Wir waren jung - Page 2

von Mark Read
Mitglied

Mir war schleierhaft, wie man sich in dieser Gesellschaft, auf diesem Parkett zu Hause fühlen konnte. Natürlich war mir klar, dass nicht alle jungen Menschen heutzutage derart sinnentleert und niveaulos vor sich hinlebten wie die Leute hier. Doch ich war mittlerweile Zyniker genug, um aus dem Verhalten der Anwesenden einen gesellschaftlichen Trend abzuleiten, der empirischer Überprüfung standhalten sollte. Ich versuchte, mich an meine eigene Zeit als junger Erwachsener zu erinnern. Waren wir damals auch so? Mit Sicherheit nicht. Allerdings bewegte ich mich auch stets in anderen Kreisen. Wir interessierten uns nie übermäßig für Mode und stellten uns untereinander nie so zur Schau. Die Menschen, mit denen ich mit umgab, begeisterten sich vor allem für Literatur und für Musik. Wir diskutierten auch viel über Politik und über gesellschaftliche Probleme. Doch vor allem wussten wir noch, wie man Spaß hat, ohne sich wie ein Vollidiot aufzuführen.
Klar, die Frauen in unserer Gruppe und die Frauen, in die wir verliebt waren, interessierten sich ebenfalls für Mode. Natürlich auch sie, der Grund meiner Anwesenheit an diesem Ort. Sie war immer sehr hübsch gewesen und kaufte gerne Klamotten ein. Manchmal begleitete ich sie dabei und streifte mit ihr durch die Läden in der Kaufingerstraße. Sie war schön und versprühte unbändige Lebensfreude, wie so viele andere junge Frauen. Aber sie sah das Shoppen nie als ihren Lebensinhalt an und tat es nicht zum Selbstzweck. Sie hatte Stil. An ihr sah alles gut aus, sie war eine echte Naturschönheit mit einer Ausstrahlung, die den hier anwesenden Fashionistas völlig fehlte. Bei unseren Auftritten waren die Blicke der Männer im Publikum stets auf sie gerichtet, nicht nur weil sie die Sängerin war. Sie spürte das, und ich wusste, dass es ihr gefiel.
Möglich, dass meine Erinnerung mir einen Streich spielte oder dass ich bereits in das Alter kam, in dem man seine eigene Jugend romantisch verklärte. Aber die Parties, auf denen ich vor ein paar Jahren noch regelmäßig war, waren mit Sicherheit weitaus lustiger und lockerer als diese Veranstaltung hier. Vielleicht lag es daran, dass meine Generation sich zumindest noch schemenhaft an eine Zeit ohne Internet und soziale Netzwerke erinnern konnte. An eine Zeit, in der man tatsächlich in einer kleinen Gruppe Spaß haben konnte, ohne den Zwang, den Rest der Welt daran teilhaben zu lassen.
Einen Schluck aus meiner Bierflasche nehmend, betrachtete ich wieder die jungen Menschen von heute, die sich redlich bemühten, Spaß zu haben, ohne offenbar genau zu wissen, wie das ging. In gewisser Weise taten sie mir leid. Im Gegensatz zur Generation Web 2.0 hatten wir es früher nicht nötig, eine Rolle zu verkörpern. Offenbar galten heute nur noch die coolen Internet-Zyniker was, die zu allem süffisante Kommentare posten konnten. Ein höchst unsympathischer Menschenschlag. Es war offenbar kein Zuckerschlecken, ein Hipster zu sein. Man musste immer und überall erreichbar sein und durfte es sich auch nicht leisten, sich nicht für etwas zu interessieren.
Man musste immer auf der Höhe der Zeit sein. Immer auf der Jagd nach dem perfekten Lebenslauf, dem nächsten Praktikum, dem Traumjob im Ausland. Da war es irgendwie zwangsläufig, dass das echte Leben auf der Strecke blieb. Was ich hier vor mir sah, waren passgenau genormte und geformte Menschen, die zwar in unterschiedlichen Kleidern stecken mochten, aber dennoch so eigenständig wirkten wie Hennen in einer Legebatterie.
