Der Besuch der alten Fabel

von Dieter J Baumgart
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Wie ich auf die Themen meiner Geschichten komme? Sehen Sie – ja, das ist etwas, darüber denke ich selbst manchmal nach. Ich werde natürlich auch oft danach gefragt und... Nun, es ist sehr unterschiedlich, und ich schreibe ja auch nicht so häufig – es ergibt sich einfach. Vielleicht in der Rückerinnerung an einen Traum – oder auch ein Gedanke, der mich schon längere Zeit bewegt.

Wie ich schon sagte, schreibe ich nicht viel. Aber es kommt auch selten vor, daß ich eine Geschichte beginne, die ich dann verwerfe. Eher kann es schon sein, daß ein Manuskript Jahre in der Schublade liegt. Nicht, daß es in Vergessenheit geraten wäre, aber die Geschichte ist noch nicht da, wenn Sie verstehen, was ich meine. Andererseits gibt es mehrere kürzere Texte – da wären zum Beispiel die Parabeln Schmetterlinge, Am Anfang war ein Wort, um nur einige zu nennen – die habe ich an einem Tag geschrieben, und die gingen nahezu unverändert in Druck. Nicht selten waren das auch Geschichten, deren Handlung sich erst während des Schreibens entwickelte, und deren Ende mich selbst überraschte.
Lassen Sie mich nachdenken...
Ja, da war einmal eine solche Situation – sozusagen auf der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. Allerdings ging es da nicht um eine Geschichte. Ich war dabei, einen Brief an Freunde zu schreiben, und hatte eben ein neues Blatt in die Maschine gespannt... Nein, einen PC hatte ich zu dieser Zeit noch nicht. Meine Gedanken scheuten vor der Elektronik – nun, wie ein alter Gaul, der vor einen neuen Wagen gespannt werden soll, wo er doch das Geklapper der alten Kutsche gewohnt ist.
Ich sitze also an der Schreibmaschine – und auf einmal klopft es. Nein – nicht an der Tür. Es klopft in der Schreibmaschine. Nicht sehr laut, aber vernehmlich –, links unten, so etwa zwischen dem X und dem Y. Ein wenig irritiert betrachte ich meine Finger, um sicher zu sein, daß nicht ich selbst es bin, der da klopft. Aber nein, es ist kein Irrtum möglich: Eine Hand, es ist die linke, ruht auf dem Schädel links neben der Lampe – nein, es ist nicht mein eigener; er hat vor langer Zeit mal jemand Anderem gehört – und die rechte Hand hält einen Bleistift, denn ich war eben im Begriff, einen Gedanken handschriftlich vorzuformulieren, als das Klopfen einsetzte.
Es ist tatsächlich kein energisches Klopfen, gleichwohl ist es unüberhörbar. Etwa so, wie jemand anklopft, der sich nicht ganz sicher ist, ob er willkommen ist, sich aber auf keinen Fall abweisen lassen will.
„Herein!“ sage ich und komme mir im gleichen Moment etwas albern vor... Schließlich kommt das Klopfen aus der Schreibmaschine. Trotzdem wandert mein Blick zur geschlossenen Zimmertür, an der sich allerdings nichts rührt. Etwas verwirrt wende ich mich wieder der Schreibmaschine zu und stelle fest, daß sie – ohne mein Zutun – zu schreiben beginnt. Ratlos betrachte ich den Schädel zu meiner Linken. Ein Lächeln scheint seine blanken Kiefer zu umspielen. 'Nein, mein Freund', scheint er zu sagen, 'dieses Rätsel mußt du wohl allein lösen.'
Die Schreibmaschine verstummt. Auf dem eingespannten Bogen steht nur ein Satz: „Guten Tag, ich bin eine Geschichte, darf ich...?"

„Das ist ja fabelhaft!“ entfährt es mir.

