Morgengedanken eines Stadtstreichers

von marie mehrfeld
Mitglied

Auf der Zeil frühmorgens um halb fünf. Vereinzeltes Hupen, ein zwei Rollläden rattern hoch. Frankfurt erwacht allmählich. Unter einer der Platanen, auf dem von der Hitze des letzen Tages und der schwülen Nacht noch immer warmen Pflaster, liegt Karl. Nachname unbekannt. Auf seinem zerschlissenen Schlafsack. Linker Arm unterm Kopf, Beine hochgestellt. Achtundfünfzig ist er, eins achtzig groß. Hager, blonde Halbglatze, Resthaar am Hinterkopf zu einem Zöpfchen verknotet, grauroter Zweimonatsbart. Nachdenkliche dunkelblaue Augen. Von vielen Fältchen eingerahmt. Schwarze Fingernägel. So liegt er da und schaut entspannt und noch schläfrig in die bläulich graue Dämmerung. In den blassen Dunst eines aufsteigenden hoch sommerlichen Großstadttags. In Klamotten, die er seit Wochen nicht gewechselt hat. Heute wird er sich in der Kleiderkammer der Inneren Mission neue holen. Denkt er, vor dem endgültigen Erwachen, bevor er beschließt, sich dem kommenden Tag zu stellen. Angeregt von dem Hauch eines zarten Kaffeeduftes, der aus dem noch geschlossenen nahe gelegenen Café dringt und sich über den leichten Geruch der öffentlichen Bedürfnisanstalt gelegt hat, kommen ihm verlockende Gedanken ans Frühstücken damals. Vor ewiger Zeit. An den frisch gebrühten Kaffee. an das eben geköpfte allmorgendliche Ei. Dazu ein knackiges Butterbrötchen, das er viel zu hastig verschlingt, weil die Zeit knapp ist. Schneller Blick auf die Schlagzeilen der Bildzeitung. Am Tisch auch Irma, seine Frau. Jung, blond, klein. Drall, schön. Und Sohn Mäxchen. Ganz der Papa, wie man sagt. Rasiert und geduscht ist er schon. Und wie immer auf dem Sprung. Noch kauend erhebt er sich. Verabschiedet sich hastig von Frau und Sohn. Flüchtige Küsschen rechts und links. Sei brav in der Schule. Und ab geht’s in dem grauen durchaus geliebten Käfer. Hunderttausend hat er drauf. In den ewigen Stau. Mit Glück ist er nach einer Stunde Stopp-and-Go in der Firma. Dann malochen bis abends um sechs. Schrauben. Hämmern. Bohren. Drehen. Hebeln. Schieben. Rennen. Unterbrochen nur von Tomatensoßennudeln in der Werkskantine. Während der halbstündigen Mittagspause kurzer Austausch mit Kollegen. Über die Eintracht. Wer schoss wann ein Tor. Politiker Beschimpfungen. Gelächter auch. Grobe Witze. Über den knackigen Arsch der Kollegin. Nur zum Beispiel. Danach wieder die Maloche. Viel zu wenig Anerkennung seiner, wie er weiß, guten Arbeit. Abends zurück durch den Stau. In die Dreizimmerwohnung mit Küche und Bad. Siebenundsechzig Quadratmeter. Klein aber bezahlbar, im neunten Stockwerk eines Hochhauses. Sein Zuhause. Langes Duschen. Abendessen im schwarzen kunstledernen Ikeasessel vor dem Fernseher. Beine auf dem Couchtisch. Wurst Stulle in der rechten, Bier in der linken Hand. Er braucht seine Ruhe jetzt. Frisch gebadet kommt der Sohn, gute Nacht Papa. Träum süß Mäxchen. Unkonzentriertes Streicheln des kleinen Kopfes. Weiter nichts mit dem Kind. Sie hängt Wäsche auf, singt dem Kind ein Lied, erzählt ihm eine Einschlafgeschichte. Dann befiehlt Karl, jetzt mach mir mal dalli dalli einen strammen Max, Frau. Sie macht. Danach Fernsehen. Wie immer Streit mit Irma, die Schwarzwaldklinik gucken will. Und nicht Fußball. Er ist der Boss, setzt sich durch. Sie telefoniert. Vom Schlafzimmer aus, mit der besten Freundin. Erbost. Stunden lang. Sie braucht das als Ausgleich. Karl der Supermacho, klagt sie. Was er war, wie er heute weiß. In der Nacht langt er routiniert rüber zu ihr. Zweimal in der Woche mindestens. Sein gutes Recht. Er braucht das. Samstags immer. Ohne große Zärtlichkeit. Sie mimt die Begeisterte. Er nimmt es ihr ab. Ist am einfachsten so. Karl kennt nur eigene Bedürfnisse. Das bereut er heute. Und am nächsten Morgen. Dreht sich das Karussell weiter. Der immer gleiche Rhythmus. Stau. Roboten. Fressen. Saufen. Pennen. Glotzen. Frau. Zum Kotzen. Denkt er in seiner groben Sprache. Ein Tag wie der andere. Unterbrochen nur von Kinderkrankheiten. Irmis Unpässlichkeiten. Und ein bis zwei Mal jährlich die fällige Grippe. Da war’s am gemütlichsten. Mit Irmis Fürsorge. Und nassem Waschlappen auf der Stirn. Verwöhnung wie als Kind bei der Mama. Karl lächelt wieder. Dann die üblichen zwei Wochen Zelten an der Adria in Rimini. Mit dem vollgestopften Käfer über die