All diese Erkenntnisse flogen mir zu, während ich abgesondert in einer Ecke des Innenhofes stand. Diese Party langweilte mich nicht nur, sie bedrückte mich. Ich hoffte, es würde nicht mehr lange dauern, bis das Konzert endlich begann. Und bis sie leibhaftig vor mir stehen würde. Sie würde meinen Abend retten, das wusste ich. Für das Wiedersehen mit ihr nahm ich all das gerne in Kauf. Mein Blick schweifte umher, doch ich sah sie nicht. Was mich auch nicht erstaunte. Warum hätte sie sich auch so kurz vor ihrem Konzert unter die Leute mischen sollen? Sie saß wahrscheinlich im Backstage-Raum bei ihrer Band und bereitete sich auf den Auftritt vor. In den letzten Jahren war sie, wie ich ihrer Internetseite entnehmen konnte, durch verschiedene Länder getourt und hatte sogar mehrere Auftritte im Fernsehen absolviert. Aus ihr war ein echter Profi geworden. Eine Musikerin mit Leib und Seele war sie schon immer gewesen, doch jetzt fuhr sie nach und nach die Früchte ihrer Arbeit ein. Ob sie gegen das Lampenfieber immer noch direkt vor den Auftritten eine Zigarette rauchte, wie früher? Obwohl im Grunde Nichtraucherin, pflegte sie dieses Ritual schon in ihren Anfangstagen. Als wir noch gemeinsam in einer Band spielten. Wie lange das schon wieder her war.
Ich erinnerte mich an unsere erste Begegnung. Wir waren beide von der Schule frisch an die Universität gekommen, zwei junge Erwachsene vom Land, die unsicher ihre ersten Schritte in der großen Stadt unternahmen. Im Einführungsseminar für deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts fiel sie mir sofort auf. Nicht nur wegen ihres kastanienbraunen Haares und ihrer wirklich schönen Augen, sondern weil sie immer durchdachte und kluge Antworten gab, ohne je abgehoben oder neunmalklug zu wirken. Von ihr ging eine Ausstrahlung aus, die mich sofort in ihren Bann zog.
Zwei Wochen dauerte es, bis ich sie ansprach. Oder war es anders herum? Unser erstes ernsthaftes Gespräch in der Uni-Cafeteria drehte sich um Musik, was sonst. Wir trafen uns häufig, gingen zusammen auf Studentenparties, fanden einen gemeinsamen Freundeskreis. Und irgendwann gründeten wir eine Band. Sie sang und machte ein wenig Percussion, ich spielte Gitarre. Lauter Rock, irgendwo zwischen Indie und britischem Alternative Rock. Am Abend nach unserem ersten Auftritt wurden wir ein Paar.
Als hätte mein Gedächtnis etwas gegen diese Erinnerung einzuwenden, verschluckte ich mich in diesem Augenblick an meinem Bier. Ich musste mehrfach kräftig husten. Unsicher blickte ich umher, doch niemand schien mich bemerkt zu haben.
Mittlerweile waren die Menschen um mich herum andere. Eine Gruppe von Angestellten des gastgebenden Unternehmens sprach miteinander auf Englisch. Ich fragte mich, wann genau es modern geworden war, das Englisch der pickelgesichtigen US-Teenagerinnen nachzuahmen, mit deren ungewollten Schwangerschaften die Musiksender mittlerweile ihr Programm füllten. It's like, like, totally cute and so awesome. No way. That's like, pretty cool, like really awesome. You're so sweet. Oh, like, yeah,

"Wir waren jung" entstand im Jahr 2013 und wurde zusammen mit fünf weiteren Erzählungen im Sammelband "Bevor es zu spät ist" (2014) veröffentlicht.

Veröffentlicht / Quelle: 
Im Sammelband des Autors "Bevor es zu spät ist" (Taschenbuch und eBook bei Amazon)

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