„Ja“, klappert es freudig erregt auf die Schreibwalze, „ich bin eine Fabel! Aber du kennst mich nicht. Ich – ich bin schon sehr alt...“

„Na, dann schieß' mal los!“ sage ich und überlege im gleichen Moment, ob das der richtige Umgangston im Gespräch mit einer Fabel ist. Zögernd schlagen Tasten an, Buchstabengruppen erscheinen auf dem Papier. Aber sie ergeben keinen Sinn. „Entschuldige“, sage ich in eine Pause hinein, „ich kann dich nicht verstehen.
Manche Wörter kenne ich aus alten Büchern, aber andere...“

„Oh, das ist schade“, lese ich, „ich dachte, du seiest ein Dichter.“

Schweigen.

„Wenn du eine Fabel bist“, beginne ich nach einigen Minuten und vergeblichen Versuchen, mir darüber klar zu werden, ob ich ein Dichter oder ein Schriftsteller bin, „wenn du eine Fabel bist, dann hast du doch sicher auch eine Moral?“
Vielleicht, denke ich, wäre das ja eine Möglichkeit, die Fabel zu verstehen. Schließlich ist es ja der Sinn einer Fabel, eine Moral zu vermitteln. Ihr einziger Sinn, führe ich den Gedanken etwas boshaft fort, denn das mit dem Dichter – also daran habe ich doch etwas zu knabbern... Gespannt hefte ich den Blick auf die Tastatur und bleibe zwischen dem X und dem Y hängen, als läge da der Schlüssel zur Lösung des Problems. Aber nichts rührt sich.
Hätte ich sie weiterschreiben lassen sollen? So tun, als ob ich alles verstehe? Vielleicht wäre es ein Renner geworden: Eine uralte Fabel im Originaltext! Hätte zwar niemand verstanden, aber – was soll’s! Es wird eine Menge unverständliches Zeugs gedruckt, was sich trotzdem gut verkauft...
Wenn der Verleger mitspielt – das richtige Marketing-Konzept, gute Pressearbeit ...
‘Nein, ein Dichter bist du nicht!’ blitzt es auf .
Und irgendwie habe ich ein fades Gefühl im Bauch – ganz schön schäbig! fasse ich meine Gedanken zusammen, ganz schön schäbig... Das Klappern meiner Schreibmaschine ruft mich in die Wirklichkeit zurück.

„Eine Moral – was ist das?“ lese ich da.

Eine Moral – nun ja, eine Moral ist... ‘Schau doch nach’, lächelt mich der Schädel zu meiner Linken an, ‘du hast doch genügend schlaue Bücher!’ Natürlich weiß ich, was eine Moral ist – eine Moral? Oder gibt es mehrere Moralen? Wenn etwas unmoralisch ist, ist es dann schlecht, oder widerspricht es nur der derzeit geltenden Moral? Manches ist unmoralisch, aber notwendig. Mir fällt Kästners Geschichte eines Moralisten ein: Fabian – der Mann, der ins Wasser springt, um einen Menschen zu retten, ohne zu bedenken, daß er selbst nicht schwimmen kann. Das ist die Moral von der Geschicht’! Die Moral von der Moral?

‘Du hast doch deine schlauen Bücher', lächelt es mich weiterhin von links an.

Ich mache mich auf den Weg zu meinen schlauen Büchern. Band 15: ‘Moe - Nor’, Seite 96, fast eine ganze Spalte... Aha, ...geltende Moral unterliegt dem gesellschaftlich-historischen Wandel. Und weiter: Unterschiedliche Gruppen- und Individual-Moral bestehen nebeneinander. Nun gut. Lasse ich einmal die in Mengen verfügbaren Adjektive außer Betracht, dann gibt es also nur eine Moral: Gut ist gut – und schlecht ist schlecht! Gut ist, was mir – und der Gesellschaft, der ich angehöre – nutzt. Schlecht ist, was mir schadet. Was mir nutzt, schadet vielleicht anderen – und umgekehrt! Langsam begreife ich, warum diese Fabel keine Moral kennt: Die Begriffe gut und schlecht sind ihr fremd. Diese Fabel, die ich nicht lesen kann, wurde nicht von Menschen geschrieben. Sie ist die erste aller Erzählungen. Und wir – wir haben sie vergessen! Spätestens, als wir begannen, die Welt in gut und böse aufzuteilen.

Der Text auf dem Blatt in der Schreibmaschine beginnt schon zu verblassen. Nur die letzte Zeile ist noch gut lesbar: Moral – was ist das?

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