Die hellen Tage mit ihr

von marie mehrfeld
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Manchmal sind sie für wenige Augenblicke zurück, die hellen Tage mir ihr, wenn ihm beim Kramen das Bild in den Blick gerät, verliebt lachend, mit wehendem rotem Haar, in Wanderkluft, Hand in Hand mit ihm durch den Wald.

Bewahren, festhalten, einbrennen möchte er diese Erinnerungen in den Teil seines Gedächtnisses, der für Freude zuständig ist, will sich die Zeit mit ihr immer wieder überstülpen können wie einen hauteng sitzenden Handschuh aus feinstem Nappa.

Doch weiß er genau, dass es die dunklen Tage gibt, die alle Erinnerungen an die hellen verschlingen und aufschluchzend im Sog des schwarzen Schlunds verschwinden lassen, der ein Teil von ihm ist.

Wie ein geprügelter Hund litt er in der Nacht, als sie ging. Obwohl er ein Mann ist, heult er oft, will sie aus sich heraus schwemmen. Vergeblich. Unlöschbar ist sie in ihm verankert und schwimmt stets gegen den Strom seiner Tränen wieder zu ihm zurück.

Es tröstet ihn auch nicht, zu ahnen, dass sie nicht ungeschoren davonkommt,
weil sie einen Teil der Verletzungen, die sie ihm zugefügt hat, hin und wieder schmerzhaft in sich selbst fühlen wird.

Behutsam nimmt er seine Geige in die Hand, legt sie in die linke Kuhle zwischen Kinn und Hals, schließt die Augen und spielt. So, wie er es kann, unvollkommen. Am liebsten die Händelsonate F Moll HWV 370, den langsamen Satz. Diese klare Musik lässt ihn jedes Mal seinen Kummer vergessen, bringt ihn wieder zurück zu sich selbst.

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Kommentare

05. Apr 2017

In jedem Leiden steckt auch die Chance, sich selbst wieder zu entdecken und in sich Frieden zu finden. Diesen tröstenden Aspekt hab ich in Deinem schönen Gedicht für mich herauslesen können.
LG Monika

05. Apr 2017

Danke, Monika. Die Musik kann heilen, so habe ich es erfahren, wobei jeder so seine eigenen Prioritäten hat.
Liebe Grüße, Marie

05. Apr 2017

Tröstlich, wenn man Geige spielen kann. Ich kann nur Flöte, Marie ... und die hilft nicht. Ein schönes Gedicht - von Erinnerungen, Liebe, Leid und Trost.

Liebe Grüße
Annelie

05. Apr 2017

Als Kind habe ich Geigenstunden bekommen, war aber zu faul zum Üben und habe deshalb verfrüht aufgegeben, das bereue ich heute noch, liebe Annelie. Das Adagio, von dem die Rede ist, kann ich aber immer noch auswendig. Flöten gefällt mir auch, das lernt man ohne viel zu üben. Klingt nur machmal nicht so sauber.
Liebe Grüße, Marie

05. Apr 2017

Liebe Monika, sehr schön in all seiner TRaurigkeit. Glückliche Mesnchen sind alle gleich, sagt man. Aber die Traurigkeit macht jeden individuell...
Ich denke nicht, dass die Zeit alle Wunden heilt. Dein Satz "Unlöschbar ist sie in ihm verankert und schwimmt stets gegen den Strom seiner Tränen wieder zu ihm zurück" trifft es denke ich genau. Ein kaputtes Knie mag heilen, aber der Verlust eines Menschen wird bleibende Naben hinterlassen. Mit jedem Menschen geht eine ganze Welt. Und ich persönlich denke nicht, dass man zu sich zurückfindet. Nein. Man kann nie zweimal in denselben Fluss springen. Genauso wenig wird man an sich selbst wieder anknüpfen können. Eine solche Liebe und ein solcher Verlust verändern. Leider. Vielleicht hat mich die geschichte deshalb so berührt.
lg
Anouk

05. Apr 2017

Liebe Anouk, Du meinst sicher mich, Marie, ich danke dir für deine Worte, wir wissen alle aus Erfahrung, dass seelische Verletzungen Narben hinterlassen, die nicht vergehen. Es wächst auch nur oberflächlich Gras darüber, und Zeit heilt gewiss nicht alle Wunden. Liebe Grüße, Marie

05. Apr 2017

Liebe Marie, natürlich meine ich dich ich unkonzentrierter Dödel, mein Auge hing noch an dem Kommentar von Monika und promt adressiere ich dich mit "Monika", verzeih! :)

Detmar Roberts
05. Apr 2017

"Die hellen Tage mit ihr" - erinnert mich intensiv an meine erste große Liebe vor Jahrzehnten, SIE hat mich verlassen damals, ich war krank vor Kummer und denke heute noch an "sie", allerdings inzwischen versöhnt.
Grüße D.R.