Elvira

von Karin Steuck
Mitglied

Elvira,

Die Frauen in der Rehasportgruppe,
erinnern mich an sie.
Fünf Jahre nach ihrem Tod.
Bin dort umgeben von agilen, älteren, auf sich achtenden, beweglichen, stolzen Frauen.
Manche mit verschüchterten Gesichtern, viele von ihnen aber mit Wärme, Offenheit und Neugier in den Augen.
Ich sehe meine Mutter unter ihnen
und fühle mich
unerwartet
warm bemuttert.

Meine Mutter , mit ihrem wunderschönen Namen. Elvira. Sie war eine vergessene Königin, das konnte ich schon als Kind sehen. Sie fühlte sich so gut mit sich. Ich empfand sie manchmal wohltuend majestätisch in all dem unliebsamen Gezerre und Erwarten dieser beziehungslosen Familienmitglieder.
Obwohl ihr Gesicht, ihre Gesten alles andere als anmutig, meist von einer Starre durchzogen waren,
ihr Tun blieb durch sie selbst gewärmt, zielsicher und authentisch.

Sie bekleidete sich, entwarf sich. Stolz verrichtete sie ihren Beruf. Nahm den zweiten Ehemann in Kauf, um nicht allein zu sein. Seine Demütigungen waren nichts, im Vergleich zu den Bombennächten in Leipzig. Dort lernte sie zu gehen, über Schutt und Blut. Einfach immer weitergehen.

Sie liebte das große Leben dieser flirrenden Stadt, und sie selbst passte dazu. Das vergaß sie nie. Aufstrebend, modern, selbstbewusst, organisiert und schön.

Ihre Freunde hatte sie alle verloren, nur 5 Kinder überlebten den Bombenangriff auf die Schule.
Diese unaussprechliche Glück nahm ihr im Nachhinein leider die größten Erwartungen an das Leben.

Ihre Eltern, ein ungleiches Paar. Der konservative aber begabte kreative schöne Vater sucht sich eine unschöne Frau, damit er nicht in Versuchung gerät mit ihr zu schlafen. Als 18. Kind seiner vom trunkenen Bergbauvater vergewaltigten Mutter, konnte und wollte er seinen Trieben nicht ausgeliefert sein.

Die dicke, tonlose, bebrillte Frau Else, erstickte ihre kleine hübsche neugiere Elvira. Sie musste sich dieses einzige Kind bei ihrem Mann erbetteln.

So würde sie nie werden, wie ihre Mutter. Ohne Ziel und Inhalt und Stolz.
Sie wollte zwei Kinder. Einen Beruf. Unbedingt. Als Einzelkind fühlte sie sich immer einsam. Sie würde ihr ganzes Leben lang leider, die Wärme einer Familie um sich herum nicht finden.

Ich war ihr viertes Kind. Ungewollt getragen. Was ist das schon, gegen den Krieg, dachte sie und nahm ihr Schicksal an. Versorgte mich tapfer, ohne Herz und bekam nie eine Freundin, die sie sich doch wenigstens wünschte.
In ihren letzten Lebensmonaten wünschte sie, dass ich diese Familie erhalte. Es ist mir nicht gelungen, eher das Gegenteil. Abgespalten, Wahrheiten getrennte Nichtbegegnung.
Die Wärme meiner eigenen Familie hat sie nie berühren können, sie blieb für sie unverstanden, verschleiert ihre Augen dafür.

Liebe für sie lange lange her.
Ihre große Liebe, der erste Ehemann
liebte nach nur 4 Jahren lieber die Sekrerärin statt Elvira mit den zwei kleinen gemeinsamen Töchtern. Von ihr ersehntes Glück abermals zerbombt.

Aber sie ging weiter. Meine Beine gehen weiter, sprach es in ihr, trotzdem, wie in Leipzig damals.
Traf in der neuen Stadt beim Suchen einen intelligenten schüchternen Mann, er schien sich sogar über ihre Kinder zu freuen.
Vor Kindern zitterten seine Hände nicht.

Dieser zweite Mann schielte anderen Frauen hinterher. Gleich, direkt, lusttönend ins Dekoltè. Zum Betrug fehlte ihm die Sicherheit.
Entrohnte er sie mit seiner scheinbaren Missachtung und Demütigung?
Er versuchte alles worauf sie stolz war, mit seinem Lachen zu zertreten.

Etwas in ihr hat er nie erreichen können, das konnte ich sehen. Sie blieb eine starke Königin, wenn auch eine traurige, einsame.
Dankbar für ihre lustvolle Kreativität, ihr Geschick, für ihre schönen Beine, und ihrer emotionalen Unabhängigkeit.

Sie bleib bei ihm, bis zu ihren letzten Lebenstagen, in der verbleibenden Hoffnung, er möge ihr in ihrem letzten Leiden beistehen.
Sie wurde bitter enttäuscht.
Erstmals sah ich Widerstand und Enttäuschung in ihrem Wesen.

Ich hätte gern ihren Traum lebendig gesehen.
Elvira in der Großstadt Leipzig lebend, ganz für sich, stark und stolz und vielleicht hätte sie sich doch ein zweites Mal getraut zu lieben, statt im grauen Schutt ihrer zweiten Ehe zu bleiben.

So allein hätte sie auch in Leipzig sterben können.
Nein, dann wäre ich bei ihr gewesen, vielleicht. Und ich hätte ihr wahres, zartes, weiches, schönes, verletzliches Gesicht nicht erst in ihrem letzten Bett gesehen.

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