Alpen. Und wiederum vielen Staus. Streit um nichts. Mit Irmi. Und aus den Nachbarzelten. Sehr viel Bier. Durchgröhlte Nächte, schmerzhafte Sonnenbrände. Da hatte er mal Zeit für seinen Sohn. Burgen bauen im Sand am Meer. Das war gut. Karl lächelt ein drittes Mal. Und er weiß. Dieses Leben hat er verloren. Erst keine Arbeit mehr. Die Firma pleite. Dann ging die Frau. Die Liebe war erloschen. Sie nahm den Sohn mit. Anders ging es auch nicht. Er verstand nichts von Kindern. Die Wohnung wurde unbezahlbar. Und dann kam die Straße. Ein teuflischer Kreis. Anfangs war’s schwer. Dann wurde er hart im Nehmen. So nach und nach. Lernte auszuteilen. Notgedrungen. Seine Sprache verwilderte. Karl verwilderte. Hat sich das gelohnt, war es gut, sein früheres kleinbürgerliches Leben, fragt er sich jetzt oft. Sinnierend. Noch da liegend. War es nicht vor allem Hetze und Monotonie. Hat er seinem Sohn, seiner Frau, die Liebe und Geborgenheit gegeben, die sie gebraucht hätten, die er wohl selbst Zeit seines Lebens vergeblich suchte? Er weiß genau, er hat nicht. War es damals besser als das hier, sein Leben? Diese Fragen drängen sich Karl oft in der Morgendämmerung auf. So auch heute, kurz vor dem vollständigen Wachsein. Noch ungewaschen, unrasiert, stinkend auf dem nackten Pflaster liegend. Er verschluckt die Antworten, die er sich selbst geben könnte. Redet sich ein, das ist vorbei, Gegenwart zählt. Schuld bekennen nutzt nichts mehr. So schützt er sich vor sich selbst. Vor dem endgültigen Absturz in die Verzweiflung. Denn trotz alledem will er leben. Von Tag zu Tag, das genügt ihm jetzt. Nur krank werden darf er nicht. Muss sein Heft in der Hand behalten. Und dem Alkohol verfallen will er auch nicht. Beobachtet täglich, wo das enden kann. Gedanken an die Qualen des kommenden Winters verdrängt er. Zurück kann er sowieso nicht. Die Frau hat längst einen anderen. Ist ja auch ein properes Weib, denkt er etwas wehmütig. Und der Sohn ist groß. Studiert, wie er gehört hat von seiner Schwester, die ihren verlorenen Bruder manchmal aufsucht und ihm Geld zusteckt. Danke, denkt er. Begegnen will er dem Sohn keinesfalls. Das hat mit Ehre zu tun, irgendwie. Aber natürlich wünscht er ihm das Beste. Max soll nicht so enden wie er.
Die Nacht ist vorbei. Das Grübeln hört auf. Richtig hell ist es jetzt. Bald kommen die Hausfrauen. Mit ihren Einkaufstaschen. Und die Männer von der Müllabfuhr. Er muss weg hier. Karl rappelt sich mühsam hoch. Kratzt sich verstohlen am Sack. Erleichtert sich am Baum. Spürt den üblen Morgengeschmack auf der Zunge. Fährt mit dem Daumen über die stumpfen Zähne, die vielleicht später noch geputzt werden. Wenn er Gelegenheit dazu bekommt, im Hauptbahnhof bei der Bahnhofsmission vielleicht. Seine Zahnbürste hat er in der Hosentasche. Da kann er sich auch duschen. Kostet nichts. Vagabund ist Karl. Nicht-Sesshafter. Stadtstreicher. Gammler, sagen böse Zungen. Und auch Bettler ist er. Dieb aber keinesfalls. Er macht sich für den Tag bereit. Genehmigt sich von dem gestern erbettelten Geld einen Coffee – to - go. Wie man das heute nennt. Was er albern findet. Womit er recht hat. Und ein Croissant. Isst trinkt im Stehen. Genießt das. Fühlt sich frei, weil für nichts und niemanden verantwortlich. Nur für sich selbst. Dann setzt er sich an seinen Arbeitsplatz. Vor dem Kaufhof. Auf seinen Schlafsack. Stellt den Pappbecher vor sich. Und wartet.
Ein neuer Tag beginnt. Vielleicht kommt sie heute wieder, die Frau mit dem langen weißen Zopf. Und gibt ihm lächelnd einen oder zwei Euro. Lässt sich einen Witz erzählen. Hört ihm zu, nimmt ihn ernst. Vielleicht trifft er seinen Freund Marcel, den alten stets besoffenen Spanier. Der auch auf der Straße lebt. Er hat ihn lange nicht gesehen, macht sich Sorgen um ihn. Vielleicht spuckt ihm der fiese Typ, der mit den Springerstiefeln, wieder in den Becher und sagt, verpiss dich. Menschen wie dich braucht niemand. Es kommt wie es kommt. Denkt Karl, der Fatalist. Stoisch. Mia heißt die Frau mit dem weißen Zopf. Sie weiß, dass Karl Pech hatte im Leben. Er erinnert sie an ihren Schwiegersohn Jan, von dem sie lange nichts gehört hat. Sie sagt: Wenn du Karl vor dem Kaufhof sitzen siehst, hör ihm zu, lache ihn an, wenn du kannst, lade ihn vielleicht zu einem Kaffee ein, meinetwegen auch zu einem to-go. Und wirf einen Euro in seinen Pappbecher.

