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Am Grab

Bild von Angelika Zädow
Bibliothek

Leise rascheln die Herbstblätter unter seinen Schritten. Hier unter den Bäumen auf dem Friedhof liegen sie ganz dicht - wie Boten alles weltvergänglichen.
Egon zieht den Jackenkragen höher. Die Kälte kriecht durch jedes Knopfloch in dieser novemberfeuchten Luft.

Fröstelnd schaut er über die Gräber. Dort hinten liegt sie. Ma. Vor einigen Jahren schon gestorben. Über 90 ist sie geworden. Am meisten hat sie selbst darüber gestaunt. „Dass ein Mensch so alt werden kann“, wunderte sie sich oft - mit diesem unnachahmlich kurzen Kopfschütteln - genau drei Mal - bevor sie unvermittelt zum nächsten Thema überging.

Egon lächelt, als er daran denkt: „Ach Ma, Du warst schon echt besonders“.

Er biegt in die Gräberreihe. Sein Blick gleitet über die vertrauten kleinen Flächen. Schön bepflanzt und geharkt die einen, andere wirken durch Stein und Aufschrift.
„So verschieden die Gräber - so verschieden die Menschen“, geht es Egon durch den Kopf, „jeder etwas Besonderes - irgendwie.“

„Da bin ich wieder Ma“, sagt er und bleibt vor dem Grab stehen. Und erzählt von seiner Enkelin, die gerade geboren wurde und ihre Urenkelin ist, ruft Erinnerungen wach an gemeinsame Zeiten, an Sätze, die typisch waren für seine Ma. Und stellt sich vor, was sie jetzt zu dem ein oder anderen sagen, was sie freuen und was sie ärgern würde.
Dann ist seine Ma ganz nah. Anders als damals im wirklichen Leben. Aber doch ganz gegenwärtig in ihrer Art zu sein: ihrem Humor, dem verschmitzten Lächeln, ihrer Lust zu singen, dem Appetit beim Essen, der Liebe zu den Enkeltöchtern.

„Ich habe Marmelade gekocht“, sagt er jetzt. Vor seinem inneren Auge sieht er sie mit roter Schürze auf dem Balkon sitzen, eine Schüssel auf dem Schoß, eine andere davor auf dem Tisch und eine Haarnadel zum Entsteinen in der Hand. Zu Hause hat er ein Foto mit dieser Szene.

Es diente ihr zur Orientierung, als es alleine nicht mehr ging. Kirschen entsteinen mit der Enkelin - das Bild wurde auf die Türe im Wohnheim geklebt. Damit sie das richtige Zimmer finden konnte. Damals begannen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ineinander zu verschwimmen; die Orientierung im wirklichen Leben wurde mühsamer für Ma. Nur ihn hat sie bis zuletzt erkannt.
„Gesät verweslich - auferstehen unverweslich“ – so etwas in der Art hatte der Pfarrer bei der Beerdigung gesagt. Was das allerdings konkret bedeutet, konnte ihm bisher niemand erklären.
Wie es sein wird, nach dem Tod, ob überhaupt was bleibt und wenn ja was und wie.

Warum ihm seine Ma am Grab so nahe ist, konnte bisher auch keiner erklären. „Jeder Jeck ist anders“, sagen die rheinischen Freunde schulterzuckend und auch ein wenig verständnislos. Tot ist tot, weg, für immer vorbei, da bleibt nichts.

Nichts? Egon schüttelt den Kopf - fast wie seine Ma, mehrmals. „Jedes Leben bewirkt etwas“, denkt er laut, „etwas über den Tod hinaus. Vergangen heißt ja nicht gelöscht - aus der Welt, aus der Familie, aus dem Freundeskreis, aus dem Leben überhaupt.“

Vielleicht ist der Tod eher wie Licht hinter Transparentpapier. Vor ein paar Tagen sah er die Kinder mit ihren Laternen zu St. Martin durch die Straßen ziehen. Die Lichtquelle war durch das bunte Papier kaum zu erkennen. Aber das Papier leuchtet nur mit ihr bunt.

Alles heute Lebende leuchtet mit dem Leben dahinter, mit dem was vergangen ist.
Der Gedanke gefällt ihm. Erinnernd nahe sein ist anders als „in Wirklichkeit“, aber „anders wirklich“, anders nahe, anders da.

Es wird Zeit für ihn. „Tschüss, Ma“, Egon dreht sich herum. Lässt das Grab hinter sich und läuft zurück. An den anderen Gräbern vorbei.
Kühl ist es. Die Blätter rascheln. Er atmet tief. Durch den Geruch der feuchten Erde schimmert noch der Frühling, der war und auch der, der kommen wird … anders, ganz anders, aber immer neu - wie alles Leben.