicht Engeline, Leandra, Cassiopeia, Tabeah oder Madita, nein, es ist Uschi. Definitiv. Dabei bleibe ich. Und neben diesem wundervollen Namen dann auch noch dieser Akzent. Plus Flair, Eleganz, Schönheit und Grazie. Aber vor allem sprach mich der Akzent an.

Österreich. Ein wenig klagend, leicht vorwurfsvoll, aber auch liedhaft und aufreizend niedlich. Ich liebte diese Göttin der Weinprobe. „Woher stammen Sie, mein Kind?“ - Im Stil eines Eintänzers, dachte ich dabei, peinlich... „Aus Spittal an der Drau, das liegt im schönen Oberkärnten, der Herr!“ Dieses Lächeln. Goldlöckchen steckte eine Art Schlauch in mein Glas. Ich sah, dass er zu einer Apparatur führte, die mitten im Raum stand. Alle Weinkoster hatten diesen Schlauch in ihren Gläsern. Er wurde am Glasrand rasch mit einer winzigen Foldback-Klammer befestigt. Mir schien es so, als sei diese wunderschöne Frau mit Modelmaßen die einzige Mitarbeiterin in der Grotte. Vielleicht besteht Purgatori & Söhne nur aus den Herren Etzwald und seinen Söhnen, möglicherweise deren drei - und eben dieser wundervollen Wesenheit aus Spittal an der Drau in Kärnten.

Diese Apparatur, mitten im Raum, schien das Zentrum der Verkostungs-Zeremonie zu sein. Das alles hatte leicht religiös-rituellen Charakter. Auf dem längeren, recht biegsamen Stab thronte eine mit vielen Löchern durchsetzte große Kugel, in der die langen Schläuche endeten. Das Aspergill gab in sanften Schwingungen einen hohen Ton von sich, ähnlich einer singenden Säge. Zudem, pulsierend, sandte

Wann dürfen wir denn endlich mal wieder in ein Restaurant? Wann nur? Corona neeeeervt!!

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Kommentare

24. Apr 2020

Wie wunderbar geschrieben, sehr unterhaltsam und kurzweilig. Und ich glaube, die Uschi ist mir bekannnt. ;)
Tolle Geschichte!

Herzliche Grüße
Ella

25. Apr 2020

Stimmt, Ella - Du kennst die Uschi.
Vielen Dank für Dein Lob. Gruß von
Gherkin

28. Apr 2020

Liebster Gherkin,

es ehrt mich, wenn Du mich so nachhaltig sinnlich beschreibst, wenngleich ich persönlich einem netten Château Ausone
Saint-Émilion 1er Grand Cru Classé A 1999 vielleicht doch den Vorzug gäbe.

Alleine der sprichwörtlichen Vollmundigkeit wegen...Das Château Ausone, das wohl beste Weingut des Bordelais, dem mit diesem ganz besonderen beispiellosen Cuvée, mit dichter purpurner Farbe und einer unglaublichen Fülle an Aromen, von zarter Eiche über getrocknete Früchte bis hin zu reifen Heidel- und Brombeeren, ein ganz besonderer Tropfen gelang der auch durchaus als Wertanlage angesehen werden darf.

Ich hoffe Deine Geschmacksnerven haben sich mittlerweile regeneriert und freue mich in Deine Geschichte eingegangen zu sein.

Herzlich liebe augenzwinkernde Grüße zu Dir
vom Wienermädel

30. Apr 2020

Einen freundlichen Gruß entbiete ich, liebreizende Uschi,
hast wohl Ella erst mal vorgeschickt, was? Den von Dir
beschriebenen Wein könnte ich mir nicht mal leisten,
wenn ich 3 Jahre drauf sparen würde. Exzellent. Dass
Du die Scham überwunden hast, und Dich zu Deiner
Geschichte äußerst, halte ich für mutig. Und ich muss
sagen, um Dir die Schamröte ins Gesicht zu treiben:
Doch, man kann aus der Entfernung verliebt sein. Das
Happy End bleibt uns verwehrt (der Altersunterschied),
aber sei gewiss: Mehr Huldigung als in der Aspergill-
Grotten-Story kann ich keinem Mädel zuteil werden
lassen. Ob nun Wien oder Spittal, es ist Deine Story.

Danke für die herzlichen, augenzwinkernden Grüße.

Immer der Deine, Gherkin (kann leider fast nur grotesk;
ich wünschte manchmal, ich könnte auch völlig normal)

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