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Interne Verweise

Kommentare

Detmar Roberts
12. Mär 2017

Grade bin ich auf die "Morgengedanken eines Stadtstreichers" gestoßen, habe die Geschichte gleich zweimal gelesen und bin angetan davon. In knappen Sätzen breitet sich ein Schicksal vor mir aus, das mich berührt. Du beschreibst den Karl gekonnt mit Verständnis und fast schon Sympathie. Klasse.
Grüße
D.R.

29. Apr 2017

Besondere Freude, wenn du mir etwas schreibst. Die Zahl der Obdachlosen nimmt in unerem Land ständig zu, das ist Besorgnis erregend.
LG Marie

29. Apr 2017

Das ist gut geschrieben.Es rührt mich geradezu an.
Es braucht nicht zu viel Fantasie(meine ich),den schmalen Grat zu erkennen,
der Lebensschicksale bestimmt.Kenne zu viele,die zu stolz sind auf ihre Leistung . . .
die glückliche Fügungen gänzlich ausblenden.Witzig.
lG
ulli

29. Apr 2017

Danke. Ich hatte beim Schreiben einen real beobachteten "Stadtstreicher" im Kopf, kannte aber weder seinen Namen noch sein Schicksal, ich habe es mir vorgestellt. Habe dem "Karl" oft einen Euro geschenkt, mit ihm geredet oder einen Kaffee spendiert.Jetzt sitzt er nicht mehr an seinem Platz; was wohl aus ihm geworden ist?
Liebe Grüße, Marie

22. Okt 2017

Eine fantastische Charakterstudie und zugleich Studie unserer Gesellschaft. So lebendig bis ins kleinste wichtige Detail beschrieben. Toll. Und dann so gut lesbar durch die Anzahl der Zeilen, nicht ausufernd zahlreich. Danke.
LG Monika

22. Okt 2017

Danke, liebe Monika. Die Zahl der aus dem Netz Gefallenen nimmt ständig zu, obwohl wir in einer Wohstandsgesellschaft leben, in einem der reichsten Länder weltweit. Das beschäftigt mich jedes Mal, wenn ich in der Mitte der Stadt zu tun habe. Vor allem die aus Rumänien Stammenden tauchen in immer größeren Gruppen auf, deren aggressive Bettelei auf mafiöse Strukturen zurückzuführen ist. Dieses Wissen regt mein Mitgefühl nicht an. Man gerät leider in Gefahr, wegzuschauen und Schicksale nicht mehr einzeln wahrzunehmen.
Liebe Grüße - Marie

22. Okt 2017

Das habe ich mit Spannung gelesen, Marie. Dieser Text hat mir außerordentlich gut gefallen.

Liebe Grüße,
Annelie

02. Nov 2017

Danke, Annelie. In "meiner" Stadt gibt es zu viele von ihnen. Man sollte nicht vergessen, dass jedem "normalen" Menschen ein totaler Absturz der einen oder anderen Art passieren kann ...

Liebe Grüße - Marie

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