Wen wundert das - Momentaufnahme am 15. 2. 2018

von marie mehrfeld
Mitglied

Jetzt bleib ich einfach hocken auf der Gartenbank und atme die unerwarteten Schneeflocken ein, die auf meinen geschlossenen Lidern schmelzen und sich mit ein, zwei nicht erklärbaren Tränen mischen, lasse die Gedanken laufen, in Wartestellung bin ich, und Du bist es auch, darauf, was so geschieht, wobei wir eher hilflos zusehen, zuhören müssen in den Nachrichten des Tages, ich versuche, es an mir vorbei ziehen zu lassen, doch es sickert unter die Haut, ein neuer Amoklauf an einer amerikanischen Schule heute, wen wundert das noch in diesem martialisch aufgerüsteten Land, ein deutsch-türkischer Journalist wird vielleicht aus der Haft entlassen, wenn wir der Türkei als Gegenleistung neue Leopard 2 Panzer liefern, damit Erdogans Armee sie gegen die Kurdenmiliz YPG einsetzen kann, die mit unserer Unterstützung vor kurzem noch so tapfer gegen den IS gekämpft hat, Rheinmetall treibt den schmutzigen Türkei-Deal voran, wen wundert das, es geht doch um unser Bruttosozialprodukt und um Arbeitsplätze und schwarze Nullen, wir kriegen den Hals nicht voll, der Meeresspiegel steigt jedes Jahr schneller als erwartet, der Zuwachs könnte bis zur nächsten Jahrhundertwende mehr als das Doppelte bisheriger Prognosen erreichen, dann werden sich weitere Völker auf die Flucht begeben, um das nackte Leben zu retten, und sie werden auch uns überfluten, wen wundert das, im Briefkasten eine Traueranzeige, lange nichts mehr von Bernd gehört, hättest dich mehr kümmern müssen, murmelt mein Gewissen, er musste gehen, und wie viel Zeit bleibt mir noch, mehr will ich nicht denken, der junge Schnee macht meine kleine Welt grade so heil und still, doch ich spüre das Brodeln, das Ungewisse unter der Oberfläche, ohne es benennen zu können. So ist das mit mir und mit Dir, mit uns allen, so war es immer schon, der große Fluss fließt, wohin, ist ungewiss, wen wundert das. Nun wird es mir zu nass auf der Bank, ich flüchte in mein warmes Haus und hoffe inständig, Du hast Zeit für ein Gespräch.

Quelle: Fotos kostenlos

Buchempfehlung:

92 Seiten / Taschenbuch
EUR 9,50

Interne Verweise

Kommentare

15. Feb 2018

Irgendwann geht nichts mehr in den Hals -
und wir müssen auf die Walz.
Nichts wird dann hier wohl mehr gut.
Die Marie beschreibt das gut.
Lasst uns miteinander sprechen,
um der Menschen Leid zu retten.
Dank auch für die guten Zeilen.
Wohl zu spät bald, hier noch zu verweilen.

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie

17. Feb 2018

Danke, liebe Annelie.

Doch immer noch möcht ich's so sehen -
vielleicht kann man das Ruder drehen ...

Liebe Grüße zurück - Marie

15. Feb 2018

Du sprichst es an. Du sprichst es aus.
Gedanken, die mich stark berühren.
Menschen machen der Schöpfung den Garaus,
wir alle können es jetzt schon spüren.
Danke für Deine tiefgehende Kurzprosa, Marie.

Liebe Grüße,
Monika

16. Feb 2018

Wir können es sagen, spüren und denken.
Was bleibt, ist das Hoffen, ER wird es lenken …

Ich danke Dir für Deine guten Worte, Monika.
Liebe Grüße - Marie

15. Feb 2018

Vernünftig sein zu wollen, in einer verrückten Welt - sei verrückt!
So hat es Voltaire einst ja schon ausgedrückt ...

LG Axel

16. Feb 2018

Danke, Axel.
Du zitierst einen der größten Denker der Aufklärung.
Er hat auch gesagt Die Zeit heilt alle Wunden.
Das ist doch wiederum tröstlich ...

Liebe Grüße - Marie .
.

15. Feb 2018

Liebe Marie, als ich heute gegen 7:00 die Nachrichten hörte, war mir der Morgen schon vergangen. Und als ich dann noch hörte das Trump für die Opfer betet, hatte ich ganz den Plan. Er würde besser sein Land vor Amokläufer an Schulen schützen. Amerika ist ja darin trauriger Spitzenreiter ...! Die Welt ist gleichgültig geworden, äußerst habgierig und egoistisch.

Herzliche Grüße
Soléa

16. Feb 2018

Danke, liebe Soléa, man kommt nicht los von diesem Thema, und das ist gut so. Es gibt ja kaum einen Tag mehr ohne Horrornachrichten. Wenn ich es gar nicht mehr aushalte, ignoriere gelegentlich ein, zwei Tage lang alle politischen Sendnungen und konzentriere mich auf ein gutes Buch. Das kann sehr erholsam sein!

Sei herzlich gegrüßt